Kontroverse Baukunst: Architektur in Belgrad

Das Stadtbild von Belgrad ist von der Moderne geprägt. Die subtile Verschmelzung von zeitgenössischen und historischen Bauwerken gibt heute den Ton an.

Ganz ohne Vorwarnung rieselt die pulsierende Energie auf den Besucher ein und begleitet ihn durch die unzähligen Straßen und Plätze der serbischen Hauptstadt Belgrad. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich von dieser treibenden Kraft anstecken zu lassen. Heute ist es eine Metropole, die sich trotz einer schwierigen politischen Vergangenheit selbstbewusst und weltoffen präsentiert.

Im Bild: Das heute leer stehende Hotel Jugoslavija in Novi Beograd Bei einem Spaziergang auf der berühmten Einkaufsmeile Ulica Knez Mihailova entdeckt man wichtige Denkmäler, prunkvolle Gebäude und Bürgerhäuser, viele davon im klassizistischen Stil. Der historische Stadtkern besticht durch die Gartenanlage Kalemegdan und die Dominanz der Belgrader Festung (Beogradska tvrdjava), welche oberhalb der Mündung der Save in die Donau auf einem Steinfelsen thront. Der starke Einfluss der Moderne, ist heute noch stark sichtbar, nahm erst nach dem ersten Weltkrieg Konturen an. "Die unterschiedlichen Baukulturen, die sich mit den Jahren hier angesammelt haben, sorgen für eine ganz spezielle Mischung architektonischer Stile und darin liegt auch die Besonderheit der Analyse", so Adolph Stiller, Kurator der aktuellen Ausstellung "Belgrad – Momente der Architektur" der Vienna Insurance Group im Wiener Ringturm.

Im Bild: Das neue Museum für Wissenschaft
und Technik des heimischen Architekten Boris Podrecca Maßgeblich beteiligt an der Idee der zeitgenössischen Architektur in den 1920er-Jahre und 1930er-Jahren war die Gruppe der Architekten moderner Richtung. Diese wurde im Jahr 1928 von den Architekten Branislav Kojic, Milan Zlokovic, Jan Dubovy und Dušan Babic gegründet. Dieser Zusammenschluss brachte viele weitere Architekturgrößen wie Dragiša Brašovan oder Nikola Dobrovic hervor. Den wohl meisten Einfluss auf die Stadtarchitektur der Zwischenkriegszeit hatte Zlokovic. Von ihm stammt etwa die Universitätsklinik für Kinder oder die Fiat-Zentrale, die heute noch zum Belgrader Bestand zählen. Neben Strömungen des modernen Rationalismus würdigte man auch den Bauhausstil. Mit der Amtszeit von Tito wurde das Stadtbild durch eine monarchistische und zugleich zeitgenössische, durchaus sozialistische Baukultur geprägt. Diese gewisse moderne Freiheit des Staates galt Bürgern der Ostblockstaaten als Vorbild. Nikola Dobrovic war damals eine wichtige Instanz für die Moderne und ein Verfechter des eklektischen Baumusters. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sein einziges Projekt in Belgrad realisiert: das Generalstabsgebäude. 

Im Bild: Der Stadtteil Neues Belgrad wurde auf dem linken Sava-Ufer erbaut. Signifikant sind hier vor allem die großen Wohnblöcke mit ihrer rationalen Formensprache Während des Balkankrieges wurde der Entwurf beschädigt und wartet bis heute noch vergeblich auf seine rettende Restaurierung. Als Anhänger der Vision der Ausdehnung Belgrads am linken Save-Ufer war er der erste Planer und Organisator, der nach dem Krieg den städtebaulichen Masterplan vorantrieb. 

Im Bild: Ein Anfang 1930er errichtetes Wohnhaus von Branislav Kojic Novi Beograd (Neues Belgrad) wurde auf unbewohnten Morast- und Sumpfgebieten erbaut. Heute ist dieser Teil der größte der Stadt. Hier entstanden die ersten größeren Wohnbauten (Blokovi) oder auch öffentliche Objekte wie das heute leider noch immer leer stehende Baujuwel Hotel Jugoslavija. Das Genex-Center ist ein weiteres Wahrzeichen, von Mihajlo Mitrovic entworfen, und gilt als Synonym für den Brutalismus-Stil. Dieser leitet sich vom französischen Ausdruck béton brut (roher Beton) ab und entstand in Anlehnung an die rationale Architektur.

Im Bild: Die Genex-Türme – ein wichtiger Meilenstein der Bauhistorie. Wobei die Sichtbarkeit des Materials mit seinen Unebenheiten und den Abdrücken der Schalung im Vordergrund stehen. Die Armeedruckerei Srbija von Milorad Macura oder das Mitte der 1950er-Jahre entworfene Haus der Presse von Ratomir Bogojevic sind weitere Beispiele dafür. Die wichtigsten Vertreter der modernen Folge-Generation sind Branislav Mitrovic und der im letzten Jahr verstorbene Bogdan Bogdanovic. Neben dem Denkmal für jüdische Opfer des Faschismus in Belgrad, überzeugte er mit herausragenden Gedenkstätten und galt als genialer Querdenker.

Im Bild: Das Gebäude der Luftstreitkräfte wurde vom Architekten Dragiša Brašovan entworfen und im Jahr 1939 fertiggestellt Die gegenwärtige Baukunst der Stadt wird aktuell auch von zwei österreichischen Projekte dominiert. Wolfgang Tschapeller erhielt für den Bau des neuen Zentrums für Wissenschaftsförderung den ersten Preis und Boris Podrecca realisiert derzeit den Neu- und Zubau des Museums der Wissenschaft und Technik. 

Im Bild: Der zeitgenössische Entwurf des österreichischen Architekten Wolfgang Tschapeller erhielt den ersten Preis für den Bau des neuen Belgrader Zentrums für Wissenschaftsförderung Das Gros der jungen Szene versucht, ihren eigenen Weg zu finden. Mit Entwürfen wie etwa dem Atelier von Dejan Miljkovic und Jovan Mitrovic, werden vorsichtige Akzente gesetzt. 

Erfrischende und innovative Ideen könnten sich ins illustre Stadtbild gut einfügen. Belgrad – mit all seinen architektonischen Kontroversen – kann hier ruhig mehr vertragen. Denn Mut dazu könnte man aus alten Zeiten schöpfen. Ausstellung

Belgrad – Momente der Architektur
Die Ausstellungsreihe "Architektur im Wiener Ringturm" der Vienna Insurance Group widmet sich bis 11. November, gegliedert in drei große Zeitabschnitte, den bauhistorischen Entwicklungen der serbischen Hauptstadt.

www.vig.com 

Im Bild: Das Atelier von Mrdjan Bajić – 2010 von Dejan Miljković und Jovan Mitrović fertiggestellt Adolph Stiller, Historiker und Kurator, und der serbische Architekt und Forscher Bojan Kovacevic im IMMO-Interview über Baukunst in Belgrad.

Welche Besonderheiten weist die Architektur der serbischen Metropole auf?
Adolph Stiller: Die Stadt ist sehr speziell und lässt sich mit keiner anderen vergleichen. Vorherrschend ist diese besondere Baukultur mit einer interessanten gesellschaftspolitischen Entwicklung. Das Schöne daran ist die Dichte der qualitativ hochwertigen Architektur und das alleine zeichnet diese Stadt schon aus.
Bojan Kovacevic: Belgrad ist vor allem eine Stadt die, wie es einst Bogdan Bogdanovic beschrieben hat, in einem schwierigen Widerspruch lebt. Einerseits ist es eine historisch sehr alte Stadt, aber gleichzeitig, sind von dieser langen Geschichte sehr wenige Überreste geblieben. Natürlich mit Ausnahme der Festung. Vergessen Sie nicht, dass das älteste erhaltene Haus in Belgrad, aus der Zeit 1717 bis 1739 stammt – damals herrschte noch Österreich.
Ein weiteres herausragendes Merkmal ist das Gelände, auf dem das heutige Zentrum von Belgrad steht, immer geneigt in Richtung der Flüsse Donau und Sava. Drittens fehlt in Belgrad die konsequente Architektur, die Bildung der Stadt wurde immer wieder, unter anderem auch durch Kriege, unterbrochen. Welches Gebäude verkörpert Ihrer Meinung nach am ehesten den Belgrader-Stil?
Kovacevic: Das Haus des Architekten Branislav Kojic in der Prizren Straße aus den frühen 1930er-Jahren. Es zeigt, dass die moderne Architektur Serbiens nicht im
Sozialismus begann. Kojic ist einer der vier Gründer der Gruppe der Architekten moderner Richtung. Nach dem ersten Weltkrieg hat er sich zurückgezogen und mit ländlicher Architektur, fernab von modernen Themen, beschäftigt. Beim Prizren-Gebäude sieht man diesen Wandel durch die für die Moderne untypischen Barockeinflüsse. Wichtig ist auch, dass hier eine Zeit lang der serbische Autor und Nobelpreisträger Ivo Andric gelebt und seine wichtigsten Werke geschrieben hat.

Im Bild: Bürogebäude von Aleksej Brkic. Welchen Einfluss hatte die Amtszeit von Josip Broz Tito auf die Architekturgeschichte?

Stiller: Belgrad war die Hauptstadt eines großen Landes und Jugoslawien war blockfrei. Josip Broz Tito hat die moderne Architektur der 1950er- und 1960er-Jahre als Zeichen gesehen und benutzte diese, um sich im Gegensatz zu anderen kommunistischen Ländern modern zu präsentieren. Die Blockstaaten hingegen haben bis hin zum Wohnbau den Stalinismus und die kommunistische Architektur durchgezogen.

Kovacevic: Unser System hat zwar wegen des Konflikts mit Stalin im Jahr 1948 einen etwas liberaleren Sozialismus erfahren, doch trotzdem war dieser weit entfernt von jeglicher Demokratie. Darüber hinaus wurde die Möglichkeit des industriellen Wohnungsbau nicht als Massenziel angesehen. Man dachte an eine sehr begrenzte Anzahl identischer oder sehr ähnlicher Gebäude. Für diese Projekte wurden sogar eigene Wettbewerbe initiiert. 

Im Bild links: Der serbische Architekt und Forscher Bojan Kovacevic Welche Rolle spielt zeitgenössische Baukunst im heutigen Belgrad?

Kovacevic Ab der Postmoderne, 1980 und kurz danach, gab es gut gemeinte Lösungen, die aber häufig am Versuch anders zu sein scheiterten. Heute hat man das Genre der Moderne akzeptiert und erkannt, dass gerade diese augenscheinliche Einfachheit eine besondere Disziplin darstellt.

Im Bild mitte: Adolph Stiller, Historiker und Kurator der Ausstellung "Belgrad - Momente der Architektur"
(KURIER) Erstellt am
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