© Elena Mahugo

Interview
06/21/2016

"Im Grunde bin ich ein Stuhldesigner"

Der Brite Jasper Morrison zählt zu den einflussreichsten Gestaltern der Gegenwart. IMMO hat den Designer in London zum Interview getroffen.

von Ankica Nikolić

Im Schritttempo geht es durch den morgendlichen Berufsverkehr von London, einmal quer durch die ganze Stadt. Das Ziel: 24b Kingsland Road und eine kleine schwarze Tür, hinter der sich das Atelier von Jasper Morrison versteckt. Dass nicht einmal ein Namensschild an der Türglocke zu finden ist, passt zum Termin und zur Person, denn Morrison ist vieles nur kein Lauter. Das kreative Epizentrum des 57-Jährigen grenzt direkt an den eigenen Shop. Hier kann man fast alles kaufen, wo Morrison draufsteht. Das Büro des gebürtigen Londoner kommt ohne viel Schnickschnack aus, es ist hell und gemütlich. Ähnlich sieht es in seinem privaten Studio, im Dachgeschoß aus. Mit leiser, aber bestimmter Stimme erklärt er, warum Design oft fehlerhaft ist, er nicht mehr weiterarbeiten wollte und seinen Freunden selten Einrichtungstipps gibt:

Seit dreißig Jahren sind Sie nun als Designer tätig. Wenn Sie zurückblicken, gibt es einen speziellen Moment, an den Sie sich erinnern und der richtungsweisend für Ihre Karriere war?

Ich würde sagen, es war der Tag, an dem ich es mit einem meiner Produkte auf die Möbelmesse in Mailand geschafft habe. Es hat zehn Jahre gedauert, bis es endlich so weit war. Damals war die Ausstellung fest in italienischer Hand und somit war es etwas Besonderes, diesen Schritt endlich geschafft zu haben. Und ich denke, dass die Messe nach wie vor eine der wichtigsten Plattformen für Design ist.

Erst kürzlich wurden Sie zum Designer des Jahres gekürt. Wie wichtig ist Ihnen das?

Es ist schön, wenn an einen gedacht wird, denn bisher ist mir das nicht sehr oft widerfahren.

Was bedeuten Wörter wie Auszeichnung oder Ehrung für Sie?

Sie können in verschiedenen Formen überbracht werden, die Schönste ist, wenn eine Person, die ich beruflich schätze, meine Entwürfe für gut befindet.

Wie zum Beispiel?

Vor ein paar Jahren ist der italienische Designer Enzo Mari in Mailand auf Konstantin Grcic und mich zugekommen und sagte: ,Hallo, nur damit wir eines klarstellen, wir drei sind die Besten, okay?‘ Doch wer weiß, vielleicht hat er auch anderen schon dasselbe gesagt, aber mich hat es wirklich gefreut, es hat mir etwas bedeutet.

Sie haben unter anderem an der Hochschule für Kunst in Berlin studiert. Welchen Einfluss hat Kunst auf Ihre Arbeit?

Ich denke, es sind Parallelwelten, die meiner Meinung nach nicht unbedingt miteinander verbunden sind. Es gibt Schnittstellen und ich schätze gute Kunst, aber beim Entwerfen denke ich nicht zwangsläufig daran.

Spielt es eigentlich eine Rolle, was Sie entwerfen?

Im Grunde genommen, würde ich sagen, bin ich ein Stuhldesigner, der auch gerne alles andere entwickeln möchte. Die Gestaltungsaufgabe muss mich überzeugen und ich habe keine Präferenzen, ob es dabei um Brillen, Sofas oder Telefone geht.

Was fasziniert Sie an einem Sessel?

Alte Entwürfe zu respektieren und neue zu entwickeln – es ist eine sehr strukturierte Angelegenheit, die zu meiner Denkweise passt.

Viele Gestalter sind auf der Suche nach dem idealen Stuhl. Haben Sie ihn bereits entworfen?

Ich denke, es ist immer der aktuellste Entwurf, derzeit ist es mein neuester für Vitra, der ,All Plastic Chair‘. Zumindest habe ich die Hoffnung, dass er der Perfekte ist. Um ehrlich zu sein, muss man mindestens ein Jahr lang damit gelebt haben, um zu sagen, ob er es ist oder nicht.

Können Sie überhaupt noch auf Stühlen sitzen, ohne sich darüber eine Meinung zu bilden?

Bedingt, denn natürlich benutze ich sie etwas kritischer als andere.

Auf der Messe in Mailand haben Sie heuer für elf Hersteller Produkte präsentiert. Haben Sie immer den Überblick?

Ich versuche es, aber es ist natürlich schwierig. An vielen der gezeigten Produkte haben wir bereits längere Zeit gearbeitet, zwischenzeitlich wurden sie zur Seite gelegt und überholt. Bei vielen kam es heuer zur Finalisierung, das hat mitunter auch zu diesem hohen Output geführt.

Das bedeutet, dass der eigentliche Designprozess fließend über Jahre hinweg andauern kann. Können Sie überhaupt je zur Ruhe kommen?

Das letzte Mal, als ich nichts zu tun hatte, war im Jänner 1991, und es war schrecklich. Ich bin gerne ständig in Bewegung.

Wo entspannen Sie sich am besten?

Die Hälfte meines Lebens verbringe ich in Tokio, ich habe dort auch ein Büro und ich finde es äußerst entspannend, nichts zu verstehen. Ich bin ein Fremder an einem sehr interessanten Ort. Japaner sind ruhige Persönlichkeiten, das ist sehr angenehm.

Ist es ein Unterschied, ob Sie für einen asiatischen oder europäischen Hersteller entwerfen?

Die Herangehensweise ist mit Sicherheit eine andere. Japaner wählen mit Bedacht und entscheiden nicht überstürzt wie zum Teil manche Europäer. Hier ist alles eng getaktet.

Waren Sie jemals gelangweilt von dem, was Sie tun?

Ja. Es war kurz bevor ich die Straßenbahn für die Stadt Hannover gestaltet habe. Ich vergleiche diese Phase gerne mit der Schule. Würde man ein Leben lang immer in dieselbe Schule mit denselben Kindern gehen, wäre man davon irgendwann gelangweilt. Damals war es bei mir ähnlich, doch der Auftrag ist zur richtigen Zeit gekommen. Mit dem Projekt habe ich wieder das Gefühl bekommen, dass ich mit dem, was ich tue, auch tatsächlich etwas bewirken kann.

Haben Sie jemals bereut ein Designer zu sein?

Bevor ich für die Gestaltung der Straßenbahn (Anm. d. Red.: vor 1997) beauftragt wurde, gab es eine Zeit, wo ich ständig dachte, was machst du da überhaupt? Danach wusste ich, ich muss raus aus dieser Designwelt und mir Projekte in anderen Bereichen suchen, damit ich wieder arbeiten kann. Auch "Super Normal", ein Projekt mit Naoto Fukasawa, hat mir die Augen geöffnet. Wir haben damals Alltagsobjekte zusammengetragen und waren auf der Suche nach dem supernormalen Design. Plötzlich standen anonyme Objekte im Vordergrund und der Fokus lag auf Qualität und anderen Ansätzen. Design war für mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr dasselbe, es hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen.

Wann ist Design fehlerhaft?

Beinahe immer. Selten erfüllt Design tatsächlich seinen Job. Etwa wenn man sich daran sattgesehen hat, es zu teuer oder zu unbequem ist und es seine Funktion nicht mehr erfüllt.

Was halten Sie persönlich von der Stellung von Designklassikern?

Nur weil etwas einen Stempel erhält, heißt es noch lange nicht, dass es auch weiterhin ein Klassiker sein muss. Ich habe jahrelang gedacht ich muss einen Stuhl von Joe Colombo besitzen. Heute weiß ich, er ist zu laut, zu stark. Die Entwürfe der Dänen passen einfach besser zu mir. Es muss legitim sein, Dinge überdenken zu können – selbst Klassiker.

Wann sind Sie stolz auf Ihre Arbeit?

Wenn ein Produkt Teil des Alltags wird ist es mir lieber, als wenn ein Stück im Museum landet. Die einzige Aufgabe, die Design hat, ist, im Alltag nützlich zu sein.

Wie würden Sie Ihre Arbeit erklären?

Es geht darum, Produkte immer besser zu machen, als sie es zurzeit sind. Es gelingt nicht immer, aber das ist mein Impuls.

Werden Sie oft von Ihren Freunden nach Einrichtungstipps gefragt?

Nein, denn ich habe einen sehr schlechten Ruf als Ratgeber, ich bin sehr direkt.

Jasper Morrison scheint immer ausgeglichen zu sein, was kann Sie aus der Ruhe bringen?

Wenn man, um ein Produkt zu vermarkten, etwas künstlich herbei zitiert. Ein Stuhl braucht keine Geschichte, es ist ein Sitzmöbel – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Setz dich darauf und es erzählt dir alles, was du wissen musst.

Welcher Ihrer Entwürfe ist Ihnen am ähnlichsten?

Der ,All Plastic Chair‘, es ist mein jüngstes Projekt und entspricht deshalb auch meiner Persönlichkeit, so wie ich mich zurzeit fühle.

Ein Stück ist also auch ein Teil der Person, die es gestaltet?

Absolut, es ist ein Ausdruck des Charakters. Beim Entwerfen geht es um Entscheidungen und diese spiegeln natürlich auch immer den Charakter des Gestalters wieder. Das kommt aus einem ganz tief innen, das kann man auch nicht so einfach beschreiben. Das beginnt bei der Neigung eines Stuhlbeines, wenn es nicht eine gewisse Position hat, dann empfinde ich es als nicht richtig. Es gibt manche Rückenlehne, für die ich mich schäme, weil ich denke, das kann man doch nicht machen. Aber ich nehme an, das denken viele andere auch bei meinen Entwürfen. Gestalten, ist ein sehr persönlicher Prozess, der natürlich auch ganz stark mit Intuition zusammenhängt.

1959 wurde Jasper Morrison in London geboren, wuchs in New York auf und machte seinen Masterabschluss am Royal College of Art in London. Zudem studierte er an der Hochschule für Kunst in Berlin. 1986 gründete er sein eigenes Studio, mit welchem er unter anderem für Alessi, Alias Design Group, Cappellini, Flos, Franz Schneider Brakel (FSB), MAGIS, Rosenthal, Rowenta, Vitra arbeitete. Mit dem japanischen Designer Naoto Fukasawa konzipierte er eine Ausstellung und verfasste das Buch „Supernormal“, dass sich dem anonymen Design von Alltagsgegenständen gewidmet hat. www.jaspermorrison.com

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