Wohnen 31.12.2017

„Ich habe viele Geheimnisse“

© Bild: naoto fukasawa

Naoto Fukasawa gestaltet Möbel und Produkte, wie wir sie uns unterbewusst wünschen. Nicht nur deswegen zählt der Japaner zu den renommiertesten Designern der Welt. Ein Gespräch über Demut, Glück und die alles entscheidende Frage.

KURIER: Sie haben einmal gesagt, dass die beste Wahl ohne Nachdenken getroffen wird. Das gilt aber nur für Möbel, oder?
Naoto Fukasawa:
Es geht mir in meiner Arbeit darum, das menschliche Verhalten zu berücksichtigen. Mich interessiert es, Dinge zu erforschen und herauszufinden, über die man vorher gar nicht wirklich etwas gewusst oder sich keine Gedanken gemacht hat. Ich mag zum Beispiel öffentliches Design, das Menschen unterbewusst nutzen.

War das der Grund, warum Sie einen Aufzug entworfen haben, der mehr Komfort verspricht? Er kommt ohne Kanten, dafür mit hohe Decken und angepasster Beleuchtung aus.
Ja, das ist ein Feld, das mich sehr interessiert, weil ein Lift mit Öffentlichkeit zu tun hat. Menschen nutzen eine Maschine wie diese vollkommen unbewusst: Wer einsteigt, denkt nicht darüber nach. Aber wenn man einmal in einem Aufzug gefahren ist, der achtsam gestaltet ist, wird man sich besser fühlen. Der Körper spürt die Qualität, die Fahrt ist angenehm.

Ein Bürostuhl, der Spaß macht: ,Papilio Shell' mit Rollen für B&B Italia.
© Bild: Hersteller

In Ihrer Arbeit geht es Ihnen nie darum, etwas komplett neu zu kreieren, sondern Bestehendes zu verbessern. Warum eigentlich?
Man muss die Welt nicht neu erfinden. Wir sollten uns darauf konzentrieren, welche Eigenschaften von Produkten es wert sind, sie weiterzuentwickeln. Ich verwende dabei die Essenz eines Objektes, das bereits entworfen ist, und möchte es verbessern.

Was muss gutes Design erfüllen?
Das Wichtigste ist, dass es sich im Alltag verwenden lässt. Design existiert nicht nur für sich selbst, es muss brauchbar, zweckdienlich und gut zu benutzen sein. Nur schön auszusehen, reicht nicht. Mein Kollege Jasper Morrison und ich haben immer den Fokus darauf gelegt, ob das Geschaffene eine Bereicherung für das Leben ist. Das ist die große Frage, die man sich vor dem Entwerfen stellen muss.

Ein Sessel wie eine Umarmung: ,Harbor' (B&B Italia) mit ergonomischer Form.
Naoto Fukusawa © Bild: Hersteller

Sie haben gemeinsam mit Morrison eine Kollektion für Maruni gemacht. Was war Ihr Ansatz?
Ich arbeite als künstlerischer Direktor für das Unternehmen und dachte, wir sollten ein paar andere Designer ins Boot holen. Es ging darum, etwas Neues zu machen. Also fragte ich Jasper. Er hat seine Kollektion mittels 3-D-Holzbearbeitung entworfen, ich habe japanisches Holz mit Stahl kombiniert. Ich denke, seit wir zusammenarbeiten, ist das Produkt gefragter denn je.

Ihr Interesse gilt nicht nur der Technologie, sondern auch neuen Materialien. Welche haben Sie zuletzt entdeckt?
Vergangenes Jahr habe ich in Mailand die Ausstellung „Unveil“ für Geoluxe gestaltet. Die Firma, die zu einem der größten Zementunternehmen der Welt gehört, hat einen mineralischen Kunststein entwickelt, der an Marmor erinnert. Als ich ihn zum ersten Mal in der Fabrik sah, gefielen mir diese leichte Marmorierung und die vielseitige, robuste Einsetzbarkeit.

Moderner Krug: Für Alessi gestaltete Fukasawa die Isolierkanne ,Nomu'.
© Bild: Hersteller

Oft hat man den Eindruck, dass Designern ihre Person wichtiger ist als das Produkt, bei Ihnen ist es umgekehrt. Was sollten die Menschen über Sie wissen?
Ich habe viele Geheimnisse. Aber heutzutage ist es schwierig, sich zu verstecken. Ich denke, Designer sollten sehr bescheiden und demütig sein. Wir haben eine kleine Macht, die wir pflegen müssen, um neue Dinge zu gestalten. Dabei geht es nicht darum, uns zu verwirklichen, sondern darüber nachzudenken, ob wir das Geschaffene wirklich brauchen oder nicht.

Gibt es eines Ihrer Projekte, das Sie am meisten fasziniert?
Ich glaube nicht. Manchmal mag ich ein spezielles, an anderen Tagen ein anderes. Ich bin glücklich, weil ich kein Produkt entworfen habe, das ich nicht mag.

Gegenstände des Alltags werden zu Designobjekten: Für Muji entwarf Fukusawa einen Toaster.
© Bild: Hersteller

Was würden Sie denn gerne noch gestalten?
Unsere Umwelt. Ich interessiere mich für Architektur und Räume. Ein Produkt reicht nicht aus, um das ganze Leben auszufüllen. Es ist auch nie nur ein Objekt, weil es immer in Beziehung zum Menschen und seiner Umwelt steht. Das Ambiente, das Rundherum um unsere Körper ist essenziell, darauf möchte ich mich fokussieren.

Was war der beste Fehler, den Sie je gemacht haben?
Davon gibt es so viele. Die Antwort wird man wissen, wenn ich gestorben bin.


Zur Person

Naoto Fukasawa wurde 1956 in der Präfektur Yamanashi in Japan geboren. Er absolvierte die Kunsthochschule Tama in Tokio, sammelte Erfahrungen in den USA und gründete 2003 – zurück in der Heimat – sein eigenes Studio. Bekannt wurde er für seine minimalistischen Designs, die Aussehen und Funktion eines Gegenstandes weiterdenken – etwa der wandmontierte MUJI-CD-Player, der Teil der Sammlung des MoMa in New York ist. Fukasawa entwirft für Marken wie Artemide, B&B Italia oder Thonet, seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet.
www.naotofukasawa.com

( kurier.at , ce ) Erstellt am 31.12.2017