Wohnen
03.10.2018

Grüne Erde eröffnet eine neue Produktion samt Besucherzentrum

Der Öko-Möbelhersteller zeigt in der "Grüne-Erde-Welt" im Almtal, wie Erfolg und Nachhaltigkeit zusammenpassen. Ein Besuch.

Schon die Blumenwiese am Weg zum Eingang ist irgendwie anders. Hier wachsen Nelken, Mohn, Ringelblumen und allerlei Klee wild durcheinander. Dazwischen stehen zwei Glashäuser mit dicken Tomaten, in einem Sumpfbiotop spiegelt sich der Himmel und am Rand sind meterlange Felder mit Bio-Gemüse angelegt. „Die Grüne Erde ist nicht bloß ein Möbelhaus, sondern eine Philosophie“, begrüßt Firmeninhaber Reinhard Kepplinger, „wir haben nicht anders gekonnt, als das Rundherum mitzudenken.“

Diese Woche eröffnete der oberösterreichische Öko-Möbelhersteller Grüne Erde eine neue Produktion samt Besucherzentrum, die „Grüne-Erde-Welt“. Nahe dem Stammsitz des 1983 gegründeten Unternehmens im Almtal entstanden auf 9000 Quadratmetern eine neue Polstertapeziererei, eine Schneiderei und die Matratzenfertigung. Besucher können hier den Mitarbeitern praktisch über die Schulter schauen und sich über Rohstoffe, Materialien und den Produktionsprozess informieren. Erwartet werden bis zu 70.000 Besucher pro Jahr. Täglich bietet das Unternehmen mehrere Führungen an. „Im Zeitalter von Amazon spüren wir eine gewisse Sehnsucht nach Authentizität. Unsere Kunden wollen wissen, wie unsere Möbel hergestellt werden“, sagt Reinhard Kepplinger.

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Das Gebäude hält sich in der Landschaft zurück (geplant von terrain:integral und Arkade)

Grüne Erde-Mitarbeiterin in der Schneiderei

Ökologisches Vorzeige-Haus mit einem speziellen Lüftungssystem

Ökologie und Nachhaltigkeit hat die Grüne Erde seit jeher in seiner DNA. Kepplinger selbst ist ein „Kind der alternativ-grünen Bewegung“, wie er selbst sagt, und übernahm das Unternehmen 1992 mit seinem damaligen WG-Kollegen Kuno Haas vom Firmengründer Karl Kammerhofer. Das erste Produkt war eine japanische Matratze aus Naturmaterialien namens „Weiße Wolke“, die faltbar war. Heute hat die Grüne Erde 6500 ökologische und fair produzierte Artikel im Sortiment – von Sofas, Esstischen und Teppichen bis hin zu Kleidung und Kosmetik. 2018 setzte das Unternehmen mit 430 Mitarbeitern mehr als 50 Millionen Euro um. 14 Shops in Österreich und Deutschland werden betrieben. „Unsere Wurzeln sind die Basis, obwohl wir stark gewachsen sind“, sagt Kepplinger.

Die ökologischen Wurzeln sollen sich auch in der Architektur der neuen „Grüne-Erde-Welt“ widerspiegeln. Schon im Foyer begrüßt eine 150 Kilo schwere weiße Wolke aus Schafwolle, die an der Decke der Eingangshalle schwebt, die Besucher. An der gegenüberliegenden Wand sind Schaukästen mit Fasern aus Hanf, Alpaka und verschiedenen Wollmaterialien ausgestellt. Alle Materialien werden in der Produktion verwendet.

„Das Besucherzentrum wurde so konzipiert, dass der gesamte Produktionsprozess vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt sinnlich erfahrbar wird“, erklärt Ausstellungsmacher Manuel Schilcher von argeMarie, der auch schon die Ausstellung des Österreich-Pavillions auf der Expo in Mailand umgesetzt hat. Dafür hat Schilcher einen alten Eichenstamm vom Bauernhof des Nachbarn angekarrt und lässt Hunderte Schnüre aus Schafwolle, die für die Teppichproduktion verwendet werden, von der Decke baumeln.

Ein paar Schritte weiter geht es zur Produktion, wo rund 60 Mitarbeiter in der hauseigenen Schneiderei, Polstermöbel- und Matratzenfertigung werken. Hier türmen sich Lagen an Schafwolle, Naturlatex und Baumwolle. In ein paar Gefäßen sind Zirbenspäne aufbewahrt, die später in Matratzen eingenäht werden. Jeweils zwei Mitarbeiter schichten hier behutsam die Lagen übereinander und vernähen sie per Hand.

Rund 60 Tonnen Schafwolle werden pro Jahr von den Handwerkern verarbeitet, gut 10.000 Matratzen produziert. Fast ein Drittel der Matratzen sind Sonderanfertigungen. Der ausgefallenste Kundenwunsch war eine achteckige Matratze. „Die Technik in der Matratzenfertigung ist im Prinzip gleich wie vor 35 Jahren“, sagt Thomas Svoboda, Leiter der Produktion.

Die Werkräume sind durch bodentiefe Fenster gut belichtet, vom Innenraum blicken die Handwerker auf blühende Wiesen und viele Bäume. Besonders stolz ist die Grüne Erde, dass rund 75 Prozent der Mitarbeiter – vor allem Frauen – in Teilzeit arbeiten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt 29 Stunden. „Durch dieses Modell sind wir vom Fachkräftemangel weitgehend verschont geblieben“, sagt Kuno Haas, Miteigentümer der Grünen Erde.

Dennoch: gut ausgebildete Mitarbeiter ins landschaftlich schöne, aber etwas abgelegene Almtal zu locken, ist gar nicht einfach. Vor allem, wenn die Produktion auf aussterbende Handwerks-berufe wie Polsterer und Tapezierer angewiesen ist. „Wir investieren sehr viel in die Lehrlingsausbildung“, sagt Produktionsleiter Thomas Svoboda.

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Rund 60 Mitarbeiter sind in der neuen "Grüne-Erde-Welt" tätig

Ausstellung von in der Produktion verwendeten Materialien

Die Matratzenfertigung, Polstertapeziererei und Schneiderei befinden sich im Almtal

Auf einer Schauwand vor dem Produktionsbereich wird erklärt, was eigentlich das Ökologische an den Öko-Produkten der Grüne Erde ist. Anhand eines in Schichten zerlegten Sofas soll das anschaulich gemacht werden. Die Rahmengestelle sind aus Holz, ebenso der darüberliegende Lattenrost. Die Materialien sind aus Naturfasern. Schaumstoffe, Kunststoffe und Metallfeder sind nicht enthalten. Reinhard Kepplinger: „Bei anderen Herstellern befindet sich im Inneren des Sofas oft Sondermüll. Bei uns nicht.“

Auch das Gebäude selbst ist ein ökologisches Vorzeige-Haus. Es liegt umgeben von 14 Hektar Außenfläche am Gelände einer aufgelassenen Küchenfabrik in Pettenbach, gleich am Waldrand. Die Planung dafür dauerte drei Jahre. „Das Haus ist kein architektonisches Zeichen, das man schon von der Ferne aus sieht. Es hält sich in der natürlichen Landschaft zurück“, erklärt Klaus Loenhart, der mit seinem Architekturbüro terrain:integral für das architektonische Grundkonzept verantwortlich war. Die General- und Detailplanung oblag dem Linzer Architekturbüro Arkade.

Das Haus ist zu 99 Prozent frei von Erdöl, ist ein Holzriegelbau und die Fassade besteht aus Holzschindeln. Der Bau der Fundamente erfolgte mit rezykliert Abbruch-Beton der alten Küchenfabrik. Auch der Erdaushub wurde nicht wie bei konventionellen Bauten weggebracht, sondern für die Außenanlagen verwendet.

Doch das Besondere des Gebäudes ist das Lüftungskonzept. Es gibt keine Klimaanlage. Die Lüftung übernehmen 13 Lichthöfe, die mit Bäumen und Waldboden bepflanzt wurden. Durch riesige Klappen gelangt aus diesen Lichthöfen Sauerstoff in das Gebäude. Je nach Witterung kann außerdem Luft vom nahegelegnen Wald angesaugt werden. „Ich atme die Luft des Innenraums sehr gerne ein. Man schmeckt den Waldboden“, sagt Architekt Klaus Loenhart. Außerdem gibt es rund um das Haus keinen Sonnenschutz. Die Beschattung übernehmen gut 500 Bäume. Am Dach befindet sich eine Fotovoltaik-Anlage, geheizt wird mit Wärmepumpen und Tiefensonden. Die „Grüne-Erde-Welt“ ist so ein energieneutrales Gebäude. Loenhart: „Das Haus ist weltweit das erste Gebäude, das solch ein Belüftungs-Konzept umsetzt.“

Der schöne Nebeneffekt dieser Lichthöfe ist, dass man von vielen Stellen im Gebäude einen direkten Blick auf Bäume und Natur hat. Wie etwa in der „Schlafwelt“, wo die Grüne Erde eines iherer wichtigsten Produkte, nämlich die Matratze, inszeniert. Angelehnt an ein japanisches „Ryokan“, ein Hotel, können Besucher auf den verschiedenen Modellen – mit Blick in den Wald versteht sich – probeliegen. In einer Art Schrein hat das Unternehmen auch seinem ersten Produkt, dem Matratzenmodell „Weiße Wolke“, eine Art Ehrenplatz zugewiesen.

Und wie stark will das Öko-Unternehmen noch wachsen? Im Vergleich zu Möbelriesen wie Ikea oder Kika / Leiner ist das Almtaler Einrichtungshaus ein Nischenplayer. Luft nach oben ist also durchaus vorhanden. Firmenchef Reinhard Kepplinger: „In gewissen deutschen Städten gibt es noch Potenzial für ein Geschäft. Außerdem werden wir den Online-Handel forcieren.“

Am Ende der Tour werden Gäste im hauseigenen Bistro vegetarisch verköstigt. Der Koch verwendet dafür das um das Haus angebaute Bio-Gemüse. Eine kleine Gärtnerei namens „Almgrün“ bewirtschaftet die Flächen. Auch die bunten Blumensträuße auf den Tischen kommen direkt von der naturbelassenen Wiese. So wie die Grüne Erde bei der Blumenwiese zeigt, dass es auch „anders“ geht, beweist dies das Unternehmen im gesamten Betrieb.