© MAK/Georg Mayer

Ausstellung
09/09/2016

Friedrich Kiesler: Eine andere Galaxie

Seine Visionen beschäftigen Künstler und Architekten bis heute: Von der schwebenden Stadt bis zum endlosen Haus, ist das Werk von Friedrich Kiesler ein Fundus an geistreichen wie weitsichtigen Utopien.

von Mario Kopf

"Die Friedhöfe haben mehr Luft für die Gerippe der Toten, als unsere Städte für die Lungen der Lebenden." Mauern seien "Kasernierungen des Körpers und des Geistes", Häuser Särge aus Stein. Alles kein Zustand. Friedrich Kiesler schwebte anderes vor: Architektur, die sich mit der Frage beschäftigt, wie man "innerhalb dieser geraden oder krummen Wände" lebt. An dieser Idee arbeitete der 1890 in Czernowitz – einst Österreich-Ungarn, heute Ukraine – geborene Kiesler mit verschiedenen Entwürfen.

Für den österreichischen Pavillon der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes 1925 in Paris entwickelte er eine bemerkenswerte Ausstellungsfläche. Die "Raumstadt", eine abstrakte Konstruktion aus Rahmen und Balken, die den Boden nicht berührt, war freilich mehr als das. Der Künstler sah darin die Metropole der Zukunft: "Wir wollen uns von der Erde loslösen." Eine Rekonstruktion in gleichem Maßstab bildet den Mittelpunkt der in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung realisierten Schau "Friedrich Kiesler. Lebenswelten" im MAK in Wien.

Ohne Mauern kommt auch das "endless house" aus, eine konsequente Weiterentwicklung seiner Gedanken. Das ebenfalls schwebende Objekt stellt eine höhlenartige Behausung ohne Wände, Ecken und Begrenzungen dar, die sich den Bewohnern anpasst. Es blieb allerdings bei dem Modell, ein für Kiesler typisches Schicksal. Bis auf "Shrine of the Book", einem zum israelischen Nationalmuseum zugehörigen Bauwerk, wurde kein Großprojekt realisiert.

In Künstlerkreisen waren seine utopischen Überlegungen – im Gegensatz zur breiten Öffentlichkeit – längst kein Geheimtipp mehr, sondern eine beständige Inspirationsquelle. Etwa für die "Blob-Architektur" mit ihren runden und organischen Formen, die dank Computertechnologie ab den 90er-Jahren realisierbar wurde. Kiesler, der 1908 in Wien Architektur und Malerei zu studieren begann und neben Ausstellungs- und Theaterkonzepten auch Bühnenbilder entwarf, verstand seine Arbeit als Werk, das sich aus verschiedenen Einflüssen zusammensetzt.

In New York, wo Kiesler seit Mitte der 20er-Jahre bis zu seinem Tod 1965 gelebt hat, galt er alsbald als Pionier der Avantgarde. Dafür sorgten auch die von ihm gestalteten Ausstellungsräume für Peggy Guggenheims Galerie Art of This Century, eine spektakuläre, theatrale Inszenierung von Kunst. Die an gewölbten Holzwänden montierten Bilder ließen sich drehen, dazwischen standen seine modular nutzbaren Möbel. Verschiedene Lichterspots gingen an und aus, Zuggeräusche ertönten.

"Lebenswelten" macht diesen Wurf als interaktives Modell ebenso erlebbar wie sein Gesamtkunstwerk "Galaxies" oder zeitgenössische Annäherungen, von Performances bis Schulprojekten. Kieslers Ziel, eine lebendige Beziehung zwischen Kunstwerk, Raum und Betrachter herzustellen, wird in der Ausstellung auf beispielhafte Weise nachgekommen.

Zur Ausstellung

Friedrich Kiesler. Lebenswelten“: Die Retrospektive zum Schaffen des österreichisch-amerikanischen Ausnahmekönners läuft bis 2. Oktober.
MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst, Stubenring 5, 1010 Wien. Tel. 01/711 36-0. Öffnungszeiten: Di. 10–22 Uhr, Mi.–So. 10 –18 Uhr.
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