© Schulraumkultur

Interview
03/02/2016

"Es braucht eine neue Wettbewerbskultur"

Architekt Michael Zinner begleitet das Um-, Zu, und Weiterbauen von Bildungsbauten. Im Gespräch erklärt er, warum ein Umdenken im Planungsprozess eigentlich unumgänglich ist.

von Ankica Nikolić

Auf Ihrer Homepage erklären Sie Ihre Plattform wie folgt: schulRAUMkultur spannt den Bogen von Schul- zur Baukultur und steht für beste Qualität des Prozesses der Schulraumproduktion. Was darf man sich darunter vorstellen?

Schulen haben mich schon immer interessiert und 2011 habe ich die Plattform als Forschungsvorhaben an der Kunstuniversität in Linz gegründet. Im Vordergrund stehen dabei Fragen rund um die Prozessqualität innerhalb der Planung‚ zur Raumkompetenz der Nutzer sowie die Tauglichkeit der Architektur für einen sich ständig ändernden Schulalltag.

In weiterer Folge haben Sie mit nonconform architekten die ideenwerkstatt angewandt, ein Arbeitsinstrument?

Ja. In alteingefahrenen Planungsabläufen kümmern sich Architekturschaffende "automatisch" um die Einhaltung von Vorgaben. Und diese sind "quantitativ" aufgesetzt. Die ideenwerkstatt steht für eine neue Betrachtungsweise der Architekturproduktion. Nämlich bei einer Planung dort anzusetzen, wofür und für wen man plant. Es geht um mehr als nur Quadratmeter, Demografie und Bautechnik. Das ist eine dünne Daten-Suppe, in der die meisten Projekte schwimmen.

Wie darf man sich das bei schulischen Projekten vorstellen?

Nach einer ersten Recherche, in der wir auch Schülerinterviews führen, ziehen wir mit all unseren Arbeitsutensilien vor Ort ein. Wir sitzen mitten in der Schule. Nur so können wir erkennen, welche Bedürfnisse im Alltag tatsächlich vorhanden sind. Wir machen Workshops, bitten um Ideen und beziehen die Meinung der Schüler, Lehrer und des Hauspersonals in den Prozess mit ein.

Wie viele Schulprojekte konnten Sie bisher bereits realisieren?

Wir konnten elf Projekte in dieser Form begleiten (pro Halbjahr eine Schule). Zwei sind im Fertigwerden. Wir haben natürlich auch Fehler gemacht – und damit bestimmte Prozessbestandteile weiterentwickelt.

Gemeinsam haben Sie auch ein weiteres Instrument entwickelt.

Die ersten Erfahrungen haben uns gezeigt, dass diese Herangehensweise auch einen neuen Weg für die gesamte Projektsteuerung verlangt. In unserem Modell Projektsteuerung plus ergänzen wir bisherige Agenden. Neben den üblichen technisch-geschäftlichen Angelegenheiten (wie Verträge sowie alle formalen Rahmenbedingungen) kümmern wir uns auch um die kommunikative Steuerung. Diese ist als Schnittstelle zuständig, alle Akteure miteinander zu verknüpfen. Den inhaltlichen Teil übernehme ich.

Gibt es bereits ein Projekt, bei dem Sie dieses Tool anwenden?

Derzeit betreuen wir eine Schule in der Steiermark. Hier haben wir bereits die Ideenfindung mit den Menschen vor Ort abgeschlossen und konnten aufgrund dieser Ergebnisse einen "Bestellzettel" aufsetzen, der nicht nur Raumlisten, sondern vor allem die Organisationsbeziehungen und Bedürfnisse der Schule zusammenfasst. Basierend darauf rufen wir nun mit der steirischen Architektenkammer einen Wettbewerb aus.

Mithilfe von ausgewählten Teams wollen wir den Wettbewerb mit einer Rückkoppelung zwischen den Schulen und den antretenden Büros abwickeln. Sie müssen sich vor allem auch gegenseitig kennenlernen. Man könnte auch sagen, dass wir den Bestellzettel für einen Wettbewerb neu entwickelt und mit qualitativ wertvolleren Inhalten versehen haben, die eine höherwertige Planung ermöglichen.

Es geht also darum, die Wettbewerbskultur neu zu denken?

Genau darum geht es uns. Bisher ist der Wettbewerb eine heilige Kuh unserer Wirtschafts-Fixierung auf Konkurrenzdenken und Partizipation. Beide sind eine Emulsion und beide vertragen sich noch nicht. Es kann aber auch anders gehen. Dazu gibt es viel Forschung etwa im Bereich der Organisationsentwicklung. Wenn man sich damit auseinandersetzt, was hier bereits auf dem Tisch liegt, dann kann man nicht glauben, wie rückständig Architektur üblicherweise ausverhandelt wird. Wir arbeiten an mehreren Hebeln, im Rahmen eines Paradigmenwechsels, einer davon ist eine neue Wettbewerbskultur. Weg vom Wetteifern, Konkurrieren und verschlossen halten. Hin zum Kooperieren und in den Dialog treten. Das Ganze ist aber auch politisch evident, das "Unten" sollte ebenfalls mitsprechen können, nicht nur das "Oben". Architektur ist "dazwischen" und kann hier vermitteln.

Sie haben vorhin auch erwähnt, dass Fehler passieren. Ein Eingeständnis, dass nur wenige Architekten öffentlich zugeben würden.

Das glaube ich sofort. Bauen heißt heute, wer schreibt, der bleibt und wer den ersten Fehler macht, zahlt. Wer gibt schon gerne Fehler zu?

Welchen Fehlern mussten Sie sich bei den Projekten stellen?

Am Anfang haben wir die Menschen falsch geführt. Wir haben unterschätzt, wie viel Zeit bzw. Anläufe Menschen brauchen, um Architektur ansatzweise zu verstehen. Das hat dazu geführt, dass wir im Schulbereich noch stärker den Dialog und Austausch suchen. Lösungsvorschläge werden nun auch mit Beteiligten mehrmals diskutiert. Zudem sind wir in der Auftragsgestaltung mit den Schulerhaltern bzw. den Gemeinden viel klarer geworden. Wir sind ergebnisoffen, das muss klargestellt werden. Denn diese Information verkraftet nicht jeder.

Sie befragen Schüler, was sie sich erwarten. Was sind ihre Wünsche?

Sie wollen ähnliches wie ihre Lehrer. Der größte Schrei an allen Schulen ist der Schrei nach Ruhe. Klingt absurd, aber Kinder sagen oft: "Ich will einen Raum zum Lernen." Im Wesentlichen sind es drei Dinge: WLAN, Rückzug und Wohnlichkeit. Denn sie alle wollen wohnen und nicht in einer Anstalt sitzen.www.schulraumkultur.at
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