Einer, der sich treu bleibt: Matteo Thun

Matteo Thun zählt zu den weltweit wichtigsten Architekten. Seine Arbeiten beweisen Mut, Leidenschaft und Perfektion. Ein Star im Interview.

Frei von jeglichen Allüren , charmant, bestimmt und äußerst gut gelaunt – so begegnen wir dem in Bozen geborenen Architekten Matteo Thun im italienischen Gardone. Oft fühlen sich Interviews mit bekannten Persönlichkeiten etwas steif und unbequem an. 

Im Bild: Das Hugo Boss-Gebäude im schweizerischen Kanton Tessin weist ein transparentes Volumen von Glas, Stahl und Beton auf. Die Fassade soll an einen massiven Webstuhl erinnern. Doch im Fall von Matteo Thun ist es genau das Gegenteil. Während des Gesprächs bekommt man den Eindruck, man redet mit einem guten Freund, den man nach langer Zeit wiedersieht. Bei angenehmen 27 Grad wird das Gespräch ins Freie verlegt und man spricht unter Palmen über die Kunst des Bauens und Designs.

Im Bild: Im schweizerischen Coldreiro realisierte Thun die Hugo Boss Strategic Business Unit. Das Thema Nachhaltigkeit ist zurzeit in so ziemlich jedem Bereich ein Top-Thema. Was stehen Sie dazu?

Matteo Thun: Ich glaube, man muss beginnen, dieses Thema etymologisch nachzufragen und sich selbst die Fragen stellen, was "nachhalten" bedeutet. Wenn man dem Begriff der Grundidee näherkommt, dann trifft man auf das Wort "sustainability" aus dem angelsächsischen.

Im Bild: Eine Lärchenholzkonstruktion umhüllt den Komplex. Verfolgt man diesen Begriff bis zu seinem Ursprung zurück, dann kommt man auf das lateinische Wort "sustenere – sustengo." Demnach bedeutet das Wort: Ich halte etwas zusammen, damit es nicht herunterfällt. Sustainability ist somit ein Begriff dafür, den Absturz zu verhindern. Und da frage ich mich, haben wir Architekten bisher nur Absturz-Produktionen gemacht?

Im Bild: Die New Yorker Hugo-Boss-Filiale besticht mit demselben Rautenmuster ... Wie lange würden Sie den Zeitraum zur Beurteilung von Architektur festsetzen?

Ich glaube, man muss mit Werturteilen sehr aufpassen. Architektur sollte man erst dann beurteilen, wenn mindestens zwei bis drei Generationen zwischen Entstehung und Beurteilung vergangen sind, vorher hat es meiner Meinung nach wenig Sinn. So ist es auch etwa bei der Literatur, wirklich gute Romane kann man erst nach fünfzig Jahren beurteilen.

... wie die Business Unit in der Schweiz. "Also sprach Zarathustra" wurde fast hundert Jahre lang als Nonsens wahrgenommen und Nietzsche galt lange Zeit als völlig verrückt. Und irgendwann hat man ihn dann gefunden. So ist es auch bei der Architektur. Man kann die Kleider von Prada nach dem Ende einer Modenschau beurteilen, man kann ein Design von einem Glas oder einer Flasche ziemlich kurzfristig beurteilen, aber Architektur ist hochkomplex. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Design-Entwürfe Sie gemacht haben?

Nein, genau beziffern könnte ich das jetzt nicht. Allerdings mache ich sehr wenige Möbel. In meiner Zeit als Artdirektor bei Swatch umfasste eine Kollektion etwa 65 Uhren, multipliziert man das mit zehn, wären das allein schon mehr als 1000 Artikel. Seit 1995 ist mein Design weitgehend anonym. Ich bin seit jeher ein entschiedener Feind des Autoren-Designs und der Signaturarchitektur. Ich glaube an einen Mehrwert, der vollkommen unabhängig vom Autor zustande kommen muss. Vor diesem Hintergrund habe ich die Design-Gruppe Memphis als eine Schreckensperiode erlebt, weil wir in den Jahren zwischen 1981 und 1984 in viele Museen der Welt hineingekommen sind und quasi musealisiert worden sind, das bedeutet, dass in frühen Jahren Staub auf dein Haupt kommt. Der Entwurf von Gegenständen für den intimen Körperkontakt, wie etwa Besteck oder Sanitäranlagen sind mein privates Hobby. Ein Messer und eine Gabel steckt man in den Mund, um für diese Intimität etwas zu entwerfen, muss man Fingerspitzengefühl haben, es muss perfekt sein und stimmen.

Im Bild: Armaturen "Gentle" von Dornbracht Der Spielraum, in diesem Bereich etwas zu gestalten, ist minimal und unheimlich reizvoll. Das Schauen und das Essen sind extrem intime Rituale, sich denen zu nähern und kleine Fortschritte zu schaffen, ist unglaublich spannend. Sind Sie der Meinung, in Ihrer Karriere immer alles richtig gemacht zu haben?

Richtig oder falsch ist eine schwierige Kategorisierung. Aber man lässt sich ab und zu blenden, von fantastischen Möglichkeiten. Besonders in jungen Jahren und man reflektiert nicht konsequent zu Ende. Ich hatte damals das Bedürfnis, einen Beitrag für Millionen von Menschen zu leisten und deren Leben zu verbessern. 

Im Bild: Für das Luxusressort "Villa Eden" im italienischen Gardone entwarf Thun eine Villa sowie ein Clubhouse. Das Projekt wird vom heimischen Immobilieninvestor Rene Benko realisiert. Zum Beispiel mit einer Uhr, die ich entworfen habe und die damals fünfzig Schweizer Franken gekostet hat. In zwanzig Jahren würde sich dieses Gespräch auch anders darstellen und den sozialen Wert der "Swatchisierung" der 1990er-Jahre auch wieder positiver bewerten als heute. Läuft heute dafür alles fehlerfrei?

Als Architekt besteht man aus Fehlerkorrekturen, die man täglich vornimmt, um weiterzukommen. Wir arbeiten mit Modellen, wenn man eins fertig hat, erkennt man den Fehler und variiert so lange, bis man irgendwann glaubt, eine gewisse Optimierung gefunden zu haben. Gibt es den perfekten Entwurf für Sie?

Nein, absolut nicht. Ich ärgere mich darüber, wenn manche Kollegen behaupten "What a great moment when I enter my own building". Für mich gibt es solche Momente nicht. Ich sehe immer nur die Fehler, bin eigentlich nur "down" und denke mir – die nächste Runde muss besser sein. 

Im Bild: Für Zumbtobel entwarf Thun die Sconfine Edition. Die Leuchte Linea bietet ein Zusammenspiel von Helligkeit, Schatten und Farbe. Sehen Sie sich eher als Architekt oder eher als Designer?

Ich war nie Designer, mein Lehrmeister Ettore Sostass hat mir gezeigt im kleinen wie im großen Maßstab zu arbeiten. Er hat den Begriff Design abgelehnt, weil er genauso tautologisch ist wie das Wort Ökologie. Design heißt auch "designare", sprich zeichnen, und was macht ein Architekt? Er zeichnet. Wozu braucht man also eine Lehre, die sich ausschließlich aus dem Bedürfnis der ersten Industrie herausentwickelt hat, als die ersten Maschinen und die Serialität zum Thema wurden?

Im Bild: Außergewöhnliches Interieur trifft originelle Beleuchtung: Das Hamburger Fünfsternehotel Side ... Die Ausbildung der Architektur lehrt, was man mit Holz, Stahl oder Steinen machen kann. Welche Verbindungen man daraus herstellen kann.
Dieses spezielle Tiefenwissen der Materialien und deren Knotenpunkte ist essenziell. Zwischen einem Hausbau und einem Stuhlbau gibt es meiner Meinung nach keinen Unterschied. 

Im Bild: ... wurde im Jahr 2001 mit dem Award "Hotel of the year" prämiert. Warum entscheidet sich ein Bauherr für einen Entwurf von Matteo Thun?

Ich glaube, es ist das Holistische. Man bekommt aus einem Büro in kurzer Zeit ein preisgünstiges Produkt, das in sich schlüssig ist. Eigentlich ist das "holistic design" eine amerikanische Domäne – Büros, die mehrere Hundert Angestellte haben. Wir sind so gesehen eine Mikro-Struktur von knapp fünfzig Leuten.

Im Bild: Das "Tortona 37"-Projekt ist eine "Mikro-Stadt in der Stadt" mit einer Fläche von 25.000. Sie realisieren derzeit ein Projekt für den Immobilieninvestor Rene Benko. Welche Bewohner wünschen Sie sich?

Ich würde mir wünschen, dass im Ressort Villa Eden ein multikultureller Cluster entsteht. Im Sinne des Paradigmenwechsels des Luxus wünsche ich mir, dass dort durchaus ein russischer Oligarch neben einem Industriellen aus Brescia und einem Ingenieur aus München lebt und sich dadurch ein neuer Dialog findet. Derartige Luxusressorts in dieser hochwertigen Form sind ortsgebunden. Bei solchen Projekten geht es meistens um die Magie des "genius loci". Landschaftsplaner sehen die größte Schwierigkeit in ihrem Job darin, Architekten von ihrer Arbeit zu überzeugen. Wie stehen Sie dazu?

Jedes Architekturprojekt beginnt mit einer strategischen Formulierung der Dienstleistung. Im holistischen System Mailands – das Mailänder Modell – bietet man sämtliche Leistungen in einem Paket an, inklusive der Landschaftsplanung. Federführend für die Landschaft muss der Architekt bleiben. Wir brauchen mehr botanisches Wissen. Bei dem Projekt Villa Eden haben Sie als Einziger Lavendelbänder in Ihren Entwurf integriert. Warum?

Lavendel wird in der mediterranen Architektur häufig eingesetzt, um die Nase zu befriedigen und die "Multisensorialität" zu fördern. In diesem Fall siehst du mit der Nase. Genau, wie es Goethe einst formuliert hat: Man sieht mit dem Finger und fühlt mit den Augen.

Im Bild: In der Mailänder "ViaTortona 37" realisierte Thun ein energieeffizientes Gebäude für eine Mischnutzung und verlieh dem Komplex eine neue Formensprache Wann ist ein Projekt so spannend, dass Sie es auch annehmen wollen?

Immer dann, wenn ich einschätzen kann, dass unsere gesamtheitliche Vision zu einem akzeptablen Ende finden kann. Die Architektur ist immer häufiger an die Rezession gebunden. Heute plant man häufig ein Projekt, doch die Chance, dass es auch tatsächlich gebaut wird, wird immer geringer. Das heißt, es unterliegt einer subjektiven Einschätzung – komme ich mit meiner Vision über die Runden oder nicht? Wo sollte man heute bauen und wo nicht?

Ich kann zum Beispiel in China meine Baustelle nicht kontrollieren. Ebenso nicht im arabischen Raum, weil die Kultur der Beduinen nicht durchschaubar ist und die Entscheidungsmechanismen anders sind. Ich hatte schon einmal ein Büro in Riad und habe nie verstanden, was meine Kunden entschieden haben. Bis heute nicht. Ein Beispiel dafür ist etwa ein Projekt, welches ich für die Königsfamilie gebaut habe. Eine Tages kam die Tochter der Prinzessin auf die Baustelle und meinte: "Oh, I thought it would be different? Do you like the round shape? My darling, we can change it. Please knock it down." Das sind Baustellen, die immer wieder auf- und abgebaut werden. Das sind ganz andere Verhaltensmuster. Letztendlich habe ich einiges gebaut und daraus gelernt, dass man nur dann bauen sollte, wenn das Ergebnis in gebauter Form für einen selbst ethisch akzeptabel ist. Deshalb konzentriere ich mich auf die nächste Umgebung. Wie sieht der Blick von Matteo Thun in die Zukunft aus?

Das Einzige, was ich mit zunehmender Geschwindigkeit bemerke, ist, dass ich die Zukunft nicht im Griff habe.
Nicht mehr zu wissen, wie sich die Zukunft gestaltet, ist meine einzige Kenntnis von Zukunft. Gibt es im untergehenden Abendland Ihrer Meinung nach noch eine Rettung für die Architektur?

Ja, durch konsequentes Downsizing. Es geht nicht darum, zu retten, was zu retten ist. Wir sind sehr stolz auf die Authentizität, mit der wir nach wie vor dem chinesischen System die Stirn bieten können. Aber wenn man sich den Börsenverlauf und die unterschiedlichen Absatzkurven ansieht, geht es unweigerlich nach unten. Das darf uns aber nicht dazu verleiten, aufzugeben – im Gegenteil. Dass es zu einem konstanten "Downsizing" kommen wird und gekommen ist, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Eine Verbesserung der Qualität durch die Reduktion der Quantität sollte die Folge sein! Zur Person

Matteo Thun wurde 1952 in Bozen geboren und studierte an der Akademie für Kunst in Salzburg unter Oskar Kokoschka und an der Universität in Florenz. Mit Ettore Sottsass war er der Mitbegründer der Memphis-Gruppe in Mailand und Partner von Sottsass Associati von 1980 bis 1984. Von 1983 bis 2000 dozierte er an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Anfang der 1990er-Jahre war er Artdirector von Swatch und 1984 eröffnete Thun schließlich sein eigenes Studio in Mailand.

www.matteothun.com Vapiano Re-LoadED: Matteo Thun entwickelte das Interieur des Franchiseunternehmens – in Wien folgt nun das Refreshment

Das Vapiano am BahnhofCity Wien West ist das hundertste der Bonner Restaurantkette. Thun entwarf das erste Vapiano 2002 in Hamburg und verantwortet nun das Refreshment des Interiorkonzepts. Die neue Wiener Dependance wird zur Pilot-Location für die weiterentwickelte Inneneinrichtung. Das Re-Design soll mehr Leichtigkeit, Klarheit und Frische vermitteln. Verwendet werden natürliche Materialien – das Refreshment soll dem Gast neue Möglichkeiten zur Interaktion mit den Vapianisten bieten und vermeidet weitgehend den Blick auf die Technik.
(KURIER) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?