"Ein Tisch muss nicht lustig sein"

"Ein Tisch muss nicht lustig sein"
Sie ist eine der originellsten Designerinnen Österreichs, kein Themenbereich scheint vor ihren funktionalen wie attraktiven Entwürfen sicher. Im MAK gibt sie nun Einblick in ihr Schaffen. Ein Gespräch über Lust, Spaziergänge und den zweiten Blick.

Eine Installation von Ihnen trug den Namen "Last Night I dreamed". Wissen Sie noch, was Sie letzte Nacht geträumt haben?

Ich kann mich an meine Träume nie erinnern.

Spielen diese keine Rolle für Sie?

Im Schlafzustand nicht. Das Träumen an sich schon: Es sind Wunschprodukte, die man sich vorstellt. Mit dem Traum fängt die Ideenspinnung an.

In dem Projekt haben Sie die Sexualität alltäglicher Objekte erkundet. Welchen Stellenwert nimmt Lust in Ihrer Arbeit ein?

Wenn ich es auf meinen Beruf umlege, die Lust etwas zu erschaffen. Es ist wie ein Trieb, der zur Lust wird. Ohne diesen kann man keinen künstlerischen Beruf ausüben, dafür braucht es viel Motivation und vor allem Leidenschaft.

Worin besteht Ihre Motivation?

Der unbeschreibliche Moment, wenn ich das fertige Produkt zum ersten Mal in der Hand halte. Man muss das Rad nicht komplett neu erfinden, es muss auch kein Kunstwerk sein, aber einen gewissen Charakter haben. Ein bisschen speziell sein. Mein Diplomarbeitsprojekt war ein Sexspielzeug. Der Anspruch war, dass es wie kein herkömmliches aussieht, also in der Wohnung herumliegen kann, ohne dass sich jemand unangenehm berührt fühlt. Ich finde, die Funktion kann durchaus hinterfragt werden und muss nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sein.

Wie waren die Reaktionen?

Mein Professor konnte damit nicht gut umgehen. Das Thema Sexualität ist nach wie vor sehr tabuisiert. Da hat sich mein damaliges 24-jähriges Ich gedacht: Wenn ich das schaffe, kann ich alles schaffen. Ich wollte meine Grenzen ausloten. Manchmal muss man für die Dinge, die einem wichtig sind, kämpfen. Und es hat funktioniert.

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Ihre Fliesen ,Edgy' aus Beton sind sogar Bestandteil der SCIN Gallery in London. Wie sind Sie auf diese Kreation gekommen?

Diese habe ich gemeinsam mit Tanja Lightfoot noch zu Studienzeiten entwickelt. Ursprünglich war es als Akustikmodul für die Wand geplant, das Schall absorbiert – aus Karton, das die Eierkartons ersetzt. Wir fanden, dass die Form Potenzial hat, also haben wir sie in Porzellan gegossen, Fotos gemacht und publiziert. Es gab viele Anfragen, allerdings hätte das Produkt mit dem gleichen Werkstoff wie Geschirr produziert werden müssen – und das tun Fliesenfirmen nicht. Also haben wir umgedacht und sind schließlich auf Beton gekommen. Der Hersteller Kaza Concrete hat sie in sein Programm aufgenommen, heuer ist noch die Serie „Shingle“ dazugekommen. Von der Form erinnern diese Fliesen an Dachschindeln, der Knick an die Struktur eines Blattes.

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Welche Bedeutung hat der Umgang mit Materialien für Sie? Wie wichtig ist Ihnen das Experiment?

Als Designer hat man immer Phasen, in denen man nach unbekannten Stoffen recherchiert. Tyvek, der Vliesstoff aus Polyethylen, den ich für den Lampenschirm „Dress A Bulb“ verwende, ist zwar nicht neu. Man kennt ihn von Ganzkörperschutzanzügen oder Festivalbändern. Aber dadurch, dass er papierähnlich ist, kann man sehr einfach damit experimentieren. Es ist spannend, wenn man mit simplen Mitteln etwas Sinnvolles erreichen kann. In diesem Fall lässt sich Tyvek kleben, nähen, bedrucken, schweißen und verzeiht bei der Verarbeitung auch Fehler.

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Für „Dress a Bulb“ setzen Sie sich persönlich hinter die Nähmaschine, jedes Stück wird einzeln gefertigt. Ein spezielles Anliegen von Ihnen?

Bis jetzt habe ich die Leuchtenschirme tatsächlich Stück für Stück in meinem Atelier hergestellt. Das waren meditative Momente, in denen ich abschalten und zur Ruhe kommen konnte. Bald werden sie allerdings in geschützten Werkstätten von Menschen mit Behinderung gefertigt und unter dem Label „GOODGOODS“ vertrieben. Das ist ein vorbildliches Projekt in Österreich, das ich gerne fördern möchte. Die Idee zu dem Lampenschirm war, dass fast jeder einen russischen Kronleuchter, also eine Glühbirne ohne Schirm, in einem Zimmer hängen hat. Das Produkt ist wie eine Tüte, die man über den Leuchtkörper steckt und mit dem Gummizug fixiert.

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Ihre Lampe „Magnum“ kann als Pendel- oder Bodenleuchte eingesetzt werden. Auch das Möbel „Falbeson“ ist multifunktional. Ist diese Eigenschaft ein Wert, der gutes Design für Sie ausmacht?

Mir persönlich ist ein gewisser Freiraum sehr wichtig. Deswegen tendiere ich auch in meinen Entwürfen dazu, einen solchen dem Nutzer zu überlassen. Er soll entscheiden, wie er das Produkt verwenden mag. Man darf ihm seine Multifunktionalität aber nicht ansehen, finde ich. Auf einem Möbel wie „Falbeson“ soll man schlafen können, ohne dass es nach einem – formal meist plumpen – Schlafsofa aussieht. Viele hören an einem bestimmten Punkt mit der Gestaltung auf. Gutes Design ist für mich, wenn sich Form und Funktion die Balance halten. Und wenn ein Produkt eine bestimmte Eigenheit aufweist, ob in formaler oder materieller Hinsicht.

Geht es Ihnen noch darum, Konventionen zu hinterfragen und Tabus zu thematisieren?

Nein, das hat sich am Anfang meiner Karriere so ergeben. Neben dem Sexspielzeug habe ich auch Urnen entworfen. Tod und Sexualität sind zwei Themen, über die Menschen eben ungern sprechen.

Ist Design vielleicht oftmals zu prüde oder spaßbefreit?

Nein. Ich finde nicht, dass ein Tisch lustig sein muss. Wie weit man gehen kann, ist ja auch von verschiedenen Faktoren abhängig: Welches Produkt ist es und für wen wird es entworfen? Massentauglich oder Designgalerie?

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Ihre Werkschau im MAK trägt den Namen „Stimuli“. Welche Dinge sind es denn, die Sie inspirieren?

Bei mir passiert viel im Gehen. Im Sitzen kann ich nicht entwerfen, meine Denkprozesse werden durch die körperliche Bewegung angeregt. Zum Beispiel gehe ich durch die Stadt und fotografiere Dinge mit dem Handy. Sobald ich mit einem neuen Projekt starte, läuft das unterbewusst mit. Dann nehme ich alles stärker wahr: Das können ein Fensterrahmen, eine Fassade, eine Blüte oder was auch immer sein. Ich sammle viele Bilder, auch digital, sehe sie immer wieder durch und entdecke Neues, das mich anregt. Ich bin sehr froh, dass ich auf diese Weise arbeiten kann: selbstständig und im eigenen, überschaubaren Büro. Ich finde die persönliche Ebene viel fruchtbarer. Ein Großraumbüro wäre nichts für mich.

Saßen Sie schon mal in einem?
Ja. Es impliziert, dass man für jemanden arbeitet und nach einem bestimmten Schema funktionieren muss. Ich laufe aber nur nach meinem Schema. Wenn ich zur Recherche in die Bibliothek möchte, kann ich jederzeit aufstehen und gehen, ohne meinen Gedankenfluss zu verlieren.

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Mit „Hommage an Karl“ haben Sie sich 2011 im Rahmen eines MAK-Projektes mit der Zukunft des Wiener Kaffeehauses beschäftigt. Trifft man Sie dort oft an?
Wenn ich Ablenkung brauche manchmal, aber nicht zum Arbeiten. Dennoch ist es ein sehr interessanter Ort. Am Beginn der Arbeit mit Felix Gieselmann stand ein Zitat von Karl Kraus, das war die Entwurfsgrundlage. Im Kaffeehaus seiner Zeit ging es um das Beobachten und das Beobachtetwerden. Es war ein Rückzugs- und gleichzeitig ein Präsentationsort. Daher ist die Idee des Hochstuhls entstanden, der beide Befindlichkeiten verinnerlicht. Wer auf ihm Platz nimmt, ist plötzlich mit neuen Blickwinkeln konfrontiert.
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Gibt es ein Objekt, das Sie am liebsten designen würden, aber bis jetzt noch nicht geschafft haben?
Ich bin für alle möglichen Möbel offen, einen Tisch habe ich zum Beispiel noch nie zu Ende entworfen. Ich liebe Einrichtungsgegenstände. Besonders reizvoll wäre eine Arbeit mit einem Teppich oder Textilien. Sie sind flach und man kann schnell zum Experimentieren anfangen. Das wäre eine willkommene Abwechslung, um sich einmal nicht mit funktionalen Dingen zu beschäftigen.

Sie sind in Polen geboren, aber im Alter von drei Jahren mit Ihren Eltern nach Österreich gekommen. Was bedeutet Heimat für Sie?
Ich bin ein Mischmasch aus beiden Kulturen. Meine Eltern haben mich mit der polnischen Kultur vertraut gemacht, im alltäglichen Leben habe ich die österreichische aufgesogen. Ich sehe mich als Produkt dieses Lebensweges, dieser beiden Länder.

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2011 haben Sie Ihr Designbüro in Wien gegründet. Wie sieht Ihre Bilanz fünf Jahre später aus?
Es hat eine gewisse Zeit gebraucht, bis alles ins Laufen kommt. Momentan kann ich mich aber nicht beklagen – auch wenn es schön wäre, wenn in Österreich mehr Firmen auf Designer zurückgreifen würden. Aber es wird immer besser. Und natürlich ist es nach wie vor der Job, den ich für immer machen will, das ist ganz klar.

Patrycja Domanska wurde 1985 in Radom in Polen geboren. Im Alter von drei Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Wien. Der Stadt blieb sie treu: Nach der Matura folgte das Studium Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst bei Paolo Piva, 2011 gründete Domanska ihr Studio mit Sitz im 6. Bezirk. Die 31-Jährige gestaltet Objekte wie Möbel, Lampen und Fliesen, die auch international ausgestellt werden. www.patrycjadomanska.com

Von 19. Oktober bis 30. April 2017 ermöglicht das Museum für angewandte Kunst Einblicke in die Arbeitsprozesse der Künstlerin. Die Schau „Patrycja Domanska. Stimuli“ findet im Rahmen der Reihe „Angewandte Kunst. Heute“ statt, einer Bühne für interessante zeitgenössische Positionen. MAK Galerie, Stubenring 5, 1010 Wien. Di. 10–22 Uhr, Mi.–So. 10–18 Uhr www.mak.at

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