© Timothy Schenck

Architektur
08/03/2016

Diese Kunstwerke sind eine Reise wert

Einfallsreiche Pavillons und originelle Installationen bereichern auch heuer wieder die Metropolen der Welt. Wer sie sehen möchte, sollte schnell sein: Die Sehenswürdigkeiten der Architekten und Designer sind zeitlich limitiert.

von Mario Kopf

Washington: Icebergs

von James Corner Field Operations

Schon das Betrachten führt zu einer Abkühlung: Die Installation im National Building Museum bietet eine erfrischende Alternative zu den heißen Temperaturen der US-amerikanischen Hauptstadt. Die Landschaftsarchitekten von James Corner, die unter anderem die Güterzugtrasse „High Line“ in New York in einen Park verwandelt haben, schufen mit einfachen geometrischen Kunststoff-Formen ein erlebnisreiches Unterwassergebiet. Inmitten der gigantischen Säulen der großen Halle hängen einige Eisberge von der Decke, andere wachsen aus dem Boden, alles umrahmt von einem blauen Netz. „Es ist eine Welt, die schön und bedrohlich zugleich ist“, erklärt Corner. Dass der Erhalt einer solchen im Zuge des Klimawandels immer schwieriger wird und entsprechende Maßnahmen dringend notwendig sind, sollte den Besuchern nämlich auch bewusst werden. Bis 5. September.

Versailles: Waterfall

von Olafur Eliasson

Wer einen Ausflug in die prächtige Palastanlage nahe Paris plant, stellt sich auf barocke Opulenz ein. Dass sich, wie diesen Sommer, ein Wasserfall aus dem Himmel ergießt, ist allerdings nicht üblich. Besucher dürfen ihren Augen ruhig trauen, handelt es sich doch um einen Teil der Installationen, die der dänisch-isländische Künstler im Schloss Versailles noch bis 30. Oktober zeigt. Mag das Schauspiel von vorne wie ein Wunder wirken, ist bei Nähertreten die kranartige Stahlkonstruktion zu sehen, über die das Wasser in die Höhe gepumpt wird. Eliasson versucht mit seinen Arbeiten – im Inneren etwa mit Spiegeln und Lichtreflexionen – den monumentalen Glanz des Areals zu brechen: „Besucher sollen nicht durch die Pracht geblendet werden, sondern ihre Wahrnehmung schulen und das Unerwartete umarmen. Sie sollen spüren, wie die Landschaft durch ihre Bewegungen Gestalt annimmt.“

Seoul: Temp’L

von Shinslab Architecture

Upcycling mag ein alter Hut sein. Was das Team rund um Shin Hyung-Chul in den Innenhof des nationalen Kunstmuseums in Südkorea (MMCA) platziert hat, stellt zweifelsfrei eine Ausnahme dar. Der Rumpf eines alten Schiffes wurde auf den Kopf gestellt, innen weiß ausgemalt, mit Ruheplätzen und Pflanzen ausgestattet und so zum „Temp’L“ (temporärer Tempel) umfunktioniert. Die Luken fungieren als Lichtspender, die halbrunden Öffnungen als Tore. Zudem fügten die Architekten eine Wendeltreppe und einen Balkon hinzu. Der dadurch entstandene Pavillon erhält durch seine industrielle, rostige Oberfläche eine besondere Präsenz, die sich farblich perfekt in das architektonische Ensemble einfügt. Ziel des Projekts sei nicht nur, auf den Wiederverwertungsaspekt hinzuweisen, sondern auch Emotionen zu kreieren. Der Glanz vergangener Tage hat sich in eine verwilderte Schönheit verwandelt, die bis 3. Oktober zu besichtigen ist.

Luxemburg: Swings

von Max Mertens

Manchen wachsen beim Besuch von Einkaufsstraßen die Schulden über den Kopf, in der Rue Philippe II der Hauptstadt Luxemburgs sind es angenehmerweise Schaukeln. 450 farbenfrohe Exemplare aus Holz, Seilen und Metalldraht baumeln bis August in der Höhe und sollen den Raum sowie die Interaktion mit diesem neu definieren. So lautet der Wunsch von Max Mertens, der an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert hat. Der Luxemburger beschäftigt sich im Rahmen seiner Installationen mit alltäglichen Objekten, denen er eine neue Bedeutung verleiht. Die Schaukel eigne sich besonders gut dafür, da der Gegenstand sofort ein Gefühl oder eine Erinnerung ins Gedächtnis rufe. „Swings“ verleiht dem Boulevard eine verspielte, den Ernst des Alltags verdrängende, Note. Lediglich das Platznehmen bleibt ein Wunsch – das Glück ist manchmal eben nur zum Greifen nah.

Montreal: Dance Floor

von Jean Verville

Der Weg zum ältesten Kunstmuseum Kanadas war bereits Schauplatz einiger Interventionen, heuer kann man in über fünftausend goldene Fußstapfen steigen. Die am Boden aufgebrachten Symbole führen zu aktuellen Ausstellungen wie „Pompeji“ und bieten eine Einstimmung auf dort zu sehende Mosaike. Der Pfad hat aber auch das Ziel, einen neuen urbanen Knotenpunkt zu schaffen, die Straße zum Leben zu erwecken sowie Interaktion und Bewegung zu fördern. So simpel die Idee sein mag, so effektvoll ist sie: Wenige können dem Drang widerstehen, den nächsten Abdruck zu betreten. Trotz der vorgegebenen Strecke bietet die Installation genügend Freiraum, um den Asphalt bis 23. Oktober im besten Fall täglich in eine Tanzfläche zu verwandeln. Jean Verville erzeugt die Rahmenbedingungen, schlussendlich sind es aber die Mitmachenden, die am Ende das Kunstwerk bilden.

London: The Hive

von Wolfgang Buttress

Es ist ein Pavillon zum Schwärmen, den der britische Künstler geschaffen hat: 170.000 Aluminiumteile bilden die rund 17 Meter hohe Konstruktion, die einem Bienenstock nachempfunden ist. Der auf Stelzen stehende Kubus wurde als multimediales Ereignis konzipiert: Vibrationssensoren messen die Tatkraft der Blütenbestäuber aus der Umgebung und aktivieren LED-Lampen. Wer eintritt und die Stäbe berührt, kann das Brummen am eigenen Leib erleben. Anlass des mit zahlreichen Auszeichnungen prämierten Baus, der erstmals für die Expo 2015 in Mailand konzipiert wurde, war Buttress’ Beschäftigung mit dem Bienensterben und dessen Auswirkungen. Sein Anliegen, die Beziehung zwischen den Tieren und Menschen aufzuzeigen, gelang bereits in Italien: Über 3 Millionen besuchten „The Hive“, in den Londoner Kew Gardens werden es bis November 2017 noch einige mehr sein.

London: Serpentine Pavilion

von Bjarke Ingels Group (BIG)

Zaha Hadid, Oscar Niemeyer oder Rem Koolhaas haben es bereits getan, heuer ist das Büro BIG aus Kopenhagen an der Reihe: Alljährlich lädt das Kunstmuseum in den Kensington Gardens Architekten dazu ein, den Sommerpavillon zu gestalten. Eine schöne Tradition, die sich heuer mit der guten alten Ziegelwand beschäftigt. Allerdings setzt der Däne Bjarke Ingels dabei auf ein anderes Material: 1800 gleich große Fiberglasrahmen stapeln sich zu einer vierzehn Meter hohen, pyramidenähnlichen Konstruktion. Konzipiert als begehbare Wand, die sich wie ein Reißverschluss öffnet, ergibt sich ein vielfältiges Erscheinungsbild: Von einer Seite wirkt der Pavillon wie eine kompakte, geschwungene Skulptur, ein anderer Blickwinkel offenbart die Transparenz dieser beeindruckenden Höhle. Es ist eine Architektur der Gegensätze, die das Erkunden des Bauwerks zum Erlebnis macht. Bis 9. Oktober.

London: Elytra Filament Pavilion

von Achim Menges, Moritz Dörstelmann, Jan Knippers, Thomas Auer

Im frei zugänglichen Innenhofgarten des Victoria and Albert Museums spielt sich Zukunftsweisendes ab: Jahrelang haben die Architekten Achim Menges und Moritz Dörstelmann, Bauingenieur Jan Knippers (Universität Stuttgart) und Klimaingenieur Thomas Auer (TU München) an der Entwicklung des Gewebes gearbeitet, das das 200 große Dach des Pavillons bildet. Von einem Roboter gefertigt, entstanden Module aus Glas- und Carbonfaserelementen mit einer wabenförmigen Struktur. Bis zum letzten Tag am 6. November wird sich das Projekt verändern: Informationen über das Nutzungsverhalten vor Ort entscheiden, wo und wie der Baldachin wächst. Die Inspiration für das Tragwerk stammt von den Deckflügelschalen von Käfern („elytra“), die sehr belastbar, aber auch gewichtssparend sind. Abseits des Schauwertes zeigt das Werk so eine innovative Produktionstechnik auf.

New York: Weaving the Courtyard

von Escobedo Soliz

Die Anforderungen sind nicht gering, die die Sieger des jährlichen Young Architects Program (YAP) in New York erfüllen müssen: Aspekte wie Schatten und Wasser müssen ebenso berücksichtigt werden wie Nachhaltigkeit. Dafür erhalten die Installationen eine große mediale Bühne. „Weaving the Courtyard“, bis 21. August beim MoMA PS1 zu sehen, ist eine reduzierte Arbeit, deren Wert sich bei genauer Beobachtung erschließt. Die Architekten des mexikanischen Studios bezeichnen sie als eine „Reihe von einfachen, aber effektiven Aktionen, die neue und unterschiedliche Atmosphären erzeugen“. Dabei gingen sie auf den vorhandenen Raum ein: Die perforierten Löcher der Betonwände wurden genutzt, um mit bunten Seilen ein Dach zu spannen, durch das sich eine architektonische Landschaft mit verschiedenen Zonen ergibt.Die „gewebte Wolken“ spenden Schatten, zudem sorgt ein Plantschbecken für Abkühlung. Alle Materialien lassen sich nach dem Abbau wiederverwenden.