"Die Welt wird in Schutt und Asche gelegt"

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Foto: PHI Pionierprojekt: Reihenhausanlage mit vier Einheiten in Darmstadt-Kranichstein

Wolfgang Feist hat das erste Passivhaus gebaut – und damit eine neue Ära eingeleitet. Wenige haben diesen Bereich so geprägt wie der Physiker. Im Interview zieht er Bilanz und spricht über Frischluft, Putzfassaden und die Zukunft.

KURIER: Nach einem Vierteljahrhundert: Wie revolutionär erscheint Ihnen der Passivhaus-Ansatz heute?

So innovativ war er nicht, eher eine konsequente Fortsetzung auf Basis der Erfahrungen, die Europa schon seit Jahrhunderten hat. Die Geschichte des Hausbaus ist eine der Effizienzverbesserung. Das Passivhaus hat diese Entwicklung ein Stück weitergebracht: Es ist so gebaut, dass die Wärme- oder Kältezufuhr nur mehr als allerletzte Korrektur für Temperaturdifferenzen eingesetzt wird. In Europa sind Gebäude für etwa 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs verantwortlich. Wenn wir mit Passivhäusern diesen Wert auf ein Zehntel reduzieren, ist das schon eine maßgebliche Erleichterung.

Sie wohnen in dem Pionierhaus in Darmstadt-Kranichstein. Hat es sich bewährt?

Wir haben gerade ein Stück der Fassade mit der Flex herausgeschnitten, das Dach angebohrt, mit Videokameras die Lüftungskanäle gefilmt und alles systematisch im Labor untersucht. Die verwendeten Komponenten sind heute noch neuwertig, es funktioniert alles wie am ersten Tag – und das nach 25 Jahren ohne Wartung.Gibt es etwas, das Sie aus heutiger Sicht anders machen würden?Selbstverständlich, wir lernen ständig dazu. Damals mussten wir die Fenster per Hand zusammenbauen, weil die Produkte in der gewünschten Qualität nicht marktgängig waren. Als Dachkonstruktion wählten wir ein nicht-hinterlüftetes Warmdach – heute gibt es feuchtadapative Dampfbremsen, die solch einen Aufbau noch sicherer machen. Und wir würden eine Lüftung mit Feuchte-Rückgewinnung verwenden, da der Spielraum auch bei weniger sorgfältiger Dimensionierung noch größer wird. Damit es nicht falsch verstanden wird: Die eingebaute funktioniert heute noch, wir haben nie zu trockene oder zu feuchte Luft gehabt, alles war nach wissenschaftlich Kriterien dimensioniert.

… Foto: PHI Gründer und Leiter des Passivhaus Instituts: Wolfgang Feist

Was muss ein gut funktionierendes Passivhaus aufweisen?

Die Wärmedämmung ist der Schlüssel zum energieeffizienten Bauen. Die Dreischeibenverglasung der Fenster ist in Mitteleuropa nahezu selbstverständlich geworden, besser geht es nicht. Und natürlich ist es notwendig, dass es für die Menschen frische Luft gibt: Dafür ist die Komfortlüftung da, am besten mit einer Wärmerückgewinnung kombiniert. Auch wenn es in der Baupraxis heute noch teilweise mindergute Lösungen gibt, sind die wissenschaftliche Erkenntnisse eindeutig: Die Komfortlüftung ist gesünder, behaglicher und ökonomischer. Es gibt immer wieder Kritikpunkte: Fehlplanungen, trockene Luft, hohe Kosten. Wie entgegnen Sie diesen?Es gibt eine polemische Kampagne gegen energiesparendes Bauen. Wenn man Medien liest, erweckt es den Eindruck, dass bei diesen Bauten entweder Wasser von der Tapete läuft oder es so trocken ist, dass den Leuten die Haare ausfallen. Wir haben in Österreich eine Reihe gut geplanter und umgesetzter Passivhäuser, die das Gegenteil beweisen und von den Lebenszykluskosten kostengünstiger sind als normale Gebäude.

Wie gelingt das?

Man kann an vielen Stellen Geld sparen. Der wesentliche Kostentreiber am Bau ist nicht die Wärmedämmung – damit sparen Sie langfristig sogar das Drei- bis Vierfache ein – , sondern Tiefgaragen, ausufernde Dachlandschaften und Hochglanzfassaden. Eine schlichte Putzfassade ist vielen Architekten nicht teuer genug. Wenn die Architekturqualität nur vom Oberflächenmaterial abhängt, ist das ein Armutszeugnis.

Ist Ihnen die Gestaltung wichtig?

Ästhetik ist Modetrends und Empfindungen ausgesetzt. Gute Gestaltung muss auch die Funktion im Auge haben, es geht um den Einklang. Die energetischen Zielsetzungen sind dabei mindestens ebenso wichtig wie der Brandschutz. Ein Drittel des Energieverbrauchs betrifft das Heizen. Da liegt Verantwortung für Architekten. Wie kann die Rede von Ästhetik sein, wenn nebenbei die Welt in Schutt und Asche gelegt wird?

… Foto: HG Esch/Hessisches Ministerium für Wirtschaft und Technik Die Komponenten, als Prototypen angefertigt, funktionieren heute noch einwandfrei

Welche Rolle spielt Österreich hinsichtlich des Passivhauses?

Es gibt engagierte und verantwortlich denkende Architekten, Ingenieure, Bauträger und Handwerker, die es trotz eines oft ablehnenden Klimas geschafft haben, tolle Objekte zu realisieren. In Tirol entsteht ein Sozialwohnbauprojekt nach dem anderen, Neue Heimat baut hier nur noch Passivhäuser. Wenn der Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker nach China fährt, spricht er über österreichische Beispiele. Auch dass Manhattan beschlossen hat, nur mehr Passivhäuser zu bauen, ist eine Folge dieses Engagements.

In welchen Bereichen forscht Ihr Institut momentan?

Ich nenne drei Beispiele. Wir untersuchen die Kühlung im Passivhaus in den Tropen: Es gibt ja Klimazonen, wo es notorisch heiß ist. Außerdem erforschen wir, wie bestehende Gebäude zu verbessern sind – in vielen ist nur innen liegendes Dämmen möglich. Weiters dokumentieren wir wissenschaftlich, welche Lebenserwartung die Passivhaus-Komponenten haben.

Ab 2020 schreibt die Europäische Kommission den Standard "Nearly Zero Energy" (Niedrigstenergiehaus) für Neubauten aus. Ist das Passivhaus immer noch das Konzept der Zukunft?

Natürlich, es erfüllt diese Anforderungen perfekt. Das Passivhaus ist sehr effizient, der Bedarf kann problemlos aus erneuerbaren Energien hergestellt werden. Das ist genau die Intention der EU.

Was treibt Sie an?

Uns geht es gut, wir führen ein vergleichsweise bequemes Leben. Aber wir dürfen dies nicht auf Kosten der künftigen Generationen tun. Momentan wird der Wohlstand dadurch erzeugt, dass wir unseren Planeten zerstören. Ich weiß nicht, ob den Menschen klar ist, was passiert, wenn wir Probleme wie den Klimawandel nicht lösen. Das ist die Aufgabe dieser Generation, da müssen wir ran. Und es ist gar nicht so schwierig, wir können das. Das Passivhaus ist ein Beispiel dafür.

Zur Person

Die Karriere des  1954 geborenen Deutschen steht ganz im Zeichen einer zukunftsfähigen Energielösung: Nach dem Physikstudium und Forschungstätigkeiten an den Universitäten Tübingen, Kassel und Lund war Wolfgang Feist Leiter des Projektes „Passivhaus Darmstadt“. Mit dem Haus in Kranichstein konnten allgemein einsetzbare Verfahren  für die Planung und den Bau  jenes Standards entwickelt werden. Es folgten zahlreichen Auszeichnungen wie der „Deutsche Umweltpreis 2001“. Der Gründer und Leiter des Passivhaus Instituts (PHI), einer unabhängigen Forschungseinrichtung mit Sitz in Darmstadt und Innsbruck, ist seit 2008  als Professor an der Universität Innsbruck im Arbeitsbereich  Energieeffizientes Bauen tätig. www.passiv.de

(Kurier) Erstellt am
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