Dorotheum - Auktionshaus / Reportage über die Möbelabteilung / Ulrich PRINZ

© KURIER/Michaela Bruckberger

Reportage
07/30/2015

Die Schatzsucher

Im Wiener Dorotheum werden Jahr für Jahr zahlreiche Exponate feilgeboten. IMMO hat das Auktionshaus besucht und Möbelexperten zum Gespräch getroffen.

von Ankica Nikolić

Hallenähnliche Räume, imposante Stiegenaufgänge, eleganter Stuck und altes Gemäuer – die Räumlichkeiten des Wiener Auktionshauses Dorotheum präsentieren sich durch und durch stilvoll. Die Vergangenheit der Räume steht in gewisser Weise auch im Kontext zum Tagesgeschäft. Denn die Schätze und Exponate, die in dem neoklassizistischen Baujuwel Jahr für Jahr versteigert werden, haben vorzugsweise alle ebenfalls einen beachtlichen historischen Lebenslauf vorzuweisen.

Unter den Hammer kommt ein interessantes Objekt-Poutpourri.

Feilgeboten werden Objekte der Moderne und zeitgenössischen Kunst, Kunst des 19. Jahrhunderts, Silber, Glas und Porzellan, Juwelen, Uhren, Jugendstil, Möbel, Skulpturen, Meisterzeichnungen sowie die Alten Meister. In Wien kümmern sich drei Experten darum, dass die richtigen Möbel in Auktionen gelangen. Ulrich Prinz ist einer davon. Der gelernte Tischler und Restaurator widmet sich seit über 35 Jahren Möbeln, vor Kurzem feierte er sein 20-jähriges Dorotheum-Jubiläum: "Ich gehöre zu den wenigen im Haus, die noch eine Effekten-Schätzmeisterprüfung abgelegt haben. Diese findet ihren Ursprung in der Pfandleihe. Heute würde man zu Effekten Hardware sagen. In meinen Anfängen gab es noch eine Schätzmeister-Struktur, die das Pfandwesen und die Auktionen betrieben haben. Die sogenannten Generalisten, die alles geschätzt haben." Heute wird dieses System im Auktionsalltag nicht mehr gelebt. Generalisten gibt es fast keine mehr. Man setzt auf Experten mit Fachwissen. Insgesamt verfügt das Dorotheum in Wien über drei im Bereich Möbel und dekorative Kunst sowie jeweils einen für Orientteppiche, Textilien, Tapisserien und Design.

Im Palais Dorotheum finden jährlich bis zu vier Katalogauktionen statt.

Rund 5000 Objekte, Möbel und dekorative Kunst, gehen jährlich im Wiener Dorotheum über den Verkaufstisch. Insgesamt werden zehn bis elf Katalogauktionen aufbereitet und in vier Auktionswochen abgehalten. Die Objekte können eine Woche vor der jeweiligen Auktion im Palais besichtigt werden und ab dem Katalogversand sind die Exponate auch Online ersichtlich. Die Zeiten zwischen den Auktionswochen werden mit daily auctions bespielt, hierfür gibt es keinen Katalog. Die Objekte sind ausschließlich Online oder im Palais zu sehen. "Ware die etwa bei einer daily auction nicht verkauft wird, reduzieren wir im Schnitt um 10 bis 25 Prozent. Generell versuchen wir, Ladenhüter natürlich zu vermeiden. Das gesamte Prozedere – von der Suche, Bewertung bis zur Dokumentation – dauert in etwa ein halbes Jahr", erklärt Ajda Künli, Leiterin der Abteilung für Möbel, Dekorative Kunst, Teppiche und Design.

„Unsere Hauptaufgabe liegt darin, zu filtern und zu entsorgen. Manchmal ist das auch ein Drahtseilakt ohne Netz, denn jede Expertise ist öffentlich und jeder Experte haftet dafür.“

Ulrich Prinz, Experte für Möbel und Interieur

Die Suche nach den wahren Schätzen führt den Möbelexperten Ulrich Prinz und seine Kollegen rund um den Globus, die einzelnen Stationen könnten dabei nicht unterschiedlicher sein. An einem Tag wird ein Lagerraum in Wien Favoriten inspiziert, drei Tage später wird ein Schloss in England besichtigt. "Wir beziehen unsere Ware vorwiegend aus Verlassenschaften. Der entscheidende Unterschied ist, dass wir Kommissionäre sind und keine eigene Ware kaufen", erklärt Prinz. Das Dorotheum ist am Meistbot prozentuell beteiligt.

Die Möbelexperten erstellen Vermarktungsangebote und keine Schätzungen.

Zwei bis drei gute Verlassenschaften reichen manchmal schon aus, um eine ganze Auktion zu bestücken. Der Marktvorteil? Die Stücke wurden noch nie angeboten, Händlerware hingegen ist meist schon vorsortiert. "Unsere Hauptaufgabe liegt darin, zu filtern und zu entsorgen. Manchmal ist das auch ein Drahtseilakt ohne Netz, denn jede Expertise ist öffentlich und jeder Experte haftet dafür", sagt Prinz. Wenn ein Preis festgelegt wird, spricht man von einem Vermarktungsangebot und nicht von einer Schätzung. Denn dafür sind Sachverständige zuständig, die hierfür juristisch definierte Wertigkeiten heranziehen. "Insgesamt gibt es bis zu zwölf verschiedene Wertigkeitsdefinitionen für ein und dasselbe Objekt. Im Auktionsgeschäft haben sie einen unteren und oberen Schätzwert, einen Rufpreis und ein Limit", erklärt Prinz.

„Das gesamte Prozedere rund um die Objekte – von der Suche, Bewertung bis zur Dokumentation – dauert in etwa ein halbes Jahr.“

Ajda Künli, Leiterin Abteilung Möbel, Dekorative Kunst, Teppiche und Design

Der Markt bestimmt natürlich auch bei Antiquitäten das Angebot. Doch was gerade "geht" oder eben auch nicht, ist nicht so einfach festzumachen. Zum einen spricht sich der Experte klar gegen eine Pauschalierung von Epochen aus. Zum anderen haben sich Wohnanspruch und Wohnkultur gänzlich geändert, was ebenfalls eine Rolle spielt. In den 70er- und 80er- Jahren etwa hat man ensemblegetreuer eingerichtet. Da gab es das barocke Speisezimmer, das klassizistische Schlafzimmer, das Renaissance-Arbeitszimmer – es gab bürgerliche Vorgaben. "In gewissen Kreisen musste man einfach einen Maria-Theresien-Schrank besitzen. Dieses Diktat ist heute nicht mehr populär. Heute kombiniert man eher einzelne antike Solitärmöbel mit modernen. Ein versierter Sammler geht hier natürlich anders beziehungsweise gezielter auf die Suche", erklärt Prinz.

Gut erhaltene Originale erzielen Redkorsummen.

Den höchsten Verkauf erzielte er mit einer klassizistischen Kommode, die um 250.000 Euro den Besitzer wechselte. Doch schon bald könnte diese Summe überboten werden. Denn seit Kurzem hat Ulrich Prinz ein ganz besonderes Stück in petto. Ein Röntgensekretär, der bis vor Kurzem noch in einem deutschen Museum als Leihgabe stand. Das kostbare Stück hat Seltenheitswert und stammt vom deutschen Ebenisten (Kunsttischler) David Röntgen (1743–1807), der eine Manufaktur in Paris besaß und vorwiegend für Königin Marie-Antoinette arbeitete. Röntgen ist auch die Erfindung der Geheimfächer zu verdanken.

Eine Auktion ist immer auch eine sehr emotionale Sache – für Käufer und Verkäufer", erklärt Ajda Künli. "Der Verkäufer verbindet mit jedem Stück eine ganz persönliche Geschichte und der Käufer, etwa ein Sammler, hat ebenfalls einen sehr speziellen Bezug – denn er will dieses eine Stück unbedingt haben. Diese positive Aufregung spüre ich selbst nach sieben Jahren noch bei jeder Auktion."

Ein weit verbreitetes Vorurteil ist etwa, dass Versteigerungen zu kostspielig sind. Auf wirklich begehrte Kunstschätze mag dies wohl zutreffen. Die aktuelle daily auction liefert hier allerdings einige Gegenbeispiele. Es gibt sie tatsächlich – qualitativ hochwertige Objekte zu durchaus moderaten Preisen. Einen Versuch ist es wert und wer weiß, vielleicht hören auch Sie demnächst zu Ihren Gunsten die erlösenden Worte: "Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten ... verkauft."

Daily auctions finden im Dorotheum derzeit wöchentlich statt. Die Exponate sind im Palais in der Dorotheergasse ausgestellt und online ersichtlich. Die nächste Auktionswoche (Alte Meister, Gemälde des 19. Jhd., Möbel & Dekorative Kunst, Glas, Porzellan, Antiquitäten) findet Mitte/Ende Oktober statt. Weitere Informationen sowie Termine finden Sie unter: www.dorotheum.com

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