Wittmann-Chef Hartmut Roehrig

© Kurier/Jeff Mangione

Wohnen
02/01/2019

Die hohe Kunst des Möbelbaus

Wittmann ist eine der letzten Möbelwerkstätten weltweit, die seine Stücke zu hundert Prozent selbst fertigt.

von Barbara Nothegger

Der Standort ist so ungewöhnlich, dass man fast vorbeifährt. Eingequetscht zwischen Heurigenstuben und typischen Weinviertler Dorfgebäuden versteckt sich mitten in Etsdorf am Kamp hinter einem unscheinbaren Haus einer der bekanntesten Möbelhersteller des Landes: Wittmann. „Wir produzieren seit mehr als hundert Jahren hier“, sagt Geschäftsführer Hartmut Roehrig, „heute verlassen jährlich 20.000 Stücke unser Werk. Wir liefern bis nach China und Australien.“

Angefangen als Sattlerei ähnlich dem französische Luxuslederwarenkonzern Hermès, hat sich das Familienunternehmen in den 1960er Jahren zu einer international tätigen Möbelmanufaktur aufgeschwungen. Wittmann steht mittlerweile im Besitz der vierten Generation, Ulrike Wittmann und Heinz Hofer-Wittmann, und erwirtschaftete zuletzt mit 120 Mitarbeitern rund 16 Millionen Euro Jahresumsatz. „Seit zwei Jahren ist unsere Strategie, neue Märkte wie Korea, Australien, China und Taiwan zu erschließen“, sagt Roehrig, der die Geschicke des Unternehmens seit drei Jahren lenkt.

Fünf Schlosser arbeiten in der hauseignenen Schlosserei

Holzuntergestelle werden begurtet

Sessel und Sofas wie etwa der von Josef Hoffmann 1910 designte Klassiker „Kubus“ schmücken Konzernzentralen und Hotels rund um den Globus. Kürzlich belieferte Wittmann die Hotelgruppe Motel One und das Salzburger Traditionshotel Blaue Gans. Die Exportquote liegt bei mittlerweile 70 Prozent. Die asiatischen Märkte wachsen rund 30 Prozent pro Jahr. „Die Kunden dort lieben es, wie die Möbel gemacht werden“, so Roehrig, „die asiatische Mittelschicht ist sehr bedacht auf Produkte mit Qualität.“

Wittmann ist durch und durch ein Handwerksbetrieb. Das ist in Etsdorf am Kamp schnell zu spüren. Ein paar Schritte hinter dem Haupteingang und den schicken Verwaltungsbüros wird es nämlich laut, es sprühen Funken und es riecht nach gegerbtem Leder. Männer in blauen Arbeitsanzügen stampfen durch die Hallen und Frauen schneiden an riesigen Tischen Stoffe zu. Roehrig: „Wittmann gehört zu einer Handvoll Möbelherstellern weltweit, die alle Einzelteile der Möbel selbst zusammensetzen. “

Denn branchenüblich ist, dass die Teile – so wie in der Autoindustrie – in verschiedenen Werken zusammen geschraubt werden. Den Großteil der Bestandteile produziert Wittmann überdies im Haus. Falls auf Zulieferer zurückgegriffen wird wie etwa bei Schaumstoffen, kommen diese aus der Umgebung. Leder wird in Europa zugekauft. „Die Familie Wittmann denkt sehr standortbezogen. Das bringt zwar keine Kostenvorteile, dafür Flexibilität,“ sagt Geschäftsführer Hartmut Roehrig.

Alleine in der hauseigenen Schlosserei werken fünf Schlosser. Dort werden die Untergestelle von Hand geschweißt. Der Stahl dafür kommt teilweise vom österreichischen Stahlkonzern Voest aus Linz. Vor allem für die Produktion der sogenannten Omega-Feder ist viel Können gefragt. „Sie bringt das Rückenteil von Sesseln leicht zum Schwingen. Für die Herstellung ist viel Erfahrung notwendig“, sagt Produktionsleiter Rene Hentschke.

Die Sonderwünsche der Kunden zu erfüllen, das ist einer der Kernkompetenzen des niederösterreichischen Unternehmens und ein größer werdendes Geschäftsfeld. Objektmöbel etwa für die Gastronomie und Hotels machen bereits 20 Prozent des Umsatzes aus. Geschäftsführer Hartmut Roehrig: „Durch die kurzen Wege in der Produktion können wir Spezialaufträge annehmen. Kürzlich lieferten wir etwa eine Sonderkollektion an Schminkstühlen für eine französische Kosmetikmarke.“

In der Vorpolsterei mit zehn Mitarbeitern werden unterschiedliche Schaumstofflagen aufeinandergeschichtet und mit einem Flies überzogen. In der Fachsprache der Polsterer ist das der Sandwich-Aufbau. Die Kunst der Sofaproduktion liegt nämlich darin, ein festes aber bequemens Sofa zu erzeugen. „Die meisten unserer Mitarbeiter kommen aus der Region und wurden im Betrieb ausgebildet“, sagt Produktionsleiter Hentschke, „die Polsterei war früher ein klassischer Männerberuf. Mittlerweile arbeiten auch Frauen bei uns.“Das Herzstück in der Produktion ist die Polsterei mit 15 Mitarbeitern. In einer großen, hellen Halle laufen die Fäden zusammen: Alle Einzelteile werden zu einem Ganzen zusammen gefügt. Die Stoffe, die aus der Näherei kommen, werden auf die Möbelstücke gespannt, die Untergestelle werden montiert und die Seitenteile angeschraubt. Produktionsleiter Rene Hentschke ist sicher: „Dieses handwerkliche Können kann niemand kopieren.“

Einen Strategiewechsel bei Wittmann gab es vor ein paar Jahren in der Auswahl der Designer. Früher kamen die meisten Entwürfe vom italienisch-österreichischen Designer Paolo Piva. Seit geraumer Zeit arbeitet Wittmann aber mit unterschiedlichen  Leuten wie dem deutschen Designer Sebastian Herkner, dem Spanier Jamie Hayon und der schwedischen Designerin Monica Förster. „Es ist nicht nur wichtig, dass ein Designer kreativ ist, sondern auch die Zusammenarbeit mit der Entwicklung stimmt. Sein Design muss ins Handwerk übersetzt werden“, sagt Roehrig.
Derzeit hat Wittmann rund 85 Händler weltweit, die Sofas, Sessel und Betten vertreiben. Vergangenen Mai wurde der erste Flagshipstore Deutschlands eröffnet. Im Hamburger „stilwerk“ im angesagten Szeneviertel Fischmarkt ist nun auch die Traditionsmarke aus Niederösterreich vertreten. Auch der Schauraum in Wien gegenüber der Secession wurde kurz vor Weihnachten rundum erneuert. „Wir haben es allerdings nicht eilig mit der Expansion. Viel wichtiger ist uns, mit den richtigen Partnern zu arbeiten“, sagt Roehrig.
Die Kapazität im Stammwerk an der Oberen Marktstraße, die im weiteren Verlauf zur Kellergasse wird, ist aber ausgeschöpft. So gab es doch schon eine Auslagerung der Wittmann-Produktion. Die Matratzenfertigung wurde verbannt. Und zwar in eine Halle an den Ortsrand von Etsdorf.

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