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12/05/2011

Design Week: Seelenverwandt mit der Kunst

Wiens Ausstellungsräume stehen im Zeichen des Festivals. Spannend bleibt der Grenzbereich von Design und Kunst.

Das kann wirklich jedem passieren: Dass ein Möbelstück zum Selbstzusammenbauen am Schluss deutlich anders aussieht als geplant.
Doch im MuseumsQuartier ist das Absicht.

Johannes Wohnseifer nahm den Großvater aller Selbstbausessel, den "Berlin Stuhl" Gerrit Rietvelds aus den 1920ern, her. Schmiss die Anleitung weg. Und schuf aus den Einzelteilen ein knallrot-kantiges Objekt, das mit seiner ursprünglichen Aufgabe als Sitzgelegenheit höchstens noch entfernt verwandt ist.

Und das nun für das Anliegen der Schau "Totem and Taboo" (bis 20. 11.) im Quartier 21 steht. Denn im Rahmen der "Vienna Design Week" (noch bis 9.10.) will man zeigen: Design verleiht Möbeln und Gebrauchsgegenständen Mehrwert, macht diese von objektartigen Möbeln zu möbelartigen Objekten, wie Kurator Tido von Oppeln erläutert. Und damit seelenverwandt mit der Kunst.

Mit dem Ausstellungstitel bezieht man sich auf Sigmund Freud und erkundete demnach auch in einem Panel am Samstag die "Übereinstimmungen im Seelenleben von Kunst und Design." Denn nicht nur Heimo Zobernigs Penis-förmige Metallskulptur bietet sich zur Psychoanalyse an.

Judith Seng und Alex Valder versammeln Ausschuss der Glasmanufaktur Lobmeyr zu einer kleinen Armee deformierter Design-Außenseiter, übereinander gestülpt, ineinander verschmolzen, funktionslos.

So wie die mit der Sitzfläche fix am Tisch befestigten Sessel im Nebenraum: Sie verweisen auf jene weit verbreiteten toten Ecken in Wohnungen, in denen Gebrauchsgegenstände stehen, die aber selten oder nie benutzt werden. Kai Linke wiederum nimmt gewöhnliche Plastiksessel Marke Baumarkt und verschmilzt diese miteinander zu unbrauchbaren Spiegelobjekten - zu schmal zum Sitzen, mit Lehnen auf allen Seiten oder Plastikspitzen an äußerst ungünstigen Stellen.

Doch der Nutzen eines Objekts kann ja auch ein anderer sein als der praktische: Man entwickle eine emotionale Bindung zu seinen Alltagsgegenständen, betont Tido von Oppeln. Dass diese sich im Laufe der Zeit aus dem Gebrauch heraus ergibt, stellt sich als vielleicht größter Unterschied zur Kunst dar. Und auch als Fragezeichen bezüglich der Schau: Die Gebrauchsebene des Designs wird komplett ausgespart. Die ist immerhin genau das, was Design mehr zu bieten hat als Kunst.

Tafelbilder sind auch nur Möbel

Das Wort " Möbel" leitet sich von mobil, beweglich ab - und der US-Künstler Joe Scanlan lässt sich diesen Zusammenhang auf der Zunge zergehen. Der Künstler, der auch in der Schau "Totem and Taboo" mit einer Arbeit präsent ist, zeigt in der Galerie Martin Janda bis 29. 10. eine Reihe von Objekten, die sich - wiewohl vordergründig unspektakulär - bald als feinsinnige Kommentare zur Kunst- und Lebenswelt entpuppen.

Dass die aus Holz, Metall und bunten Tüchern gebauten Werke sehr analytisch daherkommen und auch wortspielerische Titel tragen, ist bei Scanlan nur logisch: Der 1961 geborene Künstler ist auch Kunstkritiker, Professor an der renommierten Princeton University und - ganz nebenbei - Erfinder einer patentierten Methode zur Umwandlung von Müll in Blumenerde. So viel zum Thema Hochkunst versus Angewandte Kunst.

Bei Janda hat Scanlan u.a. bunte Stoff-Rechtecke an Wäscheleinen in den Raum gehängt, die eine schillernde Identität zwischen Collage, Malerei, "Zeichnung im Raum" und banalem Alltagsobjekt annehmen. Dazu hängen und lehnen "Möbel (für Knoebel)" in der Galerie - leere Keilrahmen ohne Leinwand, dafür aus edlem Holz und mit feiner Lasur. Die Objektserie - der Titel bezieht sich auf den Maler Imi Knoebel - spielt darauf an, dass Bilder ab einem gewissen Punkt der Geschichte nicht nur als Wandgemälde existierten, sondern "mobil" wurden: Auch das geheiligte Tafelbild ist bei Scanlan also auf gewisse Weise ein "Möbel". Der Preis für das Ensemble (35.000 Euro) schreit allerdings "Kunst!": Denn der Marktplatz und der Marktwert reden bei der Definition selbstverständlich mit.

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