Wohnen
04.12.2018

Design aus dem hohen Norden: Finnisches Feingefühl

Die Finnen kommen – und zwar in Form ihrer Designs. Klare Linien und dezente Farben erobern die österreichischen Wohnzimmer.

Klare Linien, Birkenholz und dezente Farben wie Weiß, Beige und Grau. Wer diese Begriffe in der Suchmaschine Google eingibt, findet nicht nur typisch skandinavische Wohnzimmer, sondern überraschenderweise auch österreichische. Der puristische Stil der Finnen ist in Mitteleuropa angekommen und beliebt wie nie zuvor.

„Vor gut fünf Jahren waren unsere Einrichtungstrends noch von pompösen italienischen Designs geprägt. Ich denke, die Menschen waren davon übersättigt“, erklärt Oliver Pestal, Raumplaner bei designfunktion.

Seither ziehen dezente Entwürfe aus dem hohen Norden ein – und die Finnen freuen sich. Für sie gehört Design zur Kultur und ist Teil ihrer Identität. „Wenn wir einen Stuhl brauchen, überlegen wir uns, was der Stuhl haben muss, um zu funktionieren. Den Rest radieren wir weg,“ beschreibt Heidi Salama-Kollegger den finnischen Designprozess.

Seit 14 Jahren betreibt sie den Finnshop in der Siebensterngasse in Wien. Was bleibt, sind gerade Strukturen in gedeckten Farben und hochwertiger Qualität.

Alvar Aalto - Vater des Modernismus

Geprägt wurde der finnische Stil vom „Vater des Modernismus“, Alvar Aalto. Die von ihm gegründete Möbelmarke Artek (1935) gehört mittlerweile zum Schweizer Designunternehmen Vitra und steht noch heute für höchste Qualität. „Wir sind mit den Aalto-Stühlen aufgewachsen. Seine Möbel stehen in Schulen, Flughäfen und natürlich auch in den privaten Wohnungen der Finnen“, erklärt Sisse Collander.

Sie ist Innenarchitektin und kuratierte im September mit Susanna Björklund, während der Designmesse Habitare in Helsinki, Showräume, die die zukünftigen finnischen Trends repräsentierten. Ihr Fazit: Finnisches Design ist im Wandel – auch wenn das für das mitteleuropäische Laienauge nicht sofort sichtbar wird.

Versteckte Spielereien

Das Geheimnis liegt, wie so oft, im Detail. Dem stimmen auch andere Designer auf der Messe zu. „Früher waren finnische Entwürfe sehr ernst und von einer strengen Linienführung gekennzeichnet. Mein Ansatz ist verspielter als der meiner Vorgängergenerationen“, erklärt Timo Niskanen, Gründer und Designer von Himmee.

Trotzdem sind seine Stücke weit entfernt von einer auffälligen Designkultur. „Wir sind immer noch sehr finnisch“, sagt er weiter. Seit vier Jahren entwirft Niskanen Leuchten mit besonderen Details: „Dieser Lampe habe ich Ohren verpasst, um ihr das Aussehen eines Steckenpferdes zu verleihen. Sie sind aber kaum zu erkennen, wenn man es nicht weiß.“

Auch sein Design-Kollege Mikko Kentta von der Marke „Muoto2erkennt Veränderungen: „Die Entwürfe sind persönlicher und auch die Farb- und Materialwahl ist heute bunter.“ Zudem werde seit einigen Jahren auch mehr Eichenholz verwendet, was mehr Wärme in den Wohnraum bringt.

Geradlinige Finnen

Dieser Wandel betrifft vor allem das finnische Design, das sich von den skandinavischen Entwürfen auf den ersten Blick nur sehr schwer trennen lässt. „In den 1950er-Jahren hat sich eine ähnliche Formensprache in allen skandinavischen Ländern entwickelt“, erklärt Raumplaner Oliver Pestal. Daher sei es schwierig einen Entwurf auf ein bestimmtes Land zurückzuführen.

„Es gibt allerdings bestimmte Macher, bei denen das möglich ist.“ Alvar Aalto ist hier besonders hervorzuheben. Pestal: „Er bezieht sich in seinen Entwürfen auf die finnische Landschaft. In einer seiner Vasen zeichnet er beispielsweise finnische Seen nach.“

Finnshop-Betreiberin Heidi Salama-Kollegger sieht aber auch in den Alltagsmöbeln einen Unterschied zu den skandinavischen Entwürfen: „Das dänische und finnische Design sind sich am ähnlichsten. Beide legen großen Wert auf eine gerade Linienführung. Norwegen ist eher traditionell, nicht so puristisch wie wir Finnen. Das schwedische Möbeldesign hingegen ist viel mehr geschmückt und ähnelt dem germanischen.“

Warum die Finnen die eigenen Möbel in ihren Wohnräumen so sehr schätzen, weiß Salama-Kolleger auch: „Die Designs sind Teil der finnischen Seele.“

Hohe Preise für beste Qualität

Der Preis ist egal. „Wir bezahlen, was notwendig ist und haben die Stücke dann sehr lange. Auch Petra Sarias, Mitarbeiterin der finnischen Botschaft erzählt von ihren Möbelkäufen. Sie selbst habe für das Kinderbett ihres Sohnes 1500 Euro ausgegeben. „Das klingt verrückt, aber die Qualität war auch nach zehn Jahren noch so gut, dass wir es um 1300 Euro weiterverkaufen konnten“, so Sarias.

Diese Argumentation ist in Finnland immer wieder zu hören. „Früher konnten wir es nicht mehr sehen, heute schätzen wir diesen Teil unserer Kultur sehr“, erzählt Susanna Björklund während der Designmesse in Helsinki.

Einige der Produkte, die dort zu sehen waren, kennen die Menschen in ganz Europa bereits seit vielen Jahren. Den Grund erklärt Björklund: „Ein großer Möbelhersteller hat sie kopiert und für wenig Geld verkauft.“ Darunter auch der dreibeinige Hocker von Alvar Aalto. Die Finnen nehmen es hin. Was sollen sie auch anderes machen. „Es ist okay, junge Leute müssen sich auch etwas leisten können. Aber die Schönheit kommt von den Ursprungserfindern“, erklärt Heidi Salama-Kollegger.

Während die Originale von Alvar Aalto seit Jahren von großen finnischen Marken wir Artek und Iittala produziert werden, tüftelt die junge Designszene an neuen Produkten. Dafür haben sie sich in Fiskars versammelt. Die kleine Stadt ist rund hundert Kilometer von Helsinki entfernt und hat sich zum kreativen Zentrum Finnlands entwickelt.

Auch Antrei Hartikainen, eines der aufstrebenden finnischen Talente ist 2010 dorthin gezogen, um seinem Handwerk – er ist Designer und Kunsttischler – nachzugehen.

Es hat nur kurze Zeit gedauert, bis die Gründer der Möbelmarke Poiat, Antti Rouhunkoski und Timo Mikkonen, auf ihn aufmerksam geworden sind. Bereits nach ihrer ersten Zusammenarbeit wurde der 26-jährige Hartikainen mit dem „Young Designer of the Year“ vom „Design Forum Finnland“ ausgezeichnet.

Die finnische Designszene unterstützt sich in Fiskars gegenseitig. Wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass sich die Entwürfe weit über die Landesgrenzen hinaus großer Beliebtheit erfreuen.