Ein Hoch dem Hässlichen: "Vienna Ugly Tour"

© KURIER/Franz Gruber

REPORTAGE
02/17/2016

Augen auf und durch!

Der Brite Eugene Quinn erkundet mit der "Vienna Ugly Tour" die unschönen Seite der Stadt: Fragwürdige Architektur, schräge Gebäude und die Verwerfung von Klischees stehen auf dem Programm. Dabei lernen auch die Einheimischen ihre Metropole neu kennen. IMMO war beim Rundgang dabei.

von Mario Kopf

"Hässlich ist ja gar kein Ausdruck dafür", flüstert die Dame entsetzt. Dabei weiß sie noch gar nicht, dass das begutachtete Objekt noch eines der kleineren Übel ist – der Vormittag ist noch jung und die Vienna Ugly Tour erst an ihrem Beginn. Samstag, strahlender Sonnenschein, einer der ersten frühlingshaften Tage des Jahres. Eugene Quinn empfängt seine Gefolgsleute, er selbst gibt sich adrett kostümiert mit Müllabfuhrhose und dem Symbol in der Hand, dem es zu folgen gilt: Ein karger Ast mit dem Titel der Veranstaltung.

"Wir werden die Qualität von Hässlichkeit feiern. Und einen neuen Blick auf die Stadt werfen", verspricht der Brite. "Jeder Tourist geht in die Hofburg, fährt nach Schönbrunn, isst Schnitzel und Sachertorte. Viele Objekte, die wir heute besichtigen, bleiben unentdeckt. Sie sind traurige Verlierer."

Und das interessiert auch zahlreiche Einheimische: Meist sind bei der englischsprachigen Stadttour mehr Wiener anwesend als Besucher aus dem Ausland. "Es geht um hässliche Gebäude, natürlich schaue ich mir das gerne an", sagt Eldin, ein 27-jähriger Kärntner, der als Architekturstudent einen nochmals anderen Blick auf das Geschehen hat. Während jeder Teilnehmer fünf Euro bezahlt und dafür einen Smiley-Sticker erhält, beginnt Quinn mit seinen Ausführungen.

Den Auftakt macht der Flakturm im Augarten, ein grauer Betonbau zur Luftabwehr aus dem Zweiten Weltkrieg. "Er ist schön und hässlich zugleich, wie Mick Jagger", meint er. "Wie viele von euch finden den Bunker grauslich?" Die Abstimmung erreicht kein eindeutiges Ergebnis. "Ihr seid hart im Nehmen."

Geteiltes Leid

Es geht weiter: Rund hundert Pilger folgen dem ehemaligen BBC-Journalisten durch die Wiener Gassen. Beim Karmelitermarkt wartet das "Haus der Zeit" auf das nächste Urteil. Die Fassade des fünfstöckigen Gründerzeitbaus schmückt eine seltsame Pastellbemalung mit Frauen ohne Gesicht, Brüsten und Schnörkel. "Ich muss das jeden Tag ansehen, weil ich gegenüber wohne", sagt Quinn. Das erklärt natürlich einiges und es ist nur allzu menschlich, sein Leid teilen zu wollen. Ziemlich viele votieren für "hässlich".

Ebenso bei dem Dachausbau, den ein bizarres goldenes Muster prägt. Dem Apartmentgebäude eine Gasse weiter kann niemand böse sein: Seine skurril bunte Außengestaltung weist lachende Gesichter auf. Ein Kontrapunkt zum melancholischen Image der Stadt – zumindest ein Versuch. Quinn ruft die Menschen zum Berühren der Fliesen auf. "Ihr müsst es fühlen."

Eldin gefällt die Tour, auch wenn er nicht in allen Punkten übereinstimmt: "Was Eugene über Linien und Achsen erzählt, ist eben seine persönliche Meinung, es ist seine Show." Dem Briten geht es auch weniger über wahrhaftige Urteile ("Es gibt keinen Professor des Hässlichen") als darum, Diskussionen auszulösen. Wenn er den "Media Tower" von Hans Hollein kritisiert, kann er gewiss sein, dass Widerspruch aufkommt.

Eine andere Facette der Stadt

Provokation ist Teil des Programms, das aber auch eine Liebeserklärung an seine neue Heimat ist. Die Beziehung zu seiner österreichischen Frau verschlug den Kulturaktivisten an die Donau. Von den Dingen, die er über Wien zu glauben wusste, war bei der Ankunft wenig zu sehen. "Ich war überrascht: Die Realität ist so viel interessanter als das in die Welt getragene Profil." Anlässlich des Song Contests sah er seine Chance gekommen, das wahre Gesicht der Stadt zu zeigen. "Ich empfand Ärger darüber, dass ich ,mein Wien‘ in den offiziellen Touren nicht repräsentiert sah. Die Idee, dass es eine moderne, abenteuerliche Stadt sein kann – in der es FM4, den Donaukanal und das Museumsquartier gibt."

Schlechte Architektur sei er ohnehin von daheim gewöhnt. Hier böte die Konzentration auf das Hässliche aber den Vorteil, Schönheit besser zu verstehen. Wobei: "Diese kann manchmal auch langweilig sein." Dementsprechend aufregend präsentiert sich das "Collegium Hungaricum", das Ungarische Kulturinstitut. Im architektonischen Stil des Konstruktivismus in den 90er-Jahren umgebaut, lädt es mit schrägen bis viertelrunden Fenstern, unwillkürlich herausragendem Stahl und den Farben der Nationalflagge über dem Entree zum Staunen ein. "Es ist laut, stolz, aggressiv. Klein, aber mit großen Ambitionen. Wenn es eine Person wäre, dann Vladimir Putin."

Quinn führt zu einem Stromkasten, über den Donaukanal zum Schwedenplatz. So viele Menschen wie heute seien noch nie mitgewesen, meint er. Einer von ihnen ist Jason aus Neuseeland, der als Tourist hier weilt und den Rundgang von Freunden empfohlen bekam. "So ein Wien haben wir noch nicht gesehen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Gebäude hässlich sind. Sie sind auf alle Fälle interessant, auf ihre eigene Art." Oder Farah, die aus der Dominikanischen Republik stammt und seit zwei Monaten bei den Vereinten Nationen arbeitet. Für sie ist der Rundgang ideal, um ihren neuen Wohnort schrittweise kennenzulernen.

Der Unterhaltungsfaktor ist hoch, dennoch werden bei der Vienna Ugly Tour auch ernste Themen vermittelt und Herausforderungen diskutiert. Ob das UNESCO-Weltkulturerbe ein Glassturz ist, unter dem die Innenstadt steht. Wie hoch das Bewusstsein für Architektur ist. Welche Auswirkungen Gentrifizierung hat. Und schließlich ist die Tour ein soziales Experiment, das Fremde zusammenbringt, die sich miteinander austauschen.

Etwa über heimische Baukünstler wie Peter Czernin, der das Bundesamtsgebäude im dritten Bezirk geplant hat. Ein grün-blauer Koloss aus dem Jahr 1986, in dessen Inneren ein Festsaal ohne Tageslicht, eine Statue ohne Kopf und Penis verwundert. Für Alice Koder der Favorit: "Absolut scheußlich." Die 68-jährige Wienerin stimmte bereits in Jugendjahren regelmäßig im Freundeskreis über die neuesten Bausünden der Stadt ab. "Wien war lange Zeit komplett grau, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen", erzählt die Teilnehmerin und zitiert den Schriftsteller Robert Gernhardt: "Dich will ich loben, Hässliches, du hast so was Verlässliches."

Tatsächlich erobern die fragwürdigen Objekte pflichtbewusst die Aufmerksamkeit. Ein Umspannwerk der Wiener Netze aus den 70er-Jahren, dessen gestalterische Vision sich nie erfüllt hat. Das "Hotel Marriott" am Ring, in welchem eine künstliche Gebirgslandschaft mit plätscherndem Wasserfall die Zeit überlebt hat. Ob Peter Noevers Terrassenplateau beim Museum für angewandte Kunst dazu gehört oder der Brunnen "Macht zu Lande" von Edmund Hellmer aus 1897, ist wieder Gesprächsstoff.

Erkundung der Wiener Seele

Knapp dreieinhalb Stunden Fußmarsch liegen hinter uns, die Gruppe ist überschaubarer geworden. Dennoch ist Aufmerksamkeit gefragt, damit niemand von einer Straßenbahn oder einem Fiaker niedergefahren wird: "Das wäre definitiv hässlich", meint Quinn. An heimische Gepflogenheiten muss er sich noch gewöhnen. Dass es für die Ausübung als Fremdenführer einen Gewerbeschein braucht, ließ ihn die Wirtschaftskammer freundlich wissen – eine gesetzliche Vorgabe. Mit dem mitgegründeten Verein space and place wird sich Quinn weiterhin der kulturellen Raumgestaltung widmen: Ob Rundgänge mit speziellem Schwerpunkt wie Geruch oder Veranstaltungen, bei denen Wiener mit Flüchtlingen oder Touristen gemeinsam essen und plaudern.

Sein Engagement kann als hilfreich bezeichnet werden. "Ich liebe Wien, aber es ist keine Stadt, die dich anspringt und umarmt." Die deutschen Touristen Britta und Frank stimmen ihm zu: "Die Einwohner heißen einen nicht so willkommen, sie strahlen wenig Freundlichkeit aus." Was solch eine Tour, bei der man sich mit Architektur und Stadtplanung beschäftigt, für Erkenntnisse zulässt. Grant, Raunzerei, Schwermut – am Ende wird gar das wahre Temperament durchschaut. Obwohl, dabei handelt es sich doch auch nur um alte Klischees, die zu widerlegen sind. Oder?

www.spaceandplace.at

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