Wissen
21.06.2018

Wo die Nasa außerirdisches Leben vermutet

Nasa-Chefwissenschaftler Jim Green auf Wien-Besuch: Jupiter-Mond Europa ist der heißeste Kandidat.

Was bringt den Chefwissenschaftler der Nasa nach Wien? Gute Kontakte zum Naturhistorischen Museum, sagt der Chef des Hauses, Christian Köberl und bittet zum Runden Tisch mit Jim Green. Der KURIER war dabei und hatte Gelegenheit, dem Top-Astrophysiker beim Schwadronieren über außerirdisches Leben, drei blaue Planeten in unserem Sonnensystem und das Budget der Nasa zuzuhören.

 

Zur Person

Jim Green ist ein Nasa-Urgestein: Seit 38 Jahren ist er dabei. Seit 1. Mai 2018 sogar als neuer Chefwissenschaftler der Nasa. Er war es auch, der  2015  verkündete, dass es Wasser auf dem Mars gibt. Unter Greens Leitung wurde  die New Horizons-Sonde Richtung Pluto, die Messenger-Sonde zum Merkur und die Juno-Sonde zum Jupiter geschickt. Auch der Mars-Rover Curiosity ist eines seiner Babys. Kein Wunder, dass ihn Regisseur Ridley Scott als Berater für seinen Film „The Martian“ mit Matt Damon engagierte.

Was Green – wie es sich für einen Amerikaner gehört – „exciting“ (aufregend) findet, ist die Suche nach Leben. Venus, zum Beispiel, sei zwar jetzt zu heiß, um auf ihr zu landen; auch der Druck dort sei neunmal so hoch wie auf der Erde – nicht wirklich einladend. „Aber Venus war nicht immer so. Wir haben herausgefunden, dass sie ein blauer Planet gewesen ist. Venus war vielleicht der erste bewohnbare Planet im Sonnensystem.“ Das sei „exciting“  und gelte auch für den Mars. Der war vor Millionen Jahren ebenfalls blau statt rot.

„Es gab also drei blaue Planeten in unserem Sonnensystem, die Leben beherbergt haben könnten. Einer, die Erde‚ tut es tatsächlich“, sagt Green und ergänzt: „Bei den anderen beiden sind wir nicht sicher.“ Da brauche es noch viel Forschung. „Ich bin aber sicher, dass wir diese Frage in den kommenden Jahren beantworten werden können.“

Genug Geld

Um das Budget für diese Forschung macht sich der neue Chefwissenschaftler keine Sorgen. Sagt er zumindest: Unter Trump sei es um die Nasa-Finanzen so gut wie noch nie bestellt.  „In dieser Administration ist das Wissenschaftsbudget der Nasa besser als es je seit Apollo war.“ Die Mittel für die Planetenwissenschaften seien von 1,5 Milliarden Dollar (1,3 Mrd. Euro) in der Obama-Ära auf 2,2 Milliarden Dollar gestiegen. „Die Nasa-Wissenschaft strotzt vor Gesundheit. Wir planen eine Mission zu Europa (Jupitermond), zum Mars, ...“
Apropos Mars: Erst dieser Tage habe der  Mars-Rover Curiosity Daten geliefert, die das Puzzle wieder  ergänzen: „Wir haben den Mars-Boden untersucht und alle Zutaten für Leben entdeckt – Kohlen-, Wasser-, Sauer- und Stickstoff, Phosphor sowie Schwefel; und der Boden ist feucht,“ berichtet Green. Dass der Mars feucht ist, sei eine Untertreibung: „Wenn das ganze Wasser der Mars-Nordpolkappen in den ehemaligen Ozean fließen würde, wären zwei Drittel der Nordhalbkugel unter Wasser“, erläutert er.
Curiosity habe auch Methan gemessen, das aus dem Boden strömt, und das sei ein Indikator für Leben. „Denken sie  nur an das Methan auf der Erde“, sagt er. „Mehr als 95 Prozent davon werden biologisch (durch den Stoffwechsel von Lebewesen) erzeugt, es könnte also auch Grundwasser mit mikrobiellem Leben auf dem Mars geben“, mutmaßt Green. Ab 2020 will er diesen heißen Spuren jedenfalls mit einem neuen Rover nachgehen.

Leben auf Europa

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, hätte der Astrophysiker auf der Suche nach  komplexem Leben aber ein ganz spezielles Ziel, erzählt er: „Da hätten wir wohl auf Europa die besten Chancen. Dort gibt es Wasser und Eis. Leben mag dieses Zwischenstufe zwischen fest und flüssig.“ Für die Suche nach Leben auf Europa müsste man aber auf der Oberfläche landen, eine der Eisspalten runterklettern,   Wasser finden und an der Schnittstelle zwischen Eis und Wasser nach Leben suchen.
Zukunftsmusik, genauso, wie die Suche nach so genanntem „Weird Life“.  Green: „Was wäre, wenn es Leben auf ganz anderer Basis gäbe – tauschen wir einfach mal in unseren Überlegungen Wasser mit Methan aus – dann wäre Titan ein Ort,  wo sich eine ganz andere Art von Leben hätte entwickeln können“, philosophiert er. Schließlich ist der Saturnmond neben der Erde der einzig bekannte Himmelskörper im Sonnensystem mit Flüssigkeit auf der Oberfläche – Methan nämlich.  „Forscher denken über eine neue Art von DNA,  Stoffwechsel und Zellen nach; aber wie dieses Leben funktionieren könnte – keine Ahnung!“ Und weiter: „Auch wenn das völlig andere Bedingungen sind, gibt es Titan seit 4,5 Milliarden Jahren. Wenn Leben angefangen hat, hatte es genug Zeit, sich zu entwickeln."

Zurück zur Erde

Bei all den hochfliegenden Plänen ist es irgendwie verständlich, dass die Aufgaben auf der Erde zurückstehen müssen. Zuletzt hat das Weiße Haus etwa das Programm Carbon Monitoring System (CMS) zur Überwachung des Klimawandels gekürzt. „Es gibt ein paar Herausforderungen, wie in jedem unserer Bereiche. Aber wir wollen das CO2 sicher weiter beobachten – und wir werden einen Weg finden, das zu bewerkstelligen.“ Es stimme nicht, dass diese Regierung ein Sparprogramm verordnet habe. Green: „Es ist eine wirklich gute Zeit, um bei der Nasa zu arbeiten.“

INFO Für Weltraum-interessierte Kinder  hat das Naturhistorische Museum ein Sommer-Weltraum-Programm zusammengestellt: www.nhm-wien.ac.at