Vorbild Bonobos: Die kleinen Verwandten der Schimpansen wandeln Aggression in positive Energie um.

© REUTERS/FINBARR O'REILLY

Wissen Wissenschaft
12/16/2019

Wie Tiere Krisen bewältigen - zum Beispiel mit Sex

Der Mensch könnte sich verschiedene Tricks der Tiere abschauen, um die Welt zu verbessern.

von Hedwig Derka

Bienen sind Meisterinnen der Kommunikation. Geht es darum, ein neues Zuhause zu finden, schwärmen sie aus und entscheiden im Vielaugenprinzip. Ein Volk als Musterbeispiel für Effizienz in einer Extremsituation.

Oder Wölfe: In freier Natur zeigen die Rudeltiere vor, wie flache Führungsstrukturen, Spiel, Übung und Intuition die besseren Ergebnisse liefern als ein autoritäres Management.

Der Blaue Planet ist voll von vorbildlich tierischen Lösungen. „Ich sage nicht: ,Zurück zur Natur‘, sondern vorwärts mit einigen Plagiaten aus der Natur.“ Oliver Tanzer, Journalist und Sachbuchautor, versucht in Animal Spirits (Molden-Verlag, 240 Seiten, 24 Euro) aufzuzeigen, Wie uns Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen. Aus der Finanzkrise, der Klimakrise, der Politikkrise, der Gesellschaftskrise, der Ich-Krise. Er beginnt im Gedruckten bei Adam & Eva und Aristoteles – Querlesen unmöglich – und endet im Gespräch mit dem KURIER bei Greta Thunberg und seiner Tochter, den Hoffnungsträgerinnen für ein besseres Morgen. Der Wirtschaftsexperte mit Faible für Flora und Fauna sieht dringenden Handlungsbedarf, denn das ständige Wachstum sei schädlich für den Planeten und seine Bewohner.

Aber der Reihe nach – dem Buchtitel folgend.

 „Die Ökonomie des Kapitalismus tut einfach nicht, was ein System tun sollte: eine stabile Ordnung schaffen“, analysiert Tanzer die problematische Ausgangslage und ruft zur Lösung nach den Animal Spirits. Die „tierischen Geister“ haben in der Finanzwelt als irrationale Elemente wie Instinkte, Emotionen und Herdenverhalten Tradition. John Maynard Keynes, Ökonom und glühender Anhänger von Sigmund Freuds Psychoanalyse, prägte den Begriff 1936; er geht weit über die heute damit assoziierte Gier hinaus. „Die Triebe, die beim Menschen ins Gute und ins Schlechte gehen können, waren in der Natur Jahrmillionen lang ein Erfolgsrezept“, sagt Tanzer und bringt mit Bienen über Bäumen bis Wölfen ins Spiel, was dem Menschen Vorbild im Krisenmanagement sein könnte.

Auch die Fledermäuse. Egoisten aufgepasst: Die Leichtgewichte müssen sparsam mit Fettreserven umgehen. Bleibt ein Ausflug ohne Beuteerfolg, stopfen satte Artgenossen das hungrige Maul. Geizige Tiere werden – Retourkutsche – nicht mehr versorgt. Die Sanktion holt Selbstsüchtige ins Gruppenleben zurück. „Wir sollten durch das Vorleben, nicht durch Aggression zum Handeln bewegen“, zieht Tanzer die Tier-Mensch-Parallele.

Die bietet sich auch bei Pantoffeltierchen an: Verschlechtern sich die Lebensbedingungen, wechseln die Einzeller von Zellteilung auf sexuelle Fortpflanzung und steigern damit ihre genetische Vielfalt. Jene Kombinationen, die der neuen Situation am besten entsprechen, überleben. Umgemünzt auf die Wirtschaft heißt das für den 52-Jährigen Linzer mit Wohnsitz in Niederösterreich: In Krisen soll nicht an überholten Modellen festgehalten werden – siehe Börsenkrach am schwarzen Donnerstag 1929, siehe amerikanische Immobilienblase 2008. Vielmehr ist ein Pool an zukunftsweisenden Strategien gefragt, die beste sichert die Existenz.

Wie die der Bonobos: Die Primaten sind ein Paradebeispiel an Diplomatie. Während Schimpansen ein kriegerischer Haufen geblieben sind, entwickelten sich ihre kleinen Verwandten zu einer friedlichen Gesellschaft. Bonobos regeln Konflikte in der eigenen und mit anderen Gruppen, indem sie Nahrung und Sex anbieten. Tanzer: „Mir gefällt diese Interaktion wahnsinnig gut, Bonobos sind uns Menschen überlegen.“ Sie geben Krisen erst gar keine Chance.

Apropos Krise: Tanzer macht den Narzissmus „für die Zerstörung der Umwelt, die Brutalisierung des Politischen, den Verlust von Inspiration und die fehlgeleitete Entwicklung der digitalen Zukunft“ verantwortlich. Höchste Zeit, die Krone zumindest zeitweise abzusetzen und auf die Schöpfung zu schauen.

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