Schimpansen sind beliebte Versuchskaninchen.

© APA/AFP/Center for Great Apes/JESSICA MEAGHAN MAS

Wissen Wissenschaft
02/09/2020

Wie schlau sind Affen wirklich?

Verhaltensforscher sind uneins, wozu Primaten fähig sind. Die einen sagen, die Tiere können fast alles, andere bezweifeln das.

Menschenaffen sind intelligent, darüber besteht kein Zweifel. Aber haben die Tiere auch diese besondere Art von Intelligenz, die Menschen zu kultureller Zusammenarbeit und technischen Höchstleistungen befähigt? Die Wurzel dafür liegt vermutlich im Verstehen, wie die Welt für andere ausschaut, um gemeinsame Zielvorstellungen zu entwickeln, Wissen auszutauschen und Gefühle anderer zu respektieren. In der Psychologie und Hirnforschung spricht man von „Theory of Mind“. Gemeint ist damit die Fähigkeit, das eigene und das Verhalten anderer durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren. Seit Jahren diskutieren Verhaltensforscher darüber, ob die nächsten Verwandten des Menschen über diese Theroy of Mind verfügen.

Kontroverse Diskussion

In der Wissenschaft stehen zwei Denkschulen gegenüber. Die einen „Booster“ sagen, Affen können fast alles. Die Evidenz dafür sei lächerlich, spotten die anderen. Nach Meinung der „Scoffer“ können Affen fast nichts. Über diese Kontroverse diskutierten vor Kurzem Experten an der Universität Salzburg.

"Menschenaffen können sich nicht in andere hineinversetzen", zu dem Schluss kommt der Biologe und Verhaltensforscher Daniel Povinelli von der University of Louisiana nach Dutzenden Experimenten mit Schimpansen. Im sogenannten „Bitt-Paradigma“ hat er zum Beispiel gezeigt, dass aus der Tatsache, dass Menschenaffen sehr gut dem Blick von Menschen folgen, - was als Indiz für Verstehen gilt –  nicht folgt, dass Menschenaffen begreifen, wie Menschen ticken.

Bananen-Experiment der Zweifler

In dem Experiment wird den Schimpansen beigebracht, dass sie Wärter, die eine Banane halten, bitten müssen, um die Banane zu bekommen. Das kapieren die Tiere schnell. Dann wird einem Wärter mit Banane ein Kübel über den Kopf gestülpt, so dass er die Bittgeste der Schimpansen gar nicht sehen kann. Trotzdem bitten die Schimpansen genauso oft diese Person wie jene mit der freien Sicht. Povinellis Fazit: Schimpansen verstehen nicht, was Menschen sehen und wissen. Sie verstehen nur oberflächliche Regelmäßigkeiten im Verhalten.

Futterneid-Experiment der Affenfans

Stimmt nicht, kontert Michael Tomasello, der ursprünglich auf Povinelli’s Linie war und Menschenaffen kein Verständnis von Bewusstsein zuschrieb. Nach seinem Wechsel von der Emory University in Georgia/USA nach Leipzig an das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie entwickelte der prominente amerikanische Verhaltensforscher gemeinsam mit Brian Hare Futterneid-Experimente, die zu zeigen scheinen, dass Affen sehr wohl verstehen, was andere sehen, wissen oder wollen und dass sie das clever ausnutzen.

Zwei Schimpansen, ein ranghöherer und ein rangniedriger sitzen sich - getrennt durch ein Gitter - gegenüber und können sich beobachten. Zwischen ihnen liegt eine Banane. Zuerst wird der Rangniedrigere freigelassen, dann sofort der Ranghöhere. Da der Rangniedrige weiß, dass er keine Chance gegen den Dominanten hat, läuft er gar nicht zur Banane hin. Dann legen die Versuchsleiter zur ersten - für beide Schimpansen gut sichtbaren - Banane eine zweite dazu, die nur der rangniedrigere Affe sehen kann. Auf diese stürzt er sich auch prompt, als er kurz vor seinem Rivalen freigelassen wird.

Wie vierjährige Kinder

Tomasellos Schlussfolgerung: Der rangniedrige Affe weiß, was der andere sieht bzw. nicht sieht und handelt entsprechend. Für Tomasello stehen Schimpansen, Orang Utans oder Gorillas bewusstseinsmäßig ungefähr auf der gleichen Stufe wie vierjährige Kindern: „So wie Kinder wissen Affen, was andere sehen, hören oder kennen. Und so wie Kinder bis zu einem Alter von ungefähr vier Jahren verstehen sie nicht, wenn andere etwas glauben, das den Fakten widerspricht. Affen verstehen das nie, Kinder wenn sie älter sind.“

Testanordnung beeinflusst Ergebnis

Doch warum kommt Tomasello zu einem völlig anderen Schluss als Povinelli? Es könnte mit dem Experiment-Design zu tun haben, lautet eine plausibel klingende Erklärung. Tomasello beobachtete die Tiere beim Konkurrenzkampf um Futter, das ist ein für Schimpansen typisches Verhalten; nicht typisch für sie ist hingegen kooperatives Verhalten, wie es Povinelli im Bitt-Paradigma getestet hat.

Diskussion bleibt offen

Das räumt Povinelli ein, aber er bleibt dabei: Affen agieren und reagieren schlicht und einfach nach oberflächlichen Verhaltensregeln. Mehr könnten wir aus den Experimenten nicht ableiten, auch nicht aus denen Tomasellos. Keines der Experimente würde taugen, um etwas über das Bewusstsein von Affen aussagen zu können. „Affen haben definitiv einen Verstand, sie sind sehr intelligent; die Frage ist aber, ob sie sich ihres Verstandes bewusst sind, und das können wir mit unseren derzeitigen Experimenten nicht herausfinden.“ Die Experimente würden nur zeigen, was Schimpansen über die objektive Welt wissen. Um an ihre Ziele zu kommen, müssten Schimpansen nicht verstehen, was andere sehen oder wissen. Wir Menschen würden unsere Alltagspsychologie in die Affen hineinprojizieren.

Die Kontroverse zwischen Boostern und Scoffern, die seit der Jahrtausendwende andauert, geht weiter.

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