Ab Mai kann das internationale Archäologenteam zurück an die Kuretenstraße

© ÖAI

Wissen Wissenschaft
04/03/2022

Wie heimische Archäologen die Grabungspause in Ephesos genutzt haben

Warum antike Menschen nicht wie der Sixpack bepackte Filmheld Ben Hur ausgesehen haben und was diese Erkenntnis mit der Grabungspause in Ephesos zu tun hat.

von Susanne Mauthner-Weber

Irgendwie klingt Martin Steskal durchaus zufrieden: "Wir waren in den vergangenen Jahren zwar nicht vor Ort, sitzen aber auf einem Datenschatz", erzählt der stellvertretende Grabungsleiter von Ephesos. In weiser Voraussicht hatte er nämlich schon davor daumennagelgroße Knochenproben nach Österreich mitgenommen.

Weise Voraussicht? Davor? Die vergangenen Jahre waren nicht leicht für die österreichischen Forscher: Im August 2016 musste das Team samt Grabungsleiterin Sabine Ladstätter, Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) das Land innerhalb weniger Stunden verlassen. Zwischen der Türkei und Österreich herrschte Missstimmung, weil heimische Politiker nach einem Putschversuch den Abbruch der EU-Beitrittsgespräche gefordert hatten. Erst im Mai 2018 durften die Forscher auf "ihre Grabung" zurückkehren, um sie pünktlich mit der Pandemie wieder zu verlassen. Erst vor einer Woche kam – nach Intervention von Bundespräsident Alexander Van der Bellen – das OK für die Rückkehr (der KURIER berichtete).

Was die österreichischen Forscher vor haben und wie sinnvoll sie die Grabungszwangspause genutzt haben, lesen Sie hier:

"Mitte Mai kann es wieder losgehen", sagt Ladstätter. Und freut sich darauf, schon bald am Domitiansplatz zu graben. "Ein Areal, das bisher noch nicht freigelegt worden ist, eines der wenigen im Zentrum der Stadt." In der Spätantike wurden die Plätze nicht mehr gebraucht, weil sich die Menschen ins Private zurückzogen. Es gab keine Aufmärsche mehr und der Platz wurde zugebaut. Womit, ist derzeit Spekulation. Ladstätter erwartet sich eine Reihe von Werkstätten und Tavernen. Und will schon bald nachschauen.

Schwerpunkt antike Baustelle

"Der Bauplatz Ephesos wird in den nächsten Jahren ein Schwerpunkt sein", ergänzt Steskal und beschäftigt sich schon jetzt "mit dem Leben und Sterben in einer antiken Metropole. Das komplexe Thema der menschlichen Existenz kann man nur unter Einbeziehung der Nachbardisziplinen angehen", sagt er und kommt auf die eingangs erwähnten Proben zurück, die mittlerweile auf DNA untersucht sind:

"Mit Kollegen in Göttingen und Weimar haben wir einen Grabkomplex der Westnekropole mit 200 Individuen untersucht." Die Stichprobe - eine der repräsentativsten und besterforschten Skelettserien der Kaiserzeit und Spätantike in dieser Region - sei so groß, dass man jetzt viel über den Gesundheitszustand der Ephesier in der Spätantike wisse.

"Wir haben quasi individuelle Krankenakten erstellen können."

Martin Steskal | Archäologe

Der  Archäologe  klingt noch immer zufrieden. Kaum eine andere Wissenschaft arbeitet so interdisziplinär. Man integriert Methoden und Experten aus der Genetik, der Anthropologie, der Archäozoologie und -botanik, Bioarchäologie etc. Denn längst erforscht man mehr als  sichtbare antike Ruinen. Steskal will wissen, wie die Ephesier lebten und räumt mit Klischees auf: "Diese Sixpack mit weißen Zähnen, die in Filmen wie Ben Hur durch die Gegend marschieren  – das kam damals ganz selten vor. Die Leute haben eher krank ausgeschaut."

Ungesunde Großstadt

Chronische Entzündungen, geschwächte Immunabwehr, Lungenerkrankungen, Parasiten aller Art, Malaria – all das hat Steskals  Team bei Knochenanalysen entdeckt. Wohnsituatin und Luftqualität ließen in der antiken Großstadt wohl zu wünschen übrig, ist sein Fazit daraus.

Die Lebenserwartung blieb überschaubar. Wer das Kleinkindalter überstand, konnte auf  eine Lebenserwartung von 37 (Männer) bzw 39 (Frauen) Jahren hoffen. Typische Krankheitsbilder waren außerdem Skorbut und Anämie, die wiederum auf Mangelernährung  und  hygienische Probleme beim Abwasser entsorgen und Nahrung bereiten hindeuten. 

Apropos Nahrung

Was gegessen wurde, können die Forscher jetzt auch sagen – Isotopenanalysen von Kollegen in Vancouver und Durham sei Dank. Um die Ernährungsgewohnheiten der Ephesier in historischer Zeit näher beleuchten zu können, wurden in den vergangenen Jahren knapp 300 Proben von Menschenknochen unterschiedlichster Epochen genommen. "Wenn man Kohlen- und Stickstoff-Isotope analysiert, kann man ganz gut auf den Anteil von tierischer, pflanzlicher und maritimer Nahrung schließen", erklärt Steskal und erlebte eine Überraschung:

Für eine Metropole am Meer standen Meerestiere überraschend selten am Menüplan. Hauptsächlich wurde Weizen – also Brot – vertilgt.

Antiker Melting Pot

Ephesos muss ein Anziehungspunkt gewesen sein. "Die Handels- und Hafenstadt war ein bunter Mix. Es herrschte ein Kommen und Gehen aus der ganzen mediterranen Welt vom Nahen Osten über Nordafrika bis Mitteleuropa. Die Stadt war ein Melting Pot." Woher Steskal das weiß? Richtig! Die erwähnte DNA-Analyse erlaubt Einblicke in Bevölkerungsstruktur, Familienverhältnisse, Migration. Und das ist wohl ein weiterer Grund, warum Steskal zufrieden klingt.

Antike Metropole mit Österreichbezug

Ende des 19. Jh. bemühte sich Österreich auf Empfehlung von Troja-Entdecker Heinrich Schliemann um die Grabung Ephesos. Hier begab sich der Architekt John Turtle Wood auf die Suche nach dem Artemision und stieß viele Jahre später in sieben Meter Tiefe auf den Marmor des Tempels. Das Weltwunder war zerstört, die reichen Funde blieben aus und die Briten zogen sich enttäuscht aus Ephesos zurück.

Sie hatten aber auch längst ihre Vorzeige-Grabung (Ägypten); genauso wie die Deutschen (Troja). Nur die österreich-ungarische Monarchie suchte noch. Seit 1895 graben die Österreicher hier – mittlerweile mit einem  internationalen Team, das die Grabungszwangspause seit Pandemiebeginn genutzt hat, um Daten aufzuarbeiten und Erkenntnisse zu publizieren.

Zu erforschen gibt es genug: Hier stand einst das Artemision, der größte Tempel der Antike und eines der sieben Weltwunder. Es war eine der wichtigsten Pilgerstätten, außerdem Wirtschaftszentrum und die erste Bank der Welt. Angeblich haben Seeräuber ihre Beute – gegen Beleg – dort deponiert.  Und Arsinoe, die Pharaonen-Tocher, wurde auf Befehl ihrer machtbesessenen, berühmten Schwester Cleopatra  im Heiligtum ermordet – ein Frevel.

Ladstätter und ihr riesiges Team aus internationalen Wissenschaftern  erforschen seit Jahren aber auch weit mehr als die sichtbaren antiken Ruinen.

Bis zur Pandemie war Ephesos nach dem Topkapi Serail  der zweitwichtigste Besuchermagnet der Türkei

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