© Borko Rožanković

Wissen Wissenschaft
08/18/2021

Wie Forscher Verwandtschaftsverhältnisse aus dem Erbgut kitzeln

Was passiert, wenn Wissenschafter in zwei Friedhöfen in Ostkroatien wühlen? Sie erfahren viele über Herkunft, Partnerwahl und soziale Stellung. Und das kam so:

Beli-Manastir, ein gutes Stück östlich von Zagreb, hatte bereits um 4.500 vor unserer Zeit eine letzte Ruhestätte. In Jagodnjak-Krcevine war es 1.700 Jahre vor unserer Zeit ähnlich. Jetzt haben Anthropologen aus Leipzig und Wien die Genome von 28 Individuen aus den dortigen Nekropolen sequenziert und dabei überraschendes herausgefunden.

Bekannt ist, dass das heutige Kroatien ein wichtiger Knotenpunkt für die Migration von Menschen  war – eine Verbindung zwischen Ost und West. Die Region sei für das Verständnis von Bevölkerung und Kultur in Europa wichtig, erklärt Suzanne Freilich, Forscherin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und an der Universität Wien, „doch aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit prähistorischer menschlicher Überreste ist bisher nur wenig über die genetische Abstammung  der damals dort lebenden Bevölkerungsgruppen bekannt“.

Verwandtschaft

Mithilfe der Eingangs angesprochenen Bestattung aus der mittleren Jungsteinzeit in Beli-Manastir Popova zemlja (etwa 4.700 bis 4.300 vor unserer Zeit) und der zweiten – mittelbronzezeitlichen - in der Nekropole Jagodnjak-Krcevin etwa 1.800 bis 1.600 vor unserer Zeit) konnte die Wissenslücke jetzt verkleinert werden. Ziel der Forschenden war es, sowohl die genetische Abstammung als auch die soziale Organisation innerhalb beider Gemeinschaften zu verstehen – inklusive lokale Aufenthaltsmuster und Verwandtschaftsbeziehungen.

Die erste Gemeinschaft scheint Teil einer großen Population gewesen zu sein, bei der Menschen außerhalb ihres eigenen Verwandtschaftskreises geheiratet haben: „Wir fanden keine sehr eng miteinander verwandten Individuen“, sagt Freilich. Nur zwei Individuen tranzten aus der Reihe: Sie waren die Kinder von Cousins und Cousinen ersten Grades, was in den alten-DNA-Aufzeichnungen selten vorkommt.

Zugereiste Ehefrauen

Am zweite Fundort, Jagodnjak, fanden die Wissenschafter heraus, dass die  Menschen mit westeuropäischen Jägern und Sammlern verwandt waren. Alle männlichen Individuen an der Fundstelle teilen den selben Y-Chromosomen-Typen. „Wir identifizierten zwei männliche Verwandte ersten Grades, zweiten Grades und weiter entfernt verwandte Männer, während die eine Frau in unserer Stichprobe keine Verwandte war. Das deutet darauf hin, dass die Frauen ihre eigene Heimat verlassen haben, um sich ihrem Partner in seiner Heimat anzuschließen“, erklärt Freilich.

Außerdem fanden die Forschenden Hinweise auf reich ausgestattete Kindergräber, die darauf schließen lassen, dass die Kinder ihren Status oder Reichtum wahrscheinlich von ihren Familien geerbt haben.

Freilich abschließend: „Durch den Blick in die Vergangenheit mit einer engeren Linse kann die Archäogenetik noch besser beleuchten, wie Gemeinschaften und Familien organisiert waren."

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