Üben für den Ernstfall: Kunstgegenstände werden aus  einem fiktiven Welterbeschloss geborgen. „Man braucht einen Plan“, sagt Kaiser

© DBU/Schramm

Wissen Wissenschaft
07/16/2020

Wie Forscher unser Kulturerbe vor dem Klimawandel retten wollen

Immer mehr Forscher denken über Klimawandelfolgen für ihre Disziplin nach und suchen Auswege.

von Susanne Mauthner-Weber

Als Venedig im Vorjahr versank und die Weltöffentlichkeit entsetzt war, schwamm Kaštela genauso fast weg. An der Küste Mitteldalmatiens nahe Split gelegen, wurden dort im 16. Jahrhundert 13 Kastelle gebaut, die im Laufe der Zeit zu einer Stadt zusammenwuchsen. Heute ist der Ort mit der klassischen geschützten Altstadt Partner in einem Projekt namens ProteCHt2save, das sich drei Jahre lang damit beschäftigte, wie Naturkatastrophen kulturelles Erbe bedrohen und was man dagegen tun könnte.

„Kaštela muss an allen Fronten kämpfen und hat alle Gefahren im Kombipack“, sagt Anna Kaiser, die für Österreich und die Donau-Universität Krems am Projekt mitgewirkt hat. „Der Ort ist nicht nur von Dürren betroffen – man erlebte in den vergangenen Jahren oft Brände im Umkreis der Stadt –, sondern auch von Starkregen. Der setzt immer wieder diverse Depots unter Wasser.“ Außerdem liege Kaštela auch direkt am Meer. Das sind die drei Gefahren, auf die sich die Forscher aus Österreich, Italien, Tschechien, Polen, Ungarn und Slowenien im Rahmen des EU-geförderten Projektes konzentriert haben: Starkregen sowie Hochwasser und durch Dürre bedingte Feuer.

Ja, der Klimawandel ist in Zeiten von Corona nur aus den Medien verschwunden. Er bedroht auch das kulturelle Erbe weiterhin. „Kriege und Konflikte bringen kulturelle Schätze weltweit in Gefahr, durch die Folgen des Klimawandels können historische Denkmäler oder Kulturerbestätten beschädigt werden“, sagt Michael Alram, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Förderprogramm „Heritage Science Austria“

Und weiter: „Wir brauchen mehr Heritage Science (die interdisziplinäre Erforschung des Kunst- und Kulturerbes), um aktuellen Bedrohungen unseres Kulturerbes zu begegnen. Damit es nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt, präsentiert die ÖAW jetzt ihr Förderprogramm „Heritage Science Austria“. Insgesamt 4,5 Millionen Euro sollen dazu beitragen, Zerstörtes wenigstens virtuell zu rekonstruieren oder geschichtsträchtige Bauwerke „klimafit zu machen“, sagt Alram.

Apropos: Wo das Wetter zukünftig zur Gefahr werden könnte, lässt sich nun mit einer eigens entwickelten Vorhersagekarte sehen, erklärt ProteCHt2Save-Projektleiterin Kaiser.

„An den Schattierungen von Grün bis Rot erkennt man, ob sich das Klima dramatisch verändert hat oder nicht. Unser Web-Tool ist eine Wetterkarte, die anhand historischer Daten bis zu 50 Jahre in die Zukunft schauen kann.“ Entwickelt von den italienischen Partnern, soll sie helfen, Gefahren regional und früh zu erkennen.

„Blaupausen-Notfallpläne“

In erster Linie zielte das Projekt aber auf die Entwicklung von maßgeschneiderten Lösungen zum Erhöhen der Widerstandskraft des kulturellen Erbes ab. Lokale Notfall- und Evakuierungspläne entwickeln, lautete die Devise. So entstanden Inventare, Karten, Best-Practice-Manuals und Handbücher zum Thema Risikomanagement für Kulturgüter. „Blaupausen-Notfallpläne“ nennt es Kaiser, die alte Geschichte und Altertumskunde studiert und das Krisenmanagement als Milizoffizier beim Bundesheer erlernt hat. „Sie sind regional adaptierbar“.

Es sei kein Mirakel: 

„Es geht darum, sich im Vorhinein Gedanken zu machen, um – wenn die Katastrophe eintritt – auf Pläne zurückgreifen zu können und handlungsfähig zu sein.“

Das sagt Historikerin Anna Kaiser | von der Donau-Uni Krems

Das bedeute etwa, „dass man sich rechtzeitig überlegt, was sind meine wichtigsten Gemälde, meine wichtigsten Ausstellungsstücke, wodurch sind sie gefährdet oder kann ich sie ins nächste Stockwerk hinaufbringen, um sie vor der unmittelbaren Gefahr Wasser zu schützen. Und welche sind die zehn wichtigsten Gemälde, die zuerst gerettet werden müssen?“ In Krems etwa gibt es mittlerweile eine entsprechende Rangliste. Ganz oben steht dort die unterste Etage der Landesgalerie Niederösterreich, wo Bilder von Schiele und Kokoschka zuerst unter Wasser stehen würden.

„Jeder – egal, ob großes oder kleines Museum – muss die Blaupausen-Lösungen an seine Gegebenheiten vor Ort anpassen. Für das Stift Melk haben wir zum Beispiel im Rahmen des Projektes 2018 Pläne entwickelt und geübt“, erzählt Kaiser. Und weiter: „Es gibt aber auch Häuser, die sind auf verschiedenste Kalamitäten vorbereitet. Der Louvre etwa hat wunderbare Pläne, die bereits beim Seine-Hochwasser 2016 anstandslos umgesetzt wurden. Total an der Weltöffentlichkeit vorbei wurden damals Keller- und Erdgeschoß evakuiert.“

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