© D. Brandner; NHM

Reportage
05/18/2021

Wie Forscher im Hallstätter See 11.500 Jahre in die Vergangenheit blicken

51 Meter tief stieß der Bohrer in das Seesediment vor. Und fand Erkenntnisse über Klima, Umwelt und nachhaltiges Wirtschaften gestern und morgen.

von Susanne Mauthner-Weber

Marcel Ortler springt behände ins kleine graue Motorboot, gibt Gas und flitzt quer über den Hallstätter See. Keine fünf Minuten später erscheint sein Ziel im Blickfeld – ein überdachtes Floß, würde der Laie sagen. Der Fachmann erkennt nicht nur an der Hightech-Ausrüstung an Deck: Das ist eine Bohrplattform. Seit vier Wochen liegt sie hier mitten im See und rührt sich nicht von der Stelle. Das hat einen guten Grund. Da unten wird gebohrt. Nach Erkenntnissen aus der Steinzeit.

Doktorand Ortler und sein Doktorvater, Michael Strasser von der Universität Innsbruck, haben es auf die Sedimente abgesehen. „In den Seesedimenten wird viel abgelagert und gespeichert“, erklärt Strasser. Jahr für Jahr bildet sie sich, wie ein Blatt in einem Archiv. Strasser kann das Archiv lesen. Im Schlamm lagern sich Pollen ab, zeigen sich die Folgen von Hangrutschungen und Erdbeben, Hochwasser und in der jüngeren Vergangenheit auch der Umweltverschmutzung.

„Wir stanzen also Proben aus dem See, die Bohrkerne wandern dann ins Labor. Wir scannen sie, ermitteln die chemische Zusammensetzung, analysieren Schichten und Brüche und datieren sie mittels Radiokarbon-Methoden aus den darin enthaltenen Blattresten“, erklärt er. Leider gehe das Archiv „nur“ 2.350 Jahre zurück.

Tief in die Vergangenheit

Das interdisziplinäre Forscherteam rund um Kerstin Kowarik vom Naturhistorischen Museum Wien (NHM) wollte noch viel tiefer in die Vergangenheit eintauchen. „Dazu sind wir heute hier“, sagt Geologe Strasser und lacht. Mit gutem Grund: Schließlich ist es ihm und seinem Team gelungen, 51 Meter tief zu bohren. „Es deutet alles darauf hin, dass wir ein Archiv geöffnet haben, das 11.500 Jahre zurückreicht.“ Es ist ein noch nie da gewesener Blick zurück in das Klima, die Umwelt, die Geologie der Region.

Hallstatt ist der ideale Ort

Für Kovaric ist das so spannend, weil sie wissen will, „wie der Mensch mit seiner Umwelt verbunden ist und sie beeinflusst.“ Von der Vergangenheit lernen, wie man in Zukunft gut und vor allem nachhaltig wirtschaftet, ist das Motto. „Und Hallstatt ist der ideale Ort dafür. Von Alters her haben die Menschen hier in die Landschaft eingegriffen, haben bereits vor Jahrtausenden tiefe Stollen und Hallen in den Berg getrieben und alles zurückgelassen, was sie nicht mehr brauchten. Genauso wie wir heute, haben sie Dinge getan, die Spuren hinterlassen haben.“

1.200 Kilogramm Salz pro Tag mussten abtransportiert werden. Sie hat errechnet, dass wohl täglich Salzkarawanen nach Süden und Norden ausrückten, Tiere haben die Wege ausgetrampelt, haben Futter gebraucht, auch mussten Werkzeuge hergestellt und Bäume gefällt werden. „All diese Aktivitäten hinterlassen Spuren in der Umwelt.“

Mit unterschiedlichen Methoden will sie diese Spuren suchen. Unter anderem eben in den Bohrkernen, für die die neue Plattform eigens entwickelt wurde. Geologe Strasser ist jedenfalls schon sehr gespannt, was er in den viel längeren neuen Bohrkernen des Projektes „Hipercorig Hallstatt History“ (H3) entdecken wird. Für Jahresende erhofft er sich erste Ergebnisse.

Dank dieser Bohrkerne sollte es möglich sein, festzustellen, wann der Mensch das erste Mal im Inneren des Salzkammerguts siedelte, begann, seine Umwelt zu beeinflussen und Salz zu produzieren. Derzeit gehen Archäologen von mindestens 7.000 Jahren Salzproduktion, von der Steinzeit bis heute, aus. So entstand rund um den Hallstätter Salzberg die älteste Kulturlandschaft der Welt, in der immer noch produziert wird.

Für die Zukunft

Wobei Kovaric klipp und klar sagt: „Wir forschen für die Zukunft.“ Hallstatt ist der älteste Industriebetrieb der Welt. Von den Altvorderen zu lernen, könne helfen, besseres Verständnis für Umwelt sowie Klimawandel zu entwickeln und eine nachhaltige Zukunft zu gestalten.

Katrin Vohland, NHM-Generaldirektorin, will Hallstatt jedenfalls als archäologisches Forschungszentrum ausbauen und erinnert: „Würden Forscher in Jahrhunderten die Sedimente im See untersuchen, würde man sicher unser Mikroplastik und Metallspuren entdecken.“ Ihr Fazit: Sedimentbohrkerne entlarven, wie nachhaltig die steinzeitliche Gesellschaft rund um den Hallstätter See wirtschaftete, lange, ehe der Begriff Nachhaltigkeit erfunden wurde.

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