© Markus Woergoetter, hdgö

Wissen Wissenschaft
12/11/2021

Wie ein Museum Hitler jetzt entsorgt

In Kellern finden sich auch heute noch NS-Relikte. Dem angemessenen Umgang mit dem "Nazi-Dreck" widmen sich jetzt eine Ausstellung.

von Susanne Mauthner-Weber

Manchmal reizen sogar Geschichten, die hinter Nazi-Relikten stecken, zum Lachen, selbst wenn das politisch alles andere als korrekt ist. Zum Beispiel die einer alten Dame aus Ferlach, die NS-Heeresverpflegungssäcke zu Matratzenschonern umfunktioniert hat. „Noch in den 1990er-Jahre verwendete sie die Kriegsüberbleibsel“, berichtet Laura Langeder, die Kuratorin des Haus der Geschichte Österreich (hdgö). Den Nachkommen war es überaus unangenehm, zu wissen, worauf man da lag. Als kleinen subversiven Akt haben sie sich bei ihren Besuchen bei der Oma in Kärnten so ins Bett gelegt, dass der auf den Matratzenschonern aufgedruckte Reichsadler genau unterm Allerwertesten zu liegen kam.

Ab kommender Woche wird das Nazi-Relikt im hdgö am Wiener Heldenplatz zu sehen sein – mit 13 weiteren Objekten und den Geschichten dahinter, die die Historiker zur Ausstellung Hitler entsorgen zusammengefügt haben.

„Etwa 35 Prozent der Schenkungen an das Haus der Geschichte stammen aus der NS-Zeit“, sagt Monika Sommer. „Und das ist viel.“ Die Direktorin des hdgö hat das Gefühl, „dass viele Leute sich beim Gedanken schlecht fühlen, diese Dinge zu Hause zu haben. Es scheint so, als würde ein Land auf der Couch liegen. Und wenn man ein wenig nachbohrt, stellt man fest, dass es einiges aufzuarbeiten gibt.“

Toxische Überreste

Genau das tut das Museum jetzt, indem es die materiellen Überreste der toxischen Ideologie aus den Giftschränken holt und den angemessenen Umgang mit den NS-Objekten diskutiert. Die Ausstellung beginnt mit den großen Fragen: Gehören diese Dinge ins Museum? Sollten sie entsorgt werden? Dürfen sie am Flohmarkt oder im Internet verkauft werden? Was ist Verklärung, was Wiederbetätigung?

„Wobei uns die Bandbreite der Emotionen, die mit diesen Objekten verbunden sind, besonders interessiert“, sagt Sommer und berichtet von einer jungen Frau, die mit ihrer Großmutter das Arbeitszimmer des kürzlich verstorbenen Großvaters ausräumte und dabei auf eine ganze Lade voller unbenutzter, versiegelter NS-Dolche stieß. „Nicht einmal die Großmutter, die ein Leben lang mit dem Mann verheiratet war, hatte eine Ahnung, was da versteckt war.“

Entsorgungsort Museum

Da werden die Historikerinnen dann ganz schnell zur Informationsstelle, und das Museum dient als Entsorgungsort: „Viele Menschen sorgen sich wirklich, dass sie mit einem Fuß im Kriminal stehen, wenn sie so etwas zu Hause haben. Das ist in Österreich nicht der Fall. Man darf diese Dinge besitzen“, stellt Sommer klar. „Aber nicht präsentieren. Darum ist auch der Handel verboten.“ Wobei immer der Einzelfall zu prüfen sei (Das Mauthausenkomitee hat ein Handbuch erarbeitet, was am Flohmarkt und im Internet erlaubt ist. Tel. 0810500199, www.mkoe.at). Jedenfalls handle es sich noch immer um ein derart heikles Thema, dass die Mehrheit der Schenker nicht darüber reden will, berichten die Historikerinnen.

Und so verschickt so manch einer seinen Kellerfund lieber anonym. Sommer zitiert aus einem maschinengeschrieben Paket-Begleittext: „Könnte mir vorstellen, dass das historisch relevant ist. Wenn nicht, bitte entsorgen“, stand da zu lesen. „Das war für uns dann titelgebend“ – Hitler entsorgen war geboren.

Was damit tun?

Dabei sind genau die Gründe, warum sich ein Objekt erhalten hat, für die Historiker spannend: „Wir beschäftigen uns eigentlich nicht mit der NS-Zeit, sondern damit, wie wir  h e u t e  mit den Relikten von damals umgehen“, sagt Kuratorin Langeder. Und warum sich Stücke mehr als 70 Jahre lang erhalten haben.

Damit wären wir bei jenem Stück der Schau, das Direktorin Sommer ihr „persönlich berührendstes Objekt nennt: Das Mikrofon, in das Adolf Hitler seine erste Rede nach dem ,Anschluss‘ in Linz am 12. März 1938 hineingesprochen hat.“

Und wieder ist es die Geschichte dahinter, die fasziniert: Das 4017-A-Mikro aus den Beständen der RAVAG wurde im ORF-Landesstudio von Generation zu Generation weitergegeben – gemeinsam mit der Erzählung über Hitlers Rede. Bis 1990 stand es am Schreibtisch des jeweiligen technischen Leiters. Als das mutmaßliche Hitler-Mikrofon ausgeschieden wurde, nahm es der damalige Besitzer mit nach Hause. „Ein Zeugnis eines historischen Augenblicks, der viele Interpretationen offenlässt“, meint Sommer. „Die einen sehen es als Reliquie, die anderen als Kuriosum. Jedenfalls legt es Zeugnis ab.“ Und das ab sofort am Heldenplatz.

„Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum“ ist ab morgen, Sonntag, 12.12. 2021, bis 9. 10. 2022 im hdgö in der Neuen Burg am Heldenplatz zu sehen.

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