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Wissen Wissenschaft
02/10/2021

Wie dieser Mann mit urbanem Leben das Klima retten will

Das Haus im Speckgürtel der Großstadt ist ein Klimakiller, sagt Klimaökonom Gernot Wagner. Darum lebt er in der Stadt. Auf 70 m². Zu viert.

von Susanne Mauthner-Weber

Immer wieder bekam Gernot Wagner die eine Frage gestellt: „Was kann ich selbst machen, um das Klima zu retten?“ Irgendwann wurde es dem renommierten Klimaökonomen aus Amstetten, der in Harvard Karriere gemacht hat und mittlerweile an der New York University lehrt, zu bunt: Er begann, seine persönliche Geschichte niederzuschreiben. Auf 200 Seiten erklärt er, warum wir nur mit einem urbanen Leben die Welt retten (so auch der Untertitel seines Buches).

„Ich bin Vegetarier, habe keinen Führerschein und wohne in einer 70-m²-Stadtwohnung – zu viert, mit meiner Frau und zwei Kindern“, erzählt er im Interview mit dem KURIER.

„Und wir wohnen hier nicht, weil wir müssen. Ja, 70 m² ist klein, wenn man es mit den Erwartungen und der Norm vergleicht. Die Wohnfläche in Deutschland liegt im Schnitt bei 110 m², in Amerika bei 200 m² und in Australien bei 240 m². Tendenz steigend. Und das hat gewaltigen Einfluss auf das Klima.“

Denn: Die wahren Klimasünder wohnen – mit großen Häusern, großen Autos, viel mehr Konsum und doppelt so viel -Ausstoß – nicht am Land, auch nicht in der Stadt, sondern in den Suburbs, den Vorstädten. „Und zwar egal, ob in Nordamerika, Europa oder anderswo auf der Welt“, weiß der Klimaökonom und kritisiert: „Beim Leben in den Suburbs geht es darum, nirgendwo irgendwelche Abstriche zu machen. Mehr Quadratmeter, mehr Pendelzeit, mehr Individualismus: Jeder braucht das eigene Schwimmbad im Garten, im Keller die Sauna und den Whirlpool. Seit Jahrzehnten wird uns eingetrichtert: Je mehr du hast, desto besser ist dein Leben.“

Einzementiert

Aus Klimasicht sei das fatal, argumentiert Wagner: „Jedes Mal, wenn eine Jungfamilie vor der Entscheidung steht, wo sie wohnen möchte, werden Klimaeffekte eingefroren. Entscheidet sie sich für den Speckgürtel, sind -Emissionen, die Wohnfläche, Pendelzeit im Auto sowie Verbauung auf Jahrzehnte einzementiert.“ Die Wissenschaft nennt das Lock-in-Effekte.

In Stadt, Land, Klima - einer "Liebeserklärung an die Stadt", wie er sagt -  schreibt der Klimaökonom, dass der Traum vom Einfamilienhaus vor allem Lebenseinstellung sei: „Er ist Erwartung, er ist Norm, er ist Werbung.“ Aber auch Politik, mit all den dazu gehörigen Steueranreizen und Subventionen. „Nicht zuletzt ist der Vorort-Traum Natur- und Klimakiller. Klimaschmutz entsteht zwar überall – in Suburbs entstehen jedoch doppelt so viele -Emissionen wie in Städten oder am Land“. Und weil 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten und zwischen zwei und zehn Prozent (je nachdem wie man zählt) am wirklichen Land leben, bleiben als größtes Problem die Vorstädte auf Feldern, die in Siedlungen umgewandelt wurden.

Wagners Fazit: Richtige politische Impulse setzen.

Buchtipp: Gernot Wagner. „Stadt, Land, Klima. Warum wir nur mit  einem urbanen Leben die Erde retten“, Brandstätter, 22 €

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