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Wissen Wissenschaft
03/20/2021

Wie der Klimawandel Imperien zu Fall bringt

Reiche Ernten, satte Bürger, alle glücklich? Irrtum! Gerade gutes Klima machte - das zeigte sich im Laufe der Geschichte - anfällig für Ungleichheit.

von Susanne Mauthner-Weber

Lange galt: Wenn das Klima schlechter wird, gehen Reiche zugrunde. Wenn es trocken und stabil ist, blühen sie auf, die Bevölkerungszahlen steigen. Man denke nur an das Klimaoptimum, das mit der Römerzeit etwa um 200 v. Chr. begann. Auch im Hochmittelalter passierte Ähnliches. Man spricht von der mittelalterlichen Warmzeit, in der die Wikinger nach Grönland segelten und Wein in nördlichen Gefilden gedieh.

Klingt gut. Nur: „Das stimmt so nicht. Alles ist viel komplexer“, sagt Johannes Preiser-Kapeller. Der Historiker von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist Mitglied einer Initiative, die – ausgehend von der Universität Princeton – untersucht, wie der Klimawandel das Schicksal von Imperien beeinflusst(e). Seit 2014 packte Preiser-Kapeller seine Erkenntnisse gemeinsam mit Archäologen und Naturwissenschaftern in zwei Bücher, die jetzt erschienen sind.

„Wir fangen nicht bei Adam und Eva an, aber vor 10.000 Jahren mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht, weil sich die Menschen mit der Sesshaftigkeit von klimatischen Veränderungen abhängig gemacht haben“, erzählt er. „In den Jahrtausenden davor sind sie dem Klimawandel einfach ausgewichen.“ Wer Haus, Hof und Felder hat, kann aber nicht so leicht davonlaufen. Nur auf gutes Wetter und ebensolche Ernten hoffen.

„Wenn das Klima schlecht wird, gehen Reiche zugrunde. Wenn es gut ist, blühen sie. Das stimmt so nicht“
 

Johannes Preiser-Kapeller | Historiker

900 bis 1300 n. Chr. war eine derartige Epoche. „Trotzdem war die mittelalterliche Warmzeit eine Ära enormer sozialer und politischer Verwerfungen“, analysiert Preiser-Kapeller. „Die Früchte des Wachstums wurden ungleich verteilt. Die Folgen sind soziale Ungleichheit und vermehrte Konflikte zwischen den Eliten.“ Das war vor dem Zusammenbruch des Römischen Reiches so und auch im 11. Jahrhundert, als neue Eliten, die zuvor freien Bauern in Abhängigkeit zwangen.

Missernten

Das Muster, dass Hochblüte zu Ungleichheit führt, sei im Laufe der Geschichte oft zu beobachten. „Wenn es wenig zu verteilen gibt, muss man jedem so viel lassen, dass er nicht verhungert. Wenn der Kuchen größer ist, eignen sich immer einige wenige mehr davon an.“ Kommt es dann zu einem Klimawandel und steigt die Frequenz von Missernten, sind die, die wenig haben, stärker betroffen, haben die Forscher heraus gefunden. „Sie haben keine Reserve-Lebensmittel und weniger Puffer, das abzufedern.“

Zu gesellschaftlichen Verwerfungen ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. „Oft brechen an diesem Punkt komplexe staatliche Gebilde zusammen und Gemeinschaften, die weniger anspruchsvoll sind, profitieren.“

Flexibel statt komplex

Der Historiker verweist wieder auf das Ende der Römer: Kleine slawische Gruppen wanderten in Südosteuropa ein. Sie waren flexibel, hatten keinen Staat, dafür eine landwirtschaftliche Basis, die auch unter den klimatisch schlechteren Bedingungen ausreichend Erträge brachte. „Nicht die komplexe Landwirtschaft, wie sie auf den römischen Latifundien mit den Monokulturen betrieben wurde. Keine große Verwaltung und Armee, die mitversorgt werden musste“, sagt der Wissenschafter und nimmt einiges an Erkenntnis für Gegenwart und Zukunft mit.

Als komplexe Gesellschaften entstanden, zeigte sich, dass die auch eine höhere Bevölkerungsdichte hatten. Preiser: „Das bedeutet auch mehr Verflechtung – eine Frühform der Globalisierung –, die es Krankheitserregern erlaubte, sich eher in den Gemeinschaften zu verbreiten.“ Die Forscher haben berechnet: Damit ein besonders ansteckender Krankheitserreger dauerhaft in einer Gemeinschaft am Leben bleiben kann, braucht es eine Mindestgröße von 300.000 Individuen. Schließlich muss der Erreger immer wieder genug Wirte finden. „300.000 Menschen, die so stark vernetzt sind, dass es zu einem Austausch kommen kann.“

Letztlich komme es aber immer darauf an, wie Klimawandel, Missernten und Krankheiten von der Gesellschaft verarbeitet werden. Der entscheidende Punkt: „Gelingt es der Gemeinschaft, den Zusammenhalt zu stärken?“ Die Habsburger gehörten übrigens zu jenen, die von einer Klimakrise profitierten: Sie stiegen am Beginn der Kleinen Eiszeit zur Weltmacht auf.

Buchtipp

Johannes Preiser-Kapeller:„Die erste Ernte und der große Hunger“ und „Der lange Sommer und die Kleine Eiszeit“, Mandelbaum-Verlag, beide je 25 €.

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