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Wissen Wissenschaft
11/17/2020

Was sich im Bauch eines Museums versteckt

98 Pozent der Stücke im Naturhistorischen Museum finden nie in die Schausäle. Sie lagern im Tiefspeicher. Und das ist gut so - für die Wissenschaft.

von Susanne Mauthner-Weber

Prunkvolle Stuckdecken, vergoldete Rahmen, auf Hochglanz polierter Marmor entfernen sich Schritt für Schritt. 76 Stufen tief führt der neonbeleuchtete Weg in den Bauch des Museums. Vorbei an Waschmaschinen, Müllcontainern, leeren Vitrinen und Kabeltrommeln. Nichts erinnert an den imperialen Kuppelsaal, die repräsentativen Ausstellungssäle darüber. Und doch ist hier der eigentliche Schatz des Naturhistorischen Museums (NHM) zu finden: Im Tiefspeicher lagern 98 Prozent der 30 Millionen Stücke, die sich in mehr als 250 Jahren (teils Habsburgischer) Sammelwut angehäuft haben. „Es ist nicht, wie viele glauben, die Reserve für die Schausammlung“, erklärt Georg Gassner und eilt in den Trockentiefspeicher voraus, den dritten von vier im NHM.

1750 hat Franz Stephan, der Mann von Maria Theresia, mit 30.000 Stück den Anfang gemacht: Er kaufte dem Florentiner Gelehrten Johann Ritter von Baillou die damals größte und berühmteste Naturaliensammlung der Welt ab. 1889 zog der mittlerweile stark angewachsene Bestand ins neu errichtete Naturhistorische Museum.
Geplant von Gottfried Semper, hatte das Haus  eine fantastische Belüftung: Frischluft wurde vom Maria-Theresien-Platz angesaugt und durch alle Räume geleitet. „Eine technische Meisterleistungen“, sagt Geschäftsführer Markus Roboch. Ende des 20. Jahrhunderts  wurde die Anlage  stillgelegt, die Schächte   für elektrische Leitungen zweckentfremdet, die Räume klimatisiert. Darum sei die historische Instandsetzung der Lüftung  unmöglich, sagt Roboch, „was ich persönlich sehr bedaure“.
Heute ist das Haus Heimat für 30 Millionen Exponate.  Nur zwei Prozent davon sind Teil der eigentlichen Ausstellung in 39 Sälen.   

 

Kapriziös

Jedes der Stücke ist kapriziös – Mineralien mögen keine Feuchtigkeit, Schnecken sowie Muscheln schon mehr, die botanische Sammlung ist überhaupt heikel. Und die Säuger bleiben vor uns verborgen – wegen deren Unversehrtheit. Zusätzliche Feuchtigkeit, die Besucher einschleppen, schadet. „Die Haare schimmeln schnell“ sagt Gassner. Das Gift wiederum, das auf diesen Präparaten pickt, schade unserer Unversehrtheit. Damit ist der Manager der herpetologischen Sammlung bereits mitten im Thema und in seinem Element: Gift sowie Amphibien und Reptilien. „Vorsicht, nichts anfassen“, sagt Gassner. Viele der alten Präparate wurden mit Arsen behandelt. Warum?

Weil man ansonsten dem Pelzkäfer, der sogar Trockenfleisch auf Jahrhunderte alten Präparaten noch zu schätzen weiß, das Feld überlassen hätte.

Auf Eis gelegt

Da rinnt es dem Besucher kalt über den Rücken. Kein Wunder: Die Hightech-Anlage kühlt den Trockentiefspeicher auf optimale 10 Grad hinunter. Heute weiß man: Die Schadinsekten mögen die Kälte nicht und stellen ihr Sexualleben ein. Was gleichbedeutend mit „keine Vermehrung mehr“ ist. Problem gelöst.

Dass heute modernste Regelungstechnik der Firma Siemens die wertvollen Exponate schützt, ist der U3 zu danken: In den 1990er-Jahre führte die Stadt die U-Bahn-Linie direkt am NHM vorbei, und man ergriff die Chance, den Tiefspeicher gleich mit zu graben.

Ausgestopfte Eulen, Reiher, Stare, Finken, Trockenfische und Krokodile stehen herum. „Hier ist Kraut und Rüben, aber das ist wurscht, denn alles ist in der Datenbank vermerkt. Wir machen eine Abfrage und wissen, wo was steht“, sagt Gassner und präsentiert die Schildkröten, die in der Tabernakel-Aufstellung in den Regalen stehen. „Weil sich die Panzer öffnen lassen – wie bei einem Tabernakel. Das erlaubte es den Forschern, das Innenleben zu studieren“, erklärt er.

Apropos studieren: „Dass so viel gesammelt wird, ist der Forschung geschuldet“, erklärt Gassner den eigentlichen Sinn des Riesendepots des Naturhistorischen Museums. Und so starteten unlängst weit über 100 Jahre alte Krokodile aus Madagaskar ihre späte Karriere. „Ihre DNA wurde in London analysiert“. Was wichtig sei, weil es sie heute kaum mehr gebe.

Ehe es zu Erfrierungen kommt, geht es weiter in das mit 15 Grad vergleichsweise warme Alkoholstockwerk im zweiten Tiefgeschoß. Hier lagern Exponate in hochprozentig gefüllten Gläsern, darunter eine große Sammlung von Brückenechsen, in den kleinsten Gläsern wurden Eier konserviert, in den größten ganze Krokodile.

Echte Typen

Viel unspektakulärer komme dagegen „der heilige Schatz jeder Sammlung“ (@Gassner) daher: die Typen. „Das ist der Urmeter jeder Art“, versucht der Sammlungsmanager zu erklären, und zeigt auf Kästen mit roten Etiketten: In ihnen verstecken sich jene Exemplare, nach denen eine Art ursprünglich beschrieben wurde. Sie sollen grundsätzlich in öffentlichen Museen liegen, um für Wissenschafter der ganzen Welt zugänglich zu sein. 3.000 sind es allein in der herpetologischen Sammlung des NHM. Und etwa 50 Forscher aus aller Welt kommen pro Jahr, um Untersuchungen anzustellen.

Hehre Forschung, fürwahr! Wobei man den Verdacht nicht loswird, dass dem Besucher eher das überfahrene und ausgestopfte Eichhörnchen in Erinnerung bleiben wird, dass mit einem Stück Asphalt und einem Verkehrsstreifen mit makabrem Humor für eine Ausstellung angefertigt und unter die Sammlung geschmuggelt wurde.

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