Muss heute das Handy überall hin mit, war das in der Vergangenheit vielleicht Keramik, Skier, Kleidung oder Fotos

© APA/dpa/Kay Nietfeld

Wissen Wissenschaft
04/26/2020

Was Menschen mitnehmen, wenn sie die Heimat verlassen (müssen)

Im Forschungsprojekt "Mobile Dinge" spüren Wissenschafter 7.000 Jahren Flucht und Mobilität nach.

von Susanne Mauthner-Weber

Wir schreiben 1944. Die Vorfahren von Hildegard Riedl-Teutsch kommen nach einer langen unfreiwilligen Reise in Laa an der Thaya an. Tausende Kilometer entfernt, in Siebenbürgen, hatte die Familie das Notwendigste auf ihren Sonntagswagen gepackt, einen leichten Pferdewagen, den sie in besseren Zeiten eigentlich nur für die Wochenendausflüge verwendete. Über Ungarn schaffte man es bis nach Niederösterreich, das für die deutschsprachigen Rumänen zur neuen Heimat werden sollte. Ihr Sonntagswagen steht mittlerweile im örtlichen Museum – als Zeuge ihrer Flucht.

Was heute – etwa bei der Flüchtlingswelle 2015 – das Handy ist, hat es immer gegeben: „Mobile Dinge“ – Gegenstände, die Menschen mitnehmen, wenn sie ihre Heimat verlassen (müssen).

So heißt auch das Forschungsprojekt, in dem sich ein gutes Dutzend Forscher zusammengefunden hat: „Wir schauen, an welchen Dingen, die sich bis heute erhalten haben, wir die verschiedenen Migrationsbewegungen festmachen können“, sagt Dieter Bacher vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung.

Er hat den Sonntagswagen und die dazugehörige Familiengeschichte erforscht und interessiert sich besonders für geflüchtete Sudetendeutsche und Siebenbürger nach dem Zweiten Weltkrieg.

Interdisziplinäres Team

Bacher ist nur einer von vielen: Acht Forschungsinstitutionen, darunter die Universität Salzburg, die FH St. Pölten oder die Donau-Universität Krems bilden ein interdisziplinäres Team. Archäologen, Historiker und Sozialwissenschaften spüren den Objekten von Flucht und Vertreibung nach.

„Unsere große Klammer ist die These, dass sich nicht nur Menschen durch die Geschichte und die Räume bewegen, sondern natürlich auch Dinge. Anhand derer kann man sehen, dass auch die Ideen wandern“, sagt Martha Keil vom Institut für jüdische Geschichte Österreich, die das Projekt leitet.

Klotzen statt kleckern lautet die Devise. „Niederösterreich ist ein besonders migrations- und bewegungsreicher Raum“, sagt Keil und untersucht mit ihren Kollegen einen enormen Zeitraum: 7000 Jahre von der Jungsteinzeit bis zur großen Flüchtlingswelle 2015 werden abgedeckt.

Eine erste Conclusio lautet: „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass Menschen immer an einem Ort sitzen, wie es die bäuerlichen Kulturen suggerieren. Es gab von Anfang an eine Mobilität der Dinge. Niemals in der Geschichte wurde alles vor Ort produziert“, sagt die Historikerin und erzählt von den frühen sesshaften Bauern der Schletzsiedlung in Niederösterreich, die bereits in der Steinzeit um 5.000 v. Chr. Keramik aus Südfrankreich und Ungarn besaßen.

Schon immer mobil

 „Schon sie müssen mobil gewesen sein und brachten Dinge von weit her. Diese Gegenstände gefielen den Leuten so gut, dass sie versuchten, sie nachzumachen. Allerdings gelang ihnen das Plagiat nicht wirklich perfekt, und dadurch können wir die nachgemachten Dinge erkennen.“ Keil weiter: „Diese frühe Nachahmungsindustrie hat mich verblüfft.“

Heimweh-Industrie

Das Prinzip, fremde Dinge vertraut und heimisch zu machen, zieht sich durch alle Epochen, haben die Wissenschafter festgestellt: Als nämlich die Sudetendeutschen 1945 aus Südmähren, vertrieben wurden und sich gleich hinter der Grenze in Niederösterreich ansiedelten, haben sie nicht nur das, was ihnen wichtig war, mitgebracht, sondern gleich versucht, Keramik-Häferl im selben Stil nachzumachen. Keil: „Wir haben das Heimweh-Industrie genannt.“

Immer seien Emotionen im Spiel, weiß die Historikerin. Ein Schmuckstück von der Mutter, der Ehering, ein paar Fotos. Oder Skier, selbst, wenn es völlig irrational scheint: Nicht wenige jüdische Familien haben auf der Flucht vor den Nazis ihre Brettln ins Exil in Argentinien mitgenommen. „Das war ein Stück Heimat und hat eine emotionale Aufladung. “

„Zu keiner Zeit der Menschheit waren alle sesshaft. Ein Teil der Familie konnte bleiben, weil der andere Teil weit wegging, um Nahrung und andere wichtige Dinge zu holen.“

Martha Keil | Historikerin

Wir und Nicht-Wir

Die Forscherin weiter: „Was unsere Gesellschaft seit Urzeiten macht, ist zu stabilisieren und zu ordnen. So kann man sich als Gruppe leichter definieren, denn der Mensch hat ein großes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Das geht nur, wenn man definiert, was nicht dazu gehört.“ Das „Wir“ und das „Nicht-Wir“ werde festgelegt.

Kleidung ist ideologiebehaftet

Oft geschieht das mithilfe von Kleidung, die besonders ideologiebehaftet und sofort sichtbar sei. „Mit dem, was man trägt, repräsentiert man Zugehörigkeit.“ Man denke nur an die Tracht. Dass die sehr alt ist, sei übrigens Quatsch. „Man konstruiert an dieser Kleidung eine lange sesshafte Geschichte. Das ist zu hinterfragen“, sagt die Forscherin und ist sicher: „Zu keiner Zeit der Menschheit waren alle sesshaft. Ein Teil der Familie konnte bleiben, weil der andere Teil weit wegging, um Nahrung und andere wichtige Dinge zu holen.“ Das sei eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Bei näherem Hinsehen verliert dieser Umstand den Schrecken und den Status des Ungewöhnlichen, ist Keil überzeugt – „weil man weiß, dass das seit Jahrtausenden so funktioniert, nichts Schlimmes passiert ist und die Menschheit noch immer existiert.“

Das Forschungsprojekt „Mobile Dinge“ zeigt also, dass eine Gruppe Zuwanderung sehr gut aushält, weil mit der Fluktuation immer wieder neue Ideen daherkommen, die Erstarrung verhindern.

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