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Wissen Wissenschaft
05/30/2021

Wann Schimpansen eine Seele bekamen

Heute ist klar: Tiere verfügen über Intelligenz, Kultur, Moral und Ich-Bewusstsein. Das Umdenken begann aber erst vor 60 Jahren. Mit Jane Goodall.

von Susanne Mauthner-Weber

„Ban-erry“ rief Alex, wenn er Gusto auf einen Apfel hatte. Äpfel schmeckten für ihn wie Bananen (banana) und sahen aus wie Kirschen (cherry). Deshalb hatte er daraus ein neues Wort gemacht. Als Alex, der Papagei, 2007 starb, hatten seine Leistungen unsere Vorstellung von dem, was Tiere können, revolutioniert. Die Verhaltensforscherin Irene Pepperberg hatte 1977 begonnen mit Alex zu sprechen, um herauszufinden, was in seinem Kopf vorgeht – zu einer Zeit, da Tiere noch immer als seelenlose Automaten galten.

Das langsame und mühevolle Umdenken hatte Anfang der 1960er-Jahre begonnen – als nämlich der berühmte Paläontologe und Anthropologe Louis Leakey eine gewissen Jane Goodall zu seiner Privatsekretärin machte und die ihn überredete, die Schimpansen in Tansania in freier Wildbahn beobachten zu dürfen.

Revolutionär

Was heute wie ein bescheidener Wunsch klingt, war damals revolutionär: Ohne entsprechende Ausbildung, ohne akademischen Grad Feldforschung betreiben. Überhaupt Feldforschung – wer braucht das? Als Goodall mit ihrer Arbeit begann, beschränkte sich die Schimpansen-Forschung auf die am toten Objekt. Die einzige Studie stammte von einem Mann, der mit einem Heer von Trägern durch den Urwald getrampelt war – ganze zweieinhalb Monate. Goodalls Langzeitstudie sollte über Jahrzehnte gehen.

Was sie beobachtete, sollte unser Bild vom seelenlosen Tier und damit auch unser Menschenbild revolutionieren: David Greybeard (Jane hatte ihren Schimpansen Namen gegeben, damals in der Verhaltensforschung verpönt; eine Nummer tat’s auch) gebrauchte, um an seine Termiten heranzukommen, Werkzeuge. Aufschrei von Seiten der Wissenschaft und der Theologie: Die Einzigartigkeit des Menschen war infrage gestellt. Auch beschrieb die Forscherin sie als lebhafte Persönlichkeiten – wieder eine Todsünde: Nur Menschen besaßen Persönlichkeit. Sie erkannte aber auch, dass Schimpansen keineswegs die besseren Menschen sind, da gab es Mord und Kannibalismus.

Richtig und falsch

Mit geschickten Experimenten wiesen Wissenschafter immer deutlicher nach, dass die Krone der Schöpfung gar nicht so einmalig ist. „Nichts, was wir tun, ist wirklich einzigartig“, resümierte Frans de Waal 2008 nach Jahrzehnten intensiver Beobachtung von Schimpansen und Bonobos. So wurzelt etwa das Gespür für richtig und falsch im Tier: Ein Zooschimpanse etwa ertrank lieber selbst, als ein Jungtier untergehen zu lassen. Natürlich sei diese Moral nicht mit der menschlichen vergleichbar, sie habe sich aber sicher daraus entwickelt, meint de Waal.

Mitleid

2006 der nächste Schlag: Kanadische Psychologen entdeckten, dass Mäuse zu empathischem Verhalten fähig sind: Sie litten mit, wenn Artgenossen Schmerzen hatten. Noch beeindruckender: Die Studie, in der Ratten auf die sehr begehrte Schokolade verzichteten, um einen Artgenossen aus einer Falle zu befreien. Heute ist der niederländische Verhaltensforscher de Wall überzeugt, dass „alle Tiere, die in sozialen Gruppen leben und voneinander abhängig sind, Solidarität und Kooperation brauchen. Sie haben auch Moral“.

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