Police cars pass closed shops in Vienna

© REUTERS / LEONHARD FOEGER

Wissen Wissenschaft
03/17/2020

Wann der Höhepunkt der Coronawelle erreicht ist, entscheiden wir

Im Interview erklärt der Forscher Niki Popper, warum das Verhalten jedes Einzelnen so wichtig ist und den Peak beeinflusst.

von Susanne Mauthner-Weber

Wie die Zukunft aussieht? Das kann auch Niki Popper nicht sagen. Der Informatiker der Technischen Universität (TU) Wien berechnet mit seinem Team in Simulationsmodellen die Ausbreitung der Epidemie und was die aktuellen Maßnahmen der Regierung bringen.

In einer Aussendung teilte er mit, dass die  Schulschließungen die zwischenmenschlicher Kontakte um etwa zehn Prozent reduzieren werden. Wenn man annimmt, dass Menschen über 65 ihre Kontakte auf die Hälfte reduzieren, gehe die Gesamtzahl der Kontakte um weitere acht Prozent nach unten. „Das reduziert den Peak, also die Maximalzahl an Personen, die gleichzeitig krank sein werden, bereits um 40 Prozent.  Die Zahl der schweren Fälle insgesamt reduziert sich laut unserem Modell dadurch sogar um 55 Prozent – auf 45 Prozent des ursprünglichen Wertes, den wir ohne diese Maßnahmen hätten", sagt Popper.

Im Interview mit dem KURIER erklärt er, warum niemand weiß, wann der Peak erreicht ist.

KURIER: Harvard-Forscher gehen davon aus, dass sich bis zu 60 Prozent aller Erwachsenen mit dem Coronavirus anstecken könnten. Jetzt fragen sich viele bei uns, wann der Peak vorbei ist?

Niki Popper: Das ist die große Frage, die uns alle umtreibt: Wie lange geht die Kurve hoch? Und wann knickt sie. Wir wissen auch nicht, alles hängt von den Maßnahmen ab. 

Gehen wir vom Idealfall aus: Die Österreicher bleiben diszipliniert und befolgen, was Experten sagen...

... im allerbesten Fall stirbt die Epidemie aus, sogar früher.

Was ist früher?

Auch das weiß man nicht. Wenn man alles ungebremst laufen lässt, explodiert die Fallzahl, weil alle in dem Ökosystem Ansteckbar sind - jeder steckt jeden an, weil jeder - überspitzt gesagt - mit jedem knuddelt. Das wäre exponentielles Wachstum, bis keiner mehr da ist, den der Virus befallen kann. Dann flacht die Kurve ab. Wir haben jetzt sehr viele Maßnahmen gesetzt, damit nicht viel geknuddelt wird. Das nennt man Flattening Effect: Je weniger intensiv die Kontakte sind, desto langsamer breitet sich die Krankheit aus. So wird das Maximum der gleichzeitig Erkrankten gesenkt. Das bedeutet, wir brauchen weniger Notfallbetten, haben idealerweise weniger Tote, weil alle versorgt werden können. Der Nachteil: Es wird länger dauern, der Peak wird niedriger, die Gesamtzahl wird auch etwas gesenkt.

Es gibt auch ein Szenario, das die Washington Post jetzt beschrieben hat ...

... ja, das wäre noch schöner: Wir erwischen alle Herde, können Corona so stark einschränken, dass es zu keiner durchgängigen Ausbreitung kommt und sich die Epidemie auflöst. Das halte ich aber für unrealistisch. Wir fokussieren uns also auf unser Maßnahmen und das Drücken der Kurve, denn dass der Effekt der Kontaktreduktion irre gut ist, wissen wir sicher. 

Für Freitag planen Sie ein update, was die Zahlen betrifft?

Ja, derzeit schaut es gut aus, die Maßnahmen scheinen zu wirken, aber wirklich nur, wenn alle mitmachen! Derzeit verdoppelt sich die Zahl der Erkrankungen etwa alle 2,5 Tage. Wir gehen davon aus, dass sie idealerweise auf fünf bis sechs Tage gebremst werden kann. Ob es klappt, sehen wir Ende der Woche.

Ich versuche es nochmals: Wann ist der Peak erreicht?

Kann man nicht sagen, denn mit jeder Maßnahme, die wir jetzt setzen, ändert sich dieser Peak. Wir leben in einer komplizierten Welt, in der es keine einfachen Antworten gibt. Wir müssen lernen, damit umzugehen.