Viele haben es ganz vergessen: Freundlich zu sein, macht zufrieden, weil es Endorphine freisetzt

© EPA/MARISCAL

Wissen Wissenschaft
03/21/2020

Das Coronavirus und die Welle des Wir-Gefühls

Der Mensch ist die kooperativste Spezies. Gemeinsames Tun setzt Glückshormone frei. Diese Tage bestätigen es.

von Susanne Mauthner-Weber

Ein Experiment illustriert, was uns von Affen unterscheidet: Forscher platzierten ein Brett mit Obst vor zwei Schimpansen. Fest steht: Die beiden könnten durchaus an das Futter herankommen, aber nur, wenn sie das Brett mit Hilfe eines Seil zu sich heranziehen. Dazu müssten die Affen kooperieren, wozu sie durchaus in der Lage wären. Doch zur Zusammenarbeit kam es meist nicht, weil das rangniedrigere Tier – zu Recht – ahnte, dass ihm das ranghöhere hinterher nichts abgeben würde. Affen können nicht gerecht teilen.

Menschen dagegen helfen sich durch ihre Kooperationsbereitschaft, etwa bei Nahrungsmangel. „Kooperation ist uralt“, weiß die Anthropologin Katrin Schäfer von der Universität Wien. „Interessanterweise ist sie oft auch für das einzelne Individuum die beste Lösung.“

Wie alles begann: 400.000 Jahre so lange ist es her, dass Menschen begannen, gemeinsam zu jagen und Nahrung zu suchen. Damals entstanden auch die Wurzeln der menschlichen Moral, die durch die gemeinsame Jagd  Kooperation und Teamgeist förderte.
 

Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die Welle des Wir-Gefühls und der Solidarität, die in Zeiten der Corona-Krise zu beobachten ist, also nicht verwunderlich. Die menschliche Neigung zur Kooperation ist nicht anerzogen, sondern angeboren und von Genen geprägt – das jedenfalls nehmen Forscher an.

Selbstlos-Gene

Offenbar gab es im Verlauf der menschlichen Evolution Mutationen in den Erbanlagen, die selbstloses, kooperatives Verhalten auslösten. Und als dies bei mehreren Individuen dazu führte, dass sie zusammenarbeiteten und so als Gruppe ihren Überlebenserfolg steigerten, setzten sich die entsprechenden Mutationen durch.

Beispiel gefällig? Könnte der Mensch nicht so gut mit anderen teilen, hätte er wohl nie erfolgreich Mammuts gejagt. Denn nur wenn die Beute hinterher gerecht in Stücke portioniert wird, lohnt sich die Gruppenjagd für jeden. Allein der Mensch ist in der Lage, gemeinschaftlich auf Beutefang zu gehen und dazu Strategien abzustimmen. Dabei hilft ihm seine Fähigkeit zu sprechen, und so entstand die Sprache womöglich nur deshalb, glauben manche Anthropologen, weil sie es den Menschen erleichtert, gemeinsames Handeln zu koordinieren.

Ohne seine Teamfähigkeit hätte der Homo sapiens wohl auch keine Werkzeuge und Waffen erfunden. Denn dazu ist eine weiterentwickelte Form der Zusammenarbeit nötig, die unter Tieren in diesem Ausmaß unbekannt ist: Der Mensch gibt seine Erfahrungen und Fähigkeiten weiter. Er wird zum Lehrer. So kann er Wissen sammeln und Erfindungen verbessern.

Im Tierreich

Verhaltensforscherin Schäfer: „Unterstützung von Familie und Verwandten erscheint uns prinzipiell nicht so erstaunlich, wahrscheinlich weil wir es als Kinder von Eltern schon von klein auf erleben und auch im Tierreich überall beobachten können.“ So sind Bienen oder Ameisen nett zu ihren Verwandten und bringen Unglaubliches wie Ameisenstaaten zustande.

Weniger logisch seien aber Hilfeleistungen unter Nicht-Verwandten, sagt Schäfer, allerdings eben nur auf den ersten Blick: „Hier wissen wir, dass sie sich auf längere Zeit gesehen für den einzelnen sehr bezahlt machen.“

Selbstlos-Körperchemie

Pure Selbstlosigkeit ist das also nicht. Wenn ein Mensch einem anderen hilft, werden Regionen im Gehirn aktiviert, die Belohnungen verarbeiten. Gemeinsames Tun setzt Endorphine frei, sodass wir uns danach besser fühlen. Freundlich zu sein macht also zufrieden – selbst dann, wenn es für ein Geschenk keine direkte Gegenleistung gibt. Schon Kleinkinder versuchen, anderen zu helfen, ohne dazu aufgefordert zu werden. Einjährige sind geradezu versessen darauf, zu schenken, zu trösten und Essen zu verteilen.

Weitere Umstände, die dazu geführt haben, dass wir ein sehr hohes Maß an Kooperationsfähigkeit und -willigkeit entwickelt haben: Unsere relativ lange Lebensspanne und unser einstmaliges Leben in Kleingruppen.

Mehr Ansehen

Auch für die Tatsache, dass wir bereit sind sogar Wildfremden beizustehen, die wir wahrscheinlich nie wiedertreffen, gibt es eine wissenschaftliche Erklärung „Indem wir anderen helfen, gewinnen wir Prestige und sozialen Status. Wenn Menschen gemeinsam etwas tun, mögen und vertrauen sie einander auch mehr“, weiß Schäfer. Und das ist die positive Botschaft dieser Tage.

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