Biodiversitätsforscher Glaubrecht befürchtet "Das Ende der Evolution"

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Interview
12/08/2019

"Umwelt auszubeuten, ist in der Natur des Menschen verankert"

Was die Menschheit erfolgreich gemacht hat, bedroht sie jetzt, sagt Evolutionsbiologe Glaubrecht. Ein Gespräch über Ausbeuten und Weiterziehen.

von Susanne Mauthner-Weber

Die Geburt seines Sohnes hat alles verändert: „Das war für mich Anlass, darüber nachzudenken, wie die Welt aussehen wird, wenn er in meinem Alter ist“, erzählt Matthias Glaubrecht. Und weil Glaubrecht ein renommierter Evolutionsbiologe ist, dauerte sein Nachdenkprozess sieben Jahre; er ist 1074 Seiten dick geworden, nennt sich Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten und kam diese Woche auf den Markt. „Darin beschreibe ich die Welt rückblickend aus dem Jahr 2062 – einmal ein Untergangsszenario, einmal eine Rettung. Vermutlich wird es mir nicht gelingen, alle zu überzeugen, dass wir eine Riesenaufgabe vor uns haben.“

Das Artensterben ist der neue Klimawandel, ist Glaubrecht überzeugt, versichert aber, dass es Zufall sei, dass das Buch zeitgleich mit dem UN-Klimagipfel erscheint. „Wir verlieren gerade alle Mitlebewesen, mit denen wir in den letzten Jahrmillionen unsere Evolution geteilt haben“, sagt der Autor, und aktuelle Analysen des Weltbiodiversitätsrats geben ihm recht: Bis zu einer Million Arten drohen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu verschwinden.

In dieser Geschichte erfahren Sie:

  • Warum die Natur des Menschen und die Natur selbst einfach nicht kompatibel sind.
  • Warum das Artensterben der neue Klimawandel ist.
  • Und warum wir mit dem Psychopathengärtnern aufhören müssen.

 

Matthias Glaubrecht, Jahrgang 1962, studierte Biologie an der Universität Hamburg. Stationen in Sydney und Berlin führten ihn zurück nach Hamburg, wo er heute als Evolutionsbiologe und Professor für Biodiversität das Centrum für Naturkunde der Uni Hamburg leitet. Der preisgekrönte Autor tritt auch als Fernsehexperte auf, beispielsweise in der ZDF-Serie Terra X. Sein neues Buch „Das Ende der Evolution“ ist diese Woche erschienen.
 

KURIER: Sie nennen den Menschen gleichzeitig Verursacher und Opfer einer weltweiten biologischen Tragödie. Warum?

Glaubrecht: Unsere Umwelt auszubeuten, ist tief in der Natur des Menschen verankert. Wir haben uns ausgebreitet und sind dank unserer Pionier-Mentalität so erfolgreich und so viele geworden. Motto: Ausplündern so lange es geht und dann weiterziehen. Aber jetzt gibt es nichts mehr, wohin wir weiterziehen könnten.

Was ist mit anderen Planeten?

Mittlerweile hat sich herum gesprochen, dass es nirgendwo einen anderen erreichbaren Planeten gibt. Wir geben auf der Suche Milliarden aus. Elon Musk (Chef des Raumfahrtunternehmens SpaceX, der von der Kolonialisierung des Weltalls träumt, Anm.) betreibt unendlichen Unsinn, wenn er denkt, wir kämen zum Mars und würden irgendwelche entfernten Planeten besiedeln. Das ist so was von utopisch und entgegen aller Möglichkeiten, dass man sich an den Kopf greift, dass so viele Menschen davon begeistert sind.

Ich nehme an, Sie hätten sich die 1074 Seiten aber nicht angetan, wenn Sie keine Hoffnung hätten, dass wir etwas verändern können?

Es gibt die Hoffnung, dass sich das alles nicht auf biologische Art klärt. Das ist eine Metapher für den Heuschreckenschwarm: Alle sterben, wenn sie alles kahl gefressen haben und sie nirgendwo mehr hinziehen können. Ich habe die Hoffnung, dass wir etwas zu unserem Nutzen verwenden können, was sich kumulative kulturelle Evolution nennt. Das gab es in unserer Geschichte bereits einmal: Als der Mensch vom Jäger und Sammler zum sesshaften Landwirt wurde, war es die wohl größte Veränderung. Es hat vermutlich 1.000 Jahre gedauert, ehe sich die Menschen an die neue Situation gewöhnt hatten – eine sicherere Nahrungsgrundlage und vermutlich mehr Nachwuchs, aber auch Krankheiten, die ihr Vieh auf sie übertrug. Außerdem haben sie sich das Eigentum – damals etwas Neues – streitig gemacht. Daraus ist wohl die Religion entstanden. Nicht umsonst geht es im Alten Testament nur um Mord und Totschlag und die Zehn Gebote. Anthropologen bezeichnen das als Verhaltensänderung: Der Mensch hat gelernt, mit der neuen Situation umzugehen.

Dieses gemeinsame Lernen und das Erkennen eines übernationalen Problems, das über die individuellen Egoismen hinaus geht, das können wir hoffentlich wieder schaffen. Heute gehen Hunderttausende auf die Straße, weil sie genug davon haben, dass sich die Politik kaum bewegt. Ich bin aber nicht sicher, ob wir beim Artensterben so viel Zeit haben.

Sie halten auch die Überbevölkerung für einen entscheidenden Faktor?

In ein paar Jahrzehnten werden wir nochmals zwei oder drei Milliarden mehr sein. Verdammt noch mal, wir sind einfach zu viele geworden und haben in den Industrienationen einen enormen Ressourcenverbrauch. Wir werden unzählige Asiaten und Afrikaner aufwachsen sehen, die auch leben und essen und dem Konsum der westlichen Welt entgegen streben wollen. Das wird unser Planet mit Sicherheit nicht ertragen. Wir – in den Industrienationen – werden uns also einschränken müssen. In anderen Ländern werden wir dafür Werbung machen müssen, dass wir dafür zahlen, dass sie ihre Natur erhalten, weil wir sonst daran zugrunde gehen. Das ist die Botschaft vom Ende der Evolution. Passen wir nicht auf, ist das bedauerlicherweise auch unser Ende.

Sie schreiben auch, dass den wenigsten Menschen bewusst ist, in welchem Ausmaß wir von der Natur abhängig sind...

Vor der Haustür erleben wir das Insektensterben. Doch die vom Menschen genutzten Flächen können ohne Insekten und Mikroorganismen im Boden keine Erträge bringen. Inzwischen wissen wir, dass wir alle diese Tiere brauchen. Wir brauchen kälteadaptierte Wildbienen als Bestäuber. Ohne die werden wir weder Gemüse noch Obst haben. Wir denken, wir kämen ohne sie aus und könnten uns mit Astronautennahrung künstlich ernähren. Ohne Natur wird es nicht gehen.

Aber deshalb gleich Weltuntergangsszenarien entwerfen ....

...wenn wir über den Untergang der Welt reden, denken wir an New York, London, Berlin, Wien. Wir vergessen, dass in abgelegen Gebirgsdörfern in Neuguinea oder auf den Adamanen Volksstämme alle Katastrophen möglicherweise überleben würden. Ich mache mir also keine Sorgen, dass nicht ein Teil der Menschheit überlebt. Mein Problem ist, dass ein Großteil der Menschheit in Chaos, Krankheiten, Kriege, politische Kopflosigkeit gestürzt wird. Es ist das Ende der Evolution, weil wir einen Großteil unserer Zivilisation verlieren könnten, aber auch Tiger, Elefanten, Nashörner... Viele Tiere brauchen große Schutzgebiete. Die können wir aber nicht bereit stellen, wenn wir in Afrika einen Großteil der Menschen ernähren wollen – die müssen Rinder halten und Ackerbau betreiben.

Was wünschen Sie sich?

Es gibt zwei ganz konkrete Ziele, bei denen ich die Weltgemeinschaft gerne dabei hätte: Wir müssen 30-30 und 50-50 werden. Das bedeutet, wir müssen bis 2030 30 Prozent der terrestrischen eisfreien Erdoberfläche unter Naturschutz stellen. Und bis 2050 müssen es 50 Prozent sein. Wobei ich Wälder und Agrarflächen, wenn wir sie nicht vergiften, dazu rechnen würde. Leute: Wir müssen ganz erheblichen Raum für die Natur lassen. Im Augenblick halten wir bei 13 bis 17 Prozent. Übrigens kann jeder anfangen und mit dem Psychopathengärtnern aufhören: Sobald ein Grashalm oder ein Löwenzahn auch nur über die Grasnarbe hinauskommt, ist der Rasenroboter da und cut! Nachhaltig ist das nicht.

Ich höre die Wirtschaft bereits rufen: Aber die Arbeitsplätze ...

Das hört man häufig, und es bedeutet nichts anderes als: Lass uns einfach so weitermachen, wie bisher. Davon müssen wir uns freimachen.

Und Sie glauben wirklich, dass wir uns ändern können?

Naja, ich habe diese beiden Szenarien geschrieben: Sie bemerken zwischen den Zeilen meine Skepsis, dass das gelingen wird. Ich bin Evolutionsbiologe, sehe wie der Mensch sich entwickelt hat und welches Verhalten uns prägt: Leider ist uns die Jacke nicht näher als das Hemd. Meine Aufgabe ist die eines Doktors, zu dem sie kommen, weil es irgendwo weh tut. Ich stelle die Diagnose. Und sage ihnen auch, wie sie eine Chance haben, gesund zu werden. Das mögen sie annehmen oder nicht. Ich bin auch skeptisch, weil wir aus einer eurozentrischen, westlichen Sicht heraus argumentieren. Ein Großteil der Erdbevölkerung tickt ganz anders – ihr fehlt der wissenschaftlich, aufklärerische Hintergrund: Ich bin nicht sicher, dass wir mit Klimaschutz und Artensterben derzeit in vielen Regionen der Erde Zuhörer finden.

Matthias Glaubrecht: „Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten“, Verlag C. Bertelsmann, 1074 Seiten, 38 Euro 

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