Karikatur aus 1802: Impfgegner, die befürchten, durch die Pocken-Vakzination zu Kühen zu werden, umringen den Arzt Edward Jenner

© Wikimedia Commons/James Gillray/Library of Congress

Wissen Wissenschaft
01/09/2021

"Seit es Impfungen gibt, gibt es auch Impfgegner"

Medizinhistoriker haben erforscht, wie seit 200 Jahren über das Impfen gestritten wird. Warum die heutigen Argumente von gestern sind, und woher die Skepsis kommt.

von Susanne Mauthner-Weber, Carina Tichy

In der Volkshalle des Wiener Rathauses herrschte fieberhafte Spannung. Anhänger des Naturheil- und  Kneipp-Verfahrens, Vegetarier, Mitglieder des Vereines Gesunde Menschen sowie andere Gegner des Impfens "waren in Massen erschienen, um gegen den Terrorismus zu protestieren, der beim Impfen auf die Bevölkerung ausgeübt wurde".

Studenten hielten mit Hoch-Rufen auf die Wissenschaft  dagegen und sangen Gaudeamus Igitur, während andere den greisen Rektor der Universität auf ihren Schultern zur Rednertribüne trugen: "Wir sind hierhergekommen, um zu erklären, dass die Impfung notwendig ist...".

Donnernder Applaus von den Impfbefürwortern, wüste Schimpfworte von den Impfgegner. "Die Situation gestaltete sich im Saale immer bedrohlicher, Stöcke wurden geschwungen, die Sessel  durcheinander geworfen, die beiden Parteien hieben mit Fäusten aufeinander los." So beschrieb es das Neue Wiener Journal vom 22. Oktober 1907.

Skepsis dem Impfen gegenüber ist bei weitem kein neues Phänomen. "Seit es Impfungen gibt, gibt es auch Impfgegner, weil immer wieder Nebenwirkungen aufgetreten sind", weiß die Medizinhistorikerin der Akademie der Wissenschaften Daniella Angetter. Sogar die große Impfbefürworterin Maria Theresia wurde von Zweifeln geplagt, ob man den Kindern durch die Lebensimpfstoffe nicht vielleicht doch schadet.

Woher die Skepsis kommt, und warum die heutigen Argumente von gestern sind, erfahren Sie in dieser Geschichte.

An vorderster Impfskeptiker-Front: Die Kirche ("Impfen widerspricht dem göttlichen Willen") und Philosophen. Zum Beispiel stand Immanuel Kant dem Impfen mehr als ambivalent gegenüber. Angetter: "Als die Kuhpockenimpfung aufkam, meinte er, ,den Menschen würde die tierische Brutalität eingeimpft’". Bald zirkulierten Karikaturen von Menschen mit Kuhhörnern und Eutern.

Die Medizinhistorikerin sucht nach Gründen:

Menschen stehen allem, was neu ist, mit Skepsis gegenüber.

Daniella Angetter | Historikerin, Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW)

Zudem kam die Inokulation aus dem Osten, "und im Habsburgerreich herrschte die Meinung, dass alles was von jenseits der Grenze zum Osmanischen Reich kommt, mit Vorsicht zu genießen sei“.

Soziale Randgruppen missbraucht

Die Impfgegner pauschal ins Aluhüte-Eck zu rücken, greife aber zu kurz, es wurde auch Schindluder getrieben, sagt Angetter: "Schon Maria Theresia hat die ersten Impfungen an Waisenkindern ausprobiert." Immer wieder wurden Bevölkerungsgruppen herangezogen, die sich nicht wehren konnten. So wurden bis in die 1960er-Jahre Versuchsreihen an sozialen Randgruppen durchgeführt, etwa an Heimkindern.

Auch die Nazis haben auf der Suche nach einem Impfstoff gegen Fleckfieber Experimente an KZ-Häftlingen durchgeführt, was Hunderte das Leben kostete. "Gleichzeitig haben viele Nationalsozialisten das Impfen abgelehnt, weil es sich angeblich aus der jüdischen Medizin entwickelt hat", sagt Angetter.

Nachwirkung

All das wirke nach und sei nicht vertrauensbildend. Man dürfe auch nicht verschweigen, dass Nebenwirkungen auftreten können, vielleicht sogar die Krankheit ausbrechen könne und man im Falle von Corona die Schutzwirkung noch nicht kenne. "Ich verstehe, dass Leute sehr vorsichtig sind", meint Angetter.

"Wie groß die Impfmuffelei tatsächlich sei, hängt davon ab, wie stark man von einer Krankheit betroffen ist", glaubt sie: Sobald eine Bedrohung zurück geht und aus dem Bewusstsein verschwindet, lassen sich die Menschen nicht mehr impfen.

Argumente von gestern

Übrigens ähneln auch die Sachargumente von damals den heutigen: Der Impfprozess sei unnatürlich. Der Schulmedizin könne man nicht trauen, da sie den Menschen nicht als ganzheitliches Wesen betrachte. Krankheiten gehörten zum Leben und stärkten die Menschen, argumentierte vor allem die Lebensreformbewegung, die im 19. Jahrhundert als bürgerliches Projekt begonnen hatte und mit einer grundsätzlichen Modernekritik zur Urmutter aller (Links-)Alternativen wurde.

Als immer mehr Impfstoffe gefunden wurden, kam ein neues Argument dazu: Impfungen seien Tricks, mit denen die Pharmaindustrie Gewinne auf Kosten der Patienten generiert.

Impfungen sind immer ein Test für die Solidargemeinschaft und damit stets ein Politikum. Was also den Zwang zur Immunisierung betrifft: Auch in der Habsburgermonarchie wurde über eine Impfpflicht diskutiert und dagegen entschieden – man setzt auf Aufklärung.  Pfarrer predigten von der Kanzel, wie wichtig das Impfen sei, Hebammen versuchten schon Schwangere zu überzeugen.  Und man wollte die Menschen motivieren: Wer zur Schule gehen wollte, musste geimpft ein, wer ein Stipendium oder zum Militär wollte, ebenso.

Ungebildete Menschen

An der latenten Skepsis änderte das wenig wie auch der Tumult im Wiener Rathaus im Jahr 1907 zeigt, der schließlich von der Polizei beendet werden musste. „Der Saal leerte sich allmählich. Die Studenten formierten sich unter den Arkaden zu einem Zug, nahmen den Rektor in ihre Mitte und trugen ihn auf den Schultern zur Universität.“

In einer kurzen Ansprache bekundete er, er habe sich über die Ausschreitungen nicht gewundert: "Ungebildete und nichtswissende Menschen“ – sagte er – "haben nicht das Recht, über die Wissenschaft ein Urteil zu sprechen."

Ob dieser Zugang 2021 allerdings noch zeitgemäß ist? Auch darüber lässt sich trefflich streiten.

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