Charles William Anton alias Karl Anton Schwarz aus Grinzing 1956 beim Skifahren in den Australischen Alpen. 

© Anton Perisher

Wissen Wissenschaft
01/26/2020

Österreicher prägten die australische Nachkriegsgesellschaft

Migrationsgeschichte des Zweiten Weltkriegs einmal anders – aus der Sicht von Down Under.

von Susanne Mauthner-Weber

Wussten Sie, dass die Aboriginal ein Wort für Schnee haben? Kunama. Und so nannte der Österreicher Karl Anton Schwarz eine seiner Hütten in Australien – Kunama Hut, erbaut 1950 nach dem Vorbild von Tiroler Berghütten. Es war der Startschuss für die Karriere von Charles William Anton (so nannte sich Schwarz mittlerweile) als einer der Begründer des Skisports in Australien.

Doch der Reihe nach.

Wir schreiben 1938. Die Nazis haben sich Österreich eben einverleibt. Der 22-jährige Schwarz, Sohn eines Holzhändlers und in Grinzing zu Hause, war einer der ganz wenigen, die sehr früh erkannt haben, dass sich die Situation für jüdischstämmige Menschen stark verschlechtern wird. Bereits einen Monat nach dem Anschluss wanderte er aus.„Schwarz hatte in Österreich für eine britische Versicherungsagentur gearbeitet. Diese Kontakte in den englischsprachigen Raum nutzte er und hatte so noch ehe er in Sydney ankam, einen Job“, erzählt Philipp Strobl.

Der Historiker hat in Innsbruck Wirtschafts- und Sozialgeschichte studiert, lehrt mittlerweile an der deutschen Universität Hildesheim und erforschte im Rahmen eines Schrödinger-Stipendiums des Wissenschaftsfonds FWF das Schicksal des Migranten Schwarz. Und nicht nur das.

„Er war ein Hobbysportler und im österreichischen Alpenverein eine kleine Nummer.“

Philipp Strobl | Historiker

Strobl, bereits länger in der Migrationsforschung tätig, sagt: „Die USA und Großbritannien sind gut erforscht. Ganz anders Australien.“ Das sei momentan auch ein Trend in der Forschung – Gebiete abseits der Haupttransitrouten anzuschauen.

Als sich in Österreich der „Anschluss“ und in Folge der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs abzeichnete, zerstreute sich die jüdische Bevölkerung in alle Welt. Nur wenige brachen ins weit entfernte Australien auf, das nicht nur heute, sondern bereits in den 1930er-Jahren eine restriktive Einwanderungspolitik verfolgte. Erst Anfang 1939 lockerte das Land seine Beschränkungen und erlaubte 15.000 Flüchtlingen in einem Zeitraum von drei Jahren die Einreise. Aus den deutschsprachigen Ländern kamen dann bis 1945 etwa 9.000 Personen ins australische Exil.
Sie siedelten sich vorwiegend an der Südostküste an, in Melbourne, Sydney oder Brisbane. Unter ihnen: Mindestens 2.600 Österreicher, die meisten aus Wien.

Die Auswanderer bauten hauptsächlich auf ihrem kulturellen Kapital auf. Denn finanziell hatten sie aufgrund der „Reichsfluchtsteuer“ und den hohen Kosten der Überfahrt kaum Reserven. Vorwiegend aus gutbürgerlichem Milieu kommend, hatten viele von ihnen ein Studium absolviert und waren hoch qualifiziert.

Der Zeithistoriker Philipp Strobl hat erstmals die Spuren dieser Geflüchteten aufgenommen und die Migrationsgeschichte des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen am Beispiel Australiens skizziert. Die Ergebnisse seiner Migrationsforschung werden heuer als Buch erscheinen.

Der Historiker machte sich also nach Down Under auf und stellte erfreut fest, dass in Australien Quellen und Archive ganz ausgezeichnet sind. „Sämtliche Einbürgerungsurkunden sind vorhanden.“ Die hat er ausgewertet und herausgefunden, dass 2.609 Menschen aus Österreich bis 1949 eingebürgert wurden. Strobl analysierte diese Gruppe und fokussierte auf ein Prozent: „Ich habe 26 Menschen ausgewählt, die repräsentativ für die österreichischen Migranten sind – Frauen, Kinder, Ältere, unterschiedliche Glaubensrichtungen und Berufe wie Ärzte, Rechtsanwälte, Wirtschaftstreibende“, sagt Strobl. Und weiter: „Der Großteil war jüdisch, zumindest nach den NS-Kriterien. Viele haben sich aber nicht als Juden gesehen und sind erst nach dem Anschluss von den Nazis zu Juden gemacht worden.“

Karl Anton Schwarz ist einer davon. „Er war ein Hobbysportler und im österreichischen Alpenverein eine kleine Nummer“, erzählt Strobl, der mit vielen Bekannten und Verwandten von Schwarz gesprochen hat. „Aber er hat viel mitbekommen – wie der Alpenverein, dessen Strukturen und das Skitourengehen in der Zwischenkriegszeit funktioniert haben.“

Begeistert von den Möglichkeiten des Skifahrens, das damals in Australien nur in exklusiven Kreisen praktiziert wurde, importierte er das Konzept des Österreichischen Alpenvereins. „So wurde er in seiner neuen Heimat einer der großen Pioniere des Skisports – und sehr berühmt. Hierzulande ist er vergessen“, erzählt Strobl.

Dance made in Austria

Gertrud Bodenwieser war ebenfalls eine Pionierin – eine des modernen Ausdruckstanzes. Wie Schwarz flüchtete sie vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Australien. In einem kleinen Studio in Sydney hat die erfolgreiche Choreografin und Tänzerin dann die australische Variante des Modern Dance entwickelt.

Auch Gertrude Langers Tagebuchnotizen erzählen davon, dass sie in der neuen Heimat ein kulturelles Vakuum vorfand: „Es gibt keine Architektur, die dieses Namens würdig wäre, keine professionellen Theater, die Kunstgalerien sind fürchterlich“, schrieb die Kunsthistorikerin, nachdem sie mit ihrem Mann, dem Architekten Karl Langer, im provinziellen Brisbane angekommen war. Über Jahre konnte sie sich schließlich einen Ruf als Kunstexpertin aufbauen, revolutionierte dabei den Kunstsektor in Queensland und wurde schließlich zu einer der Wegbereiterinnen der modernen Kunst in Australien.

Kapital

Einzelschicksale? Ja, aber sie zeigen auch, welchen Beitrag österreichische Zuwanderer zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der australischen Nachkriegsgesellschaft geleistet haben, ist Strobl überzeugt. Das ist es auch, was den Zeithistoriker besonders interessiert hat: „Dieser enorme Wissenstransfer – was diese Gruppe Menschen in ein neues Umfeld gebracht haben“, sagt er. Sein Fazit: „Man sollte Migranten nicht als Belastung betrachten, sondern sich ansehen, was an neuem Wissen und neuen Ideen ankommt.“

Apropos: Charles William Anton arbeitete ein Leben lang daran, „ein Skikarussell à la Kitzbühel“ aufzubauen, er gründete Thredbo, heute Australiens viertgrößtes Skigebiet am Mount Kosciuszko, dem höchsten Berg Australiens. Die „Patscherkofelhütte“ war Antons letztes Projekt. Er starb 1966.

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