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Nobel sticht Novize: Bekannte Forscher werden eher publiziert

Experiment von Innsbrucker und Grazer Forschern zeigt "Halo-Effekt" bei Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten durch Gutachter.

10/10/2022, 11:50 AM

Wird von einer Eigenschaft einer Person ohne objektive Grundlage auf weitere Merkmale geschlossen, spricht man vom Halo-Effekt (engl. Halo: Heiligenschein). Dieser tritt auch bei Gutachtern von Forschungsarbeiten auf, deren Urteil Basis dafĂŒr ist, ob diese in einem Fachjournal veröffentlicht werden. Innsbrucker und Grazer Forscher zeigen nun im Fachjournal "Pnas", dass trotz gleicher QualitĂ€t Arbeiten prominenter Forscher besser bewertet werden als solche unbekannter Autoren.

Um die Ungleichbehandlung im Begutachtungsprozess von Artikeln in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu belegen, fĂŒhrte das Forscherteam um JĂŒrgen Huber vom Institut fĂŒr Banken und Finanzen der UniversitĂ€t Innsbruck ein Experiment durch. Entscheidend fĂŒr das Gelingen der Studie war auch die Mitarbeit von Vernon Smith. Der Wirtschaftswissenschafter der Chapman University in Kalifornien (USA) war einer der beiden Wirtschafts-NobelpreistrĂ€ger des Jahres 2002.

Das Experiment

Smith verfasste gemeinsam mit dem Nachwuchswissenschafter Sabiou Inoua, der ebenfalls an der Chapman University arbeitet, einen wissenschaftlichen Artikel und reichte diesen beim "Journal of Behavioral and Experimental Finance" zur Begutachtung ein. Der Herausgeber der Fachzeitschrift ist Stefan Palan vom Institut fĂŒr Banken und Finanzierung der UniversitĂ€t Graz. Als Mitglied des Forschungsteams war er mit dem Experiment vertraut und verteilte den Artikel an insgesamt 3.300 Fachgutachter - 534 davon nahmen die Einladung an.

Ein solches Begutachtungsverfahren durch unabhĂ€ngige Gutachter ("Peer-Review") ist ein etablierter Eckpfeiler des wissenschaftlichen Prozesses. Es ist Grundlage dafĂŒr, welche Arbeiten in Fachzeitschriften veröffentlicht werden, oder welche Forscher Fördermittel bekommen soll. Dass es dabei zu Verzerrungen aufgrund des Status eines Autors oder Einreichers kommen kann, ist schon lange bekannt.

In der aktuellen Studie erhielten alle Gutachter exakt den selben Artikel zur Beurteilung, allerdings unterschiedliche Informationen ĂŒber die Verfasser des Artikels. Einer Gruppe wurde mitgeteilt, dass einer der Autoren NobelpreistrĂ€ger Vernon Smith war, eine andere Gruppe erfuhr, dass einer der Autoren Nachwuchswissenschaftler Sabiou Inoua war. Eine dritte Gruppe erhielt keine Informationen zu den Autoren.

NobelpreistrÀger eher empfohlen

Die HĂ€lfte jener Gutachter, die keine Informationen ĂŒber die Autoren des Fachartikels hatten, empfahlen, diesen nicht zu publizieren. Wussten die Gutachter, dass einer der Autoren der unbekannte Nachwuchswissenschaftler ist, stieg dieser Anteil auf ĂŒber 65 Prozent. Dagegen empfahlen nur 23 Prozent der Gutachter eine Ablehnung, wenn sie wussten, dass einer der Autoren der NobelpreistrĂ€ger ist.

"Unsere Ergebnisse zeigen damit deutlich, dass die unterschiedlichen Informationen ĂŒber den Verfasser die Bewertung der QualitĂ€t des Forschungsartikels stark beeinflussen", erklĂ€rte Huber in einer Aussendung. Rudolf Kerschbamer vom Institut fĂŒr Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte der Uni Innsbruck fĂŒhrt dieses Ergebnis auf den "Halo-Effekt" zurĂŒck, wonach Handlungen und Werke von Personen, von denen man einen positiven Eindruck hat, grundsĂ€tzlich positiver wahrgenommen werden als jene von unbekannten Personen oder von Personen, denen man nicht so viel zutraut.

Die Wissenschafter sehen die Ergebnisse ihres Experiments als wichtigen Anstoß dafĂŒr, das Begutachtungsverfahren wissenschaftlicher Arbeiten zu ĂŒberdenken. Huber verweist gegenĂŒber der APA etwa auf einen "offeneren Peer-Review-Prozess", bei dem Autoren, Fachjournal und Gutachter in einen ergebnisoffenen GesprĂ€chsprozess gehen, um eine Publikation möglichst gut zu machen. Praktiziert werde das beispielsweise bereits vom Fachjournal "Research Integrity and Peer Review", das im Springer-Verlag erscheint.

Verbreiteter seien sogenannte "pre-registered reports": Dabei wĂŒrden Forscher nicht eine fertige Publikation einsenden, sondern nur ihre Forschungsidee und das Design des Experiments. Das Fachjournal und die Gutachter beurteilen in diesem Fall nur, ob die Forschungsfrage spannend und relevant ist und ob das Forschungsdesign geeignet ist, diese Frage zu beantworten. Aufgrund dessen wird das Papier dann akzeptiert oder abgelehnt, unabhĂ€ngig von den Ergebnissen, die ja noch gar nicht vorliegen. "Mit solch einem Ansatz lĂ€sst sich der 'publication bias', bei dem fast nur signifikante Ergebnisse publiziert werden, deutlich reduzieren", so Huber. Diese Vorgangsweise werde bereits von hunderten Fachjournalen akzeptiert.

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