Katrin Vohland ist Deutsche, Biologin und erste Frau an der Spitze des  Naturhistorischen Museums, dessen Sammlungen sie für aktuelle Fragen nützen möchte

© Kurier/Gerhard Deutsch

Wissen Wissenschaft
07/03/2020

"Ein Haus mit einer derartigen Geschichte zu leiten, macht ehrfürchtig"

Wölfe, das Ablaufdatum von Lebensmitteln, das Erbe der NS-Zeit – womit sich die neue Chefin des Naturhistorischen Museums beschäftigen will, erzählt sie im Interview.

von Susanne Mauthner-Weber

Die Kulturen aus aller Welt, dafür hat sich Katrin Vohland zuerst begeistert. „Ich bin in Hamburg aufgewachsen und wenn ich mit dem Fahrrad zu meiner Omi fuhr, habe ich das nahe gelegene ethnologische Museum besucht“. Schon bald zog es sie aber ins Zoologische Museum. Und damit sind wir auch schon beim Thema: „Relativ früh war klar, dass ich mich für Naturschutz einsetze“, sagt sie. Seit einem Monat ist Vohland Generaldirektorin des Naturhistorischen Museum Wien (NHM). Gestern präsentierte sie  ihr erstes Projekt: Einen neuen Ort der Wissenschaftskommunikation mit Namen Deck 50.  Anlass für ein erstes Interview über Pläne, Probleme und Schwarz-Weiße Steinfliesen.

 

Zur Person
Mit der Hamburger Biologin Katrin Vohland (Jahrgang 1968) leitet seit 1. Juni erstmals eine Frau das Naturhistorischen Museum (NHM) Wien.  Sie forschte u. a. im Amazonasgebiet zu Artenbildung und Biodiversität. Ihr Weg führte die dreifache Mutter an das Museum für Naturkunde Berlin, die  Universität Potsdam (Lehrstuhl für Vegetationsökologie und Naturschutz) und ans  Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Außerdem war Vohland Grüne Landespolitikerin.

Zum Museum
1871 entstand ein Riesenloch an der Ringstraße, zehn Jahre später waren 16 Millionen Ziegel verbaut, eröffnet wurde weitere acht Jahre später: Geplant von Gottfried Semper und Karl von Hasenauer, beherbergt das NHM die riesigen Sammlungen der Habsburger aus den Hof-Naturalienkabinetten. „Dem Reiche der Natur und seiner Erforschung“ prangt in goldenen Lettern über dem Haupteingang. Das Motto gilt bis heute: Das NHM  gehört mit 20 Millionen Objekten zu den größten Naturmuseen der Welt.

Frau Vohland, das soeben präsentierte Deck 50 wird ein Raum zum Forschen, Experimentieren, Austausch mit Fachleuten, für interaktive Exponate und nachhaltige Beteiligungsprozesse. Klingt wie von Ihnen erdacht ...

Vohland: Ja, das passt sehr gut. Deck 50 soll die Wissenschaft des Hauses sichtbar machen und Besucher einbeziehen. Zum Beispiel wollen wir uns mit dem Wolf beschäftigen, der nicht nur für die Forschung interessant ist, sondern auch die Menschen im ganzen Land umtreibt. Daher passt Deck 50 super zu dem, was wir hier im Haus vorhaben.

Das wäre?

Die Forschung weiter für Besucher öffnen. Wir werden Labore haben und Citizen Science  betreiben. Das Haus hat ein derartiges Alleinstellungsmerkmal und bildet alles ab – vom Urknall, über die Entstehung der Erde, der  Vielfalt von Pflanzen und Tieren bis hin zum modernen Waldmanagement. Wir haben hier etwa Forschung zu den Mensch-Natur-Interaktionen schon ab der Steinzeit und das zieht sich durch bis zu aktuellen Fragestellungen. Wichtig ist mir, die Sammlung sicht- und nutzbarer zu machen.

Forschung sichtbar zu machen, war auch erklärtes Ziel ihres Vorgängers, Christian Köberl. Was soll bei Ihnen anders, besser, werden?

Was Herr Köberl hervorragend  gemacht hat, war, das NHM als Forschungseinrichtung aufzustellen.  Darauf kann ich jetzt gut aufbauen und diese Sichtbarkeit verstärken – durch Zusammenarbeit der einzelnen Disziplinen. Unser erstes Projekt: Wir überlegen uns, wo wir in zehn Jahren stehen wollen und welche Rolle wir angesichts der aktuellen globalen Herausforderungen spielen wollen. Zum Beispiel hat sich ganz Europa den globalen Nachhaltigkeitszielen verschrieben. Und da stellt sich die Frage, welchen Beitrag wir leisten können. Etwa indem wir das Thema  Ernährungssicherung abdecken, indem wir Ernährungsfragen in den Fokus rücken. Unsere nächste Ausstellung „Ablaufdatum“ wird  herausarbeiten, wo Lebensmittel verloren gehen.

In einem Interview haben Sie gemeint, dass das NHM nicht mehr zu den führenden Naturgeschichtehäusern Europas gehöre. Was bräuchte es, um das zu ändern?

Das Museum kann zu den Top-Häusern gehören und von seiner Größe her sollte es das auch. Die Sammlungen haben für die internationale Forschung eine unheimliche Relevanz. Dazu ist es aber nötig, dass das Museum in den verschiedenen Netzwerken vertreten und sichtbar ist. Die Wissenschaftler sind gut vernetzt, aber das Museum als solches kann noch stärker mit den anderen Museen vernetzt werden. Stichwort: Sammlung sichtbar machen, wie digitalisiert man, für wen sind die Daten interessant.

Wann und wie haben Sie das NHM erstmals wahrgenommen?

Schon früh,  im Rahmen meiner Promotion habe ich über Tausendfüßler gearbeitet.  Ich habe mich an das NHM gewandt, weil ich die Namen der Tausendfüßler brauchte. Später habe ich mir  das Haus im Rahmen einer Führung angeschaut.

Ihr Eindruck?

Spannend! Es ist sehr anders als Berlin, imperial, groß und wunderschön. Ich finde diesen großen Saal, die schwarz-weißen Steinboden sehr klassisch. Gleichzeitig gibt es sehr innovative Bereiche. Ich wusste, dass die Sammlungen riesig sind, und habe jetzt erkannt, wie viel Literatur es auch gibt. Das ist ein wichtiger Schatz, den man erschließen und zugänglich machen muss. Ein Haus mit einer derartigen Geschichte zu leiten, macht ehrfürchtig.

Was aber nicht heißt, dass Sie in Schönheit erstarren wollen?

Nein. Nur ein Beispiel: Im Mineraliensaal gibt es ein Bild, das den historischen Diamantenabbau darstellt. Da bietet es sich an, zu thematisieren, wie Diamanten damals gewonnen wurden und wie sie heute gewonnen werden. Welche Verantwortung haben Politik, aber auch einzelne Bürger? Man kann auch an so einem Haus moderne Themen spielen. Wie man mit der Optik umgeht, muss man schauen. Was schön ist, soll natürlich bleiben, aber kritische Reflexion ist auch wichtig.

Apropos kritische Reflexion: Was planen Sie in Sachen koloniales Erbe, Stichwort Rückstellung von Kulturgütern, und fragwürdiger Forschungsmethoden in der  NS-Zeit?

Tatsächlich ist uns ein Artikel in die Hände gefallen, in dem es darum ging, dass ein Vogelkundler aus dem Haus mit der Armee nach Auschwitz geschickt wurde und aus dem Lager ornithologische Beschreibungen schickte. So etwas ist anscheinend öfter vorgekommen und unbedingt wert, sich das  genauer anzuschauen. Auch auf einer  Expedition nach Kreta haben Soldaten nebenbei naturkundliche Erkundigungen eingezogen. Ich glaube, dass noch nicht alle derartigen Geschichten aufgearbeitet sind. Wir haben aber gerade ein Team  im Haus, das das genauer erforscht. Auch die anthropologische Sammlung wird aufgrund der sich ändernden moralisch-ethischen Bewertung eine Herausforderung werden. Das ist ein Thema, dem wir uns annehmen werden.

Ihre Bestellung war mit Misstönen verbunden: Ihr bisheriger Chef  saß in der Jury, die über den neuen Direktor entschied. Viele  vermuteten politische Motive hinter ihrer Ernennung und stellten sich hinter ihren Vorgänger, den Impaktforscher Christian Köberl, der das NHM zehn Jahre durchaus erfolgreich geleitet hatte. Wie geht es ihnen einen Monat nach Amtsantritt?

Für das Auswahlverfahren bin ich nicht verantwortlich. Es war eine offene Ausschreibung, auf die ich mich beworben habe.  Ich finde es wichtig und  gut, dass meine Person von dem Auswahlprozess getrennt wird.  Dass mein Chef in der Kommission war, darüber war ich nicht glücklich, ich hatte aber keinen Einfluss darauf.

 

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