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KURIER-History
11/13/2021

Seuchen killen Tanzvergnügen: Als der Ballsaal zum Spital wurde

Zwei Tage ist die Ballsaison alt und schon stehen Absagen im Raum. Nichts, was es nicht schon gegeben hätte, etwa, als die Cholera Wien heimsuchte. 

von Susanne Mauthner-Weber, Carina Tichy

Lebendige Schwäne, die majestätisch über künstliche Teiche gleiten, mythologische Figuren aus Gips, beleuchtete Engel, ein Wasserfall und eine Grotte für Verliebte, Alleen aus blühenden Obstbäumen. Dazu 13 Küchen für 6.000 Gäste, in sechs Klassen eingeteilte, entsprechend livrierte Kellner, drei Orchester mit jeweils 70 Musikern: 1808 eröffnet, sollte der neue Apollosaal am Wiener Schottenfeld für Staunen sorgen und Wiens Ruf als Weltstadt festigen. Sonntags und donnerstags zelebrierte das gehobene Bürgertum, am Dienstag war der Adel mit seinen Bällen an der Reihe.

„Ein Paradies für Viren – viele Leute auf engem Raum, ein Mangel an Hygiene, schlechte Luft“, so charakterisiert die Musikwissenschafterin Monika Fink die historischen Bälle. Absagen? „Gab es immer wieder, vor allem, wenn eine Epidemie die Stadt heimsuchte.“

So geschehen 1831.

Im Sommer präsentierte Johann Strauss beim Dommayer in Hietzing noch seinen neuen Walzer „Vive la Danse!“, während sich von Polen her die Cholera anschlich. Im Frühherbst erwischte die Epidemie Wien mit voller Wucht.

Der prächtige Apollosaal wurde von der Regierung in ein Notspital umgewandelt, erzählt Fink. Die Reaktion der Menschen damals unterschied sich kaum von der heutiger Pandemie-Opfer.

Bälle waren begehrte Lustbarkeiten. Man freute sich darauf. Dementsprechend groß war der Ärger, wenn sie abgesagt wurden.

Monika Fink | Musikwissenschafterin und Ball-Expertin

Das passierte auch infolge von Kriegen oder wenn Herrscher starben.

Der Beginn der „echten Bälle“

Zwar haben Tanzveranstaltungen eine lange Tradition, es gab sie wohl schon immer und in allen Kulturen. Die ersten durchchoreografierten „echten“ Bälle wurden aber erst am Ende des 17. Jahrhunderts am Hof Ludwig XIV. erfunden. Sie dienten dem Adel zum Sehen und gesehen werden. „Die Teilnehmer wollten ihren Rang herausstreichen“ sagt Fink.

Eine Tanzakademie entstand, in der schon Kinder die komplizierten Figurentänze erlernten. Wobei: „Der Großteil der Ballbesucher hat ohnedies nur zugesehen, tanzen durften nur junge Paare, die vorher aufgrund ihrer sozialen Stellung bestimmt worden waren.“ Mit Mitte Dreißig hatten auch sie ausgetanzt. „Der König selbst hat mit 41 das letzte Mal getanzt“, erzählt Fink.

„In Bällen spiegeln sich gesellschaftlicher Wandel und Moralgeschichte“, sagt die Ball-Expertin. Der Wiener Walzer etwa stammt aus einer Epoche politischer Unsicherheit. Er war der erste Gesellschaftstanz, in dem Mann und Frau sich eng umfassten und ohne Unterschied nach Stand und Rang sich einer fast rauschartigen Tanzekstase hingaben.

Ball-Boom

„Mit der Erfindung des Walzers als Paartanz boomten Bälle auch beim Bürgertum“, sagt Elisabeth Grossegger, vom Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Akademie der Wissenschaften.

Obwohl als unmoralisch angeprangert, setzte sich der Walzer sogar an den Höfen Europas durch und spiegelte so die zunehmend brüchiger werdende Macht traditioneller Herrschaftsschichten.

Im Cholera-Krisenjahr 1831 gehörte der Walzer jedenfalls längst zur DNA der Wiener, und weil die Seuche mit Beginn der kalten Jahreszeit allmählich erlosch, veranstaltete Johann Strauss am 23. November im „Sperl“ den traditionellen „Katharinen-Ball“, der zugleich das Ende der Tanzvergnügungen dieses Jahres bedeutete. Für diesen Anlass komponierte Strauss den Walzer „Das Leben ein Tanz oder Der Tanz ein Leben!“.

Nur im Apollosaal wollte nach dem Ende der Epidemie niemand mehr so recht tanzen. Seifensieder zogen in die Säle ein.

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