Heute kam man Ahnenforschung komplett im Internet machen

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Wissen Wissenschaft
12/17/2019

Familienforschung von der Couch aus

Genealogie online: Immer mehr Archive stellen ihre Dokumente im Internet zu Verfügung – teils frei und kostenlos.

von Susanne Mauthner-Weber

1.176. So viele seiner Vorfahren kennt Otto Amon mit Namen. Das sind um die 12 Generationen. Kein Wunder: Seit 40 Jahren ist der IT-Berater aus Wien Familienforscher. Jahrelang rückte er mit Stift und Block in Pfarren der Umgebung aus, um in Kirchenbüchern Geburten, Hochzeiten und Todesfälle potenzieller Vorfahren zu recherchieren.

Das Jahr 2013 brachte einen Einschnitt in Amons Familienforschung: In nächtelangen Recherchen verdoppelte er die Zahl seiner bekannten Vorfahren von 600 auf fast 1200. Möglich machte das eine Online-Plattform, auf die er eher zufällig gestoßen war: Matricula. Dort finden sich Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher.

  • Wovon es abhängt, ob die Genealogie online gelingt.
  • Wo man die im Dritten Reich Verfolgten findet.
  • Und wie Otto Amon feststellte, dass er einen Gondoliere als Vorfahre hat.

 

„Wie weit Sie online kommen, hängt davon ab, wo sie wohnen und welche Konfession Sie haben“, erklärt Thomas Aigner, Historiker und Leiter des Diözesanarchivs St. Pölten. Wer in Österreich lebt und katholisch ist, hat gute Karten: „Abgesehen vom Burgenland ist alles via Matricula online einsehbar. Sogar evangelische Vorfahren sind teils kein Problem. Sie können also ihre komplette Ahnenforschung, für die sie vor zehn Jahren noch von Pfarre zu Pfarre tingeln und den Pfarrer überreden mussten, dass er sich Zeit nimmt, im Internet machen. Und das für den gesamten Zeitraum aus dem es Kirchenbücher gibt – vom 16. bis zum 20. Jahrhundert.“

Für Thomas Aigner war das Online-Stellen ein Gebot der Stunde: „Dank Matricula können wir Dokumente schonen und Zeit sparen, die wir sonst mit dem Ausheben von Büchern verbringen.“ 2009 gingen die Archive der Diözesen St. Pölten, Linz und Passau als Erste mit ihren Matrikenbüchern online. In den folgenden zehn Jahren ist die Zahl der Online-Archive massiv angewachsen: Derzeit hält man bei 30 Millionen Seiten aus beinahe 4000 Pfarren und sechs Staaten (Österreich, Deutschland, Luxemburg, Polen, Serbien, Bosnien). Damit ist Matricula das größte frei und kostenlos zugängliche Portal seiner Art.

 

Holocaust online

Seit dem Sommer sind auch die Archive zur Geschichte der Verfolgung im Dritten Reich und zum Holocaust online zugänglich (nach einer kostenlosen Registrierung gebührenfrei): Mehr als 13 Millionen Einträge mit Namen und Daten zu mehr als 2,2 Millionen Menschen wurden vom amerikanischen Ahnenforschungsgiganten Ancestry digitalisiert.

Unter anderem finden sich hier Geburts-, Sterbe- und Heiratsurkunden, Kirchenbücher, Verlustlisten und Militärregister sowie historische Telefon- und Adressbücher. Zusätzlich ist die Recherche in Passagierlisten möglich, die über Emigration nach 1945 informieren. Diese Dokumente aus den Arolsen Archives, einem internationalen Zentrum über NS-Verfolgung im nordhessischen Bad Arolsen gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe, und waren bisher nur schwer zugänglich. Lukas Schretter vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung warnt aber vor zu großen Erwartungen: „Die Plattform ist kompliziert und schwer zu durchsuchen. Die Dokumente sind nicht aufgearbeitet.“ Und Barbara Stelzl-Marx, die Leiterin des Instituts, kritisiert: „Ahnenforschung war bisher die Aufgabe von Archivaren, die beraten haben und die Ergebnisse in den Kontext setzten.“ Auch, wie es um den Datenschutz bestellt ist, sei bei Ancestry nicht gewiss.

Wer sich wie Otto Amon weniger dafür interessiert, wie viele Vorfahren er vorweisen kann, sondern mehr über die einzelnen Schicksale der Uururur...-Großeltern herausfinden will, muss ohnedies tiefer graben. „In den grundherrschaftlichen Quellen erfährt man mehr über das tägliche Leben – Grundbücher, Gewährbücher, Gerichts- und Heiratsprotokolle“, zählt Historiker Aigner auf. „Aus bestimmten Akten wissen wir sogar, wie viele Tische und Bettdecken in einem Haushalt vorhanden waren – das sind sensationelle Quellen.“ Hier sei das Niederösterreichische Landesarchiv Vorreiter in Sachen Digitalisierung.

Nichts geht mehr!

Irgendwann kommt man aber an den Punkt, an dem nichts mehr geht, z.B. wenn man in einem Zunftbuch weitersuchen will/muss. Dann muss man von der Couch runter und aus der virtuellen Welt raus. „Das passiert jedem“, sagt Amon. Zum Beispiel dann, wenn Fleischhauer oder Bäcker unter den Vorfahren sind. „Der Pfarrer meinte da oft: ,Die kennt eh jeder.’ Und hat die Personen nicht näher spezifiziert.“ Für Amon war Ignaz Müller, ein Fleischer, „die Blockade“, sagt er. „Nur das Alter stand im Kirchenbuch. Und auch das stimmt nicht immer.“ Mit detektivischem Eifer fand Amon schließlich doch seinen Fleischhauer-Vorfahren (1773 bis 1816) im Weinviertel.

Spannend für Amon: „Dass man das Resultat von so vielen Schicksalen ist“, sagt er und erzählt von Theodor Graf von Sinzendorf, der einst von Venedig derartig fasziniert war, „dass er im 17. Jahrhundert den Burggraben von Schloss Hagenberg im tiefsten Weinviertel verbreitern ließ und einen Teich anlegte“. Aus Italien importierte er drei Gondeln und die dazu gehörigen Gondoliere. Einer davon sollte Amons Vorfahre werden – Olivio Francesco.

Geschichten wie sie nur das Leben schreibt und nur die Genealogie der Vergangenheit entreißt.

www.matricula-online.eu

www.noela.findbuch.net

www.ancestry.de

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