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Wissen Wissenschaft
11/24/2021

Erste auf Alpenrose spezialisierte Schmetterlingsart entdeckt

Relikt der Eiszeit in den Alpen: Raupen des "Alpenrosen-Minierfalter" ernähren sich von den Blättern des hochgiftigen Almrauschs.

Die Alpenrose zählt mit ihren rosa-farbigen Blüten zu den attraktivsten Gebirgspflanzen. Allerdings ist sie hochgiftig und wird von Weidetieren und Insektenlarven gemieden. Umso überraschter war der Tiroler Schmetterlingsforscher Peter Huemer, als er mit einem Schweizer Kollegen heuer eine auf den Almrausch spezialisierte Schmetterlingsart entdeckt hat. Deren Raupen leben in den Blättern der Pflanze und fressen sie, berichten die Forscher im Fachjournal Alpine Entomology.

Die Rostblättrige Alpenrose (Rhododendron ferrugineum) ist in den Alpen weit verbreitet, gilt für Schmetterlingsforscher aber "als völlig uninteressant, weil es keine Spezialisten darauf gibt", erklärte Peter Huemer, Leiter der naturwissenschaftlichen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen in Innsbruck, gegenüber der APA. Völlig perplex war der Experte daher, als er im Juli in Ardez im Unterengadin (Schweiz) für eine Pause den Rucksack abstellte und dabei in einem Almrausch-Blatt eine Raupe entdeckte.

"Es war sofort klar, dass es sich um eine außergewöhnliche Art handeln muss", so Huemer. Gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Jürg Schmid kehrte er wenige Tage später zurück, um nach Raupen und Puppen zu suchen und mehr über dieses kuriose Insekt herauszufinden. Sie konnten dabei eine stabile Population des Schmetterlings nachweisen. Doch die Art-Bestimmung stellte sie zunächst vor ein völliges Rätsel.

"Alpenrosen-Minierfalter"

Sie nannten den Schmetterling "Alpenrosen-Minierfalter", weil sich die Raupe unmittelbar nach dem Schlüpfen in das Innere eines Almrausch-Blatts bohrt, wo sie ihr gesamtes Leben bis zur Verpuppung verbringt. Bisher war kein Insekt bekannt, das sich auf die Alpenrose spezialisiert hat. Zwischen den intakten Blatthäuten ist die Raupe gut vor schlechtem Wetter und Fressfeinden geschützt und frisst das Blatt von innen heraus.

Für die Verpuppung verlässt die Raupe das befallene Blatt und legt auf dessen Unterseite ein Hängematten-ähnliches Gespinst an, wo sie sich schließlich verpuppt. Im Labor beobachteten die Forscher, dass nach etwa zehn Tagen ein rund zwölf Millimeter großer, nachtaktiver Falter mit weiß-schwarz-gescheckten Flügeln schlüpfte.

Keine neue Art

Anhand morphologischer Merkmale wie Flügelfarbe und -muster und einem Erbgut-Vergleich fanden Huemer und Schmid heraus, dass es sich um keine neue Art handelte. Vielmehr handelt es sich beim "Alpenrosen-Minierfalter" um "Lyonetia ledi", eine in Nordeuropa, Nordasien und Nordamerika weit verbreitete Art.

In Nordeuropa lebt der Falter ausschließlich auf Sumpfporst und Gagelstrauch - typische Hochmoor-Pflanzen, die in den Alpen nicht vorkommen.

Trennung der Falterpopulationen

In Österreich findet man den Falter in einem kleinen Gebiet an der Grenze zu Tschechien - also mehr als 400 Kilometer vom Engadin entfernt. Huemer vermutet daher, dass in früheren Kaltphasen - vor etwa 12.000 Jahren - der Sumpfporst und die Alpenrose einen gemeinsamen Lebensraum nördlich der Alpen hatten.

Nach Ende der letzten Kaltzeit und dem Abschmelzen der Gletscher könnten dann einige Populationen der Art ihre Wirtspräferenz vom Sumpfporst auf die Alpenrose verlagert haben. Durch die Trennung der Verbreitungsgebiete der beiden Pflanzen in folgenden Warmphasen könnte es dann auch zur Trennung der Falterpopulationen gekommen sein. Die alpine Population wäre somit ein Relikt der Eiszeit.

Auf rund 1.800 Metern Seehöhe

Bisher ist der "Alpenrosen-Minierfalter" nur im Unterengadin gesichtet worden. Dort lebt er an einem Nordhang auf rund 1.800 Metern Seehöhe, wo aufgrund der hohen Schneedecke im Winter und den weitgehend schattigen Verhältnissen im Sommer die Alpenrosen nicht blühen.

Die Wissenschafter vermuten, dass der Schmetterling auch an Orten mit ähnlichen Bedingungen in den Nordalpen, etwa im benachbarten Tirol und Vorarlberg, entdeckt werden kann, gehen aber davon aus, dass die bisher übersehene Art in den Alpen nicht weit verbreitet ist. Das besondere Mikroklima des Schweizer Standorts bedeutet aber auch "ein großes Risiko für die Population angesichts des Klimawandels", so Huemer.

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