© Wikimedia Commons/ Sigismund von Herberstein

KURIER-History
03/12/2022

Dieser Österreicher klärte die Welt als Erster über Russland auf

Vor 500 Jahren brachte Sigismund von Herberstein dem Westen die Terra incognita im Osten näher. Erinnerungen an eine österreichische Nahbeziehung zum Land der „Reissen“.

von Susanne Mauthner-Weber

Wir schreiben 1945. Die Rote Armee zieht plündernd durch die Oststeiermark. Nur Schloss Herberstein bleibt verschont. Kurios, lagern dort damals doch die wichtigsten steirischen Kulturgüter wie der Streitwagen von Strettweg oder der Steirische Herzogshut. Ein russischer Offizier habe, erzählt die Historikerin Barbara Stelzl-Marx, einen Raubzug durch das Schloss verboten, da er „den großen Herberstein“ kannte.

Der große Herberstein?

Bei uns vergessen, ist der steirische Adelige in Russland eine Berühmtheit: 30-jährig brach er vor gut 500 Jahren von Augsburg aus mit elf Gefährten Richtung Osten auf. Die Reiseroute führte Sigismund – den Spross aus dem Krainer Zweig der weitverzweigten österreichischen Familie – im Sattel, in der Kutsche und auf Schlitten über Polen, Litauen und Nowgorod-Weliki nach Moskau. In ein Land, das sich unter Großfürst Wassili III. anschickte, eine europäische Macht zu werden.

Im Auftrag von Kaiser Maximilian I. sollte Herberstein, der an der Universität Wien studiert und bereits heikle diplomatische Missionen erledigt hatte, Frieden zwischen Russen und Polen-Litauen vermitteln. Ziel: Ein Bündnis gegen die Osmanen, die 1453 das christliche Konstantinopel erobert, den Islam eingeführt, die Kirchen zerstört oder aus ihnen Moscheen gemacht hatten.

Keine Zugeständnisse

Wassili empfing Sigismund im Kreml zwar mit Pomp, machte aber keine Zugeständnisse. Herberstein kehrte heim und kam zehn Jahre später wieder. Diplomatisch brachten beide Missionen wenig, dafür schlug das Nebenprodukt der Reisen ein: Seine Schilderungen über das bis dahin in Europa weithin unbekannte Land der „Reissen“ wurden weltberühmt. Der Österreicher war einer der Ersten, der dem Westen Russland erschloss, außerdem konnte er dank Altslowenisch-Kenntnissen mit den Menschen reden. Der Weltenbummler beschrieb die Stellung der Frau, wie man heiratete, das Alltagsleben, oder dass Latein und Universitäten Russen fremd waren. Europa war begierig, aus erster Hand zu erfahren, was sich im Osten des Kontinents tat und verschlang sein Moscovia.

Für Jahrhunderte war die Moscovia das Standardwerk über Russland.

Barbara Stelzl-Marx | Historikerin

Treffend beschrieben

Trotz wenig schmeichelhafter Passagen fühlten sich auch die Russen durchaus treffend beschrieben. „Das liegt daran, dass seine Beschreibungen nicht überheblich, sondern sogar aus russischer Sicht ausgewogen sind. Außergewöhnlich, denn damals schrieb man, um die eigene kulturelle Überlegenheit zu untermauern. Das machte Herberstein nicht“, sagt die Leiterin des Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgenforschung, die im Vorjahr gemeinsam mit Stefan Karner, ebenfalls Historiker, ein Buch über den Marco Polo Russlands herausgegeben hat (Moscovia. Die Reise nach Moskau. Bedeutung und Erbe. Leykam. 30 €).

„In Österreich bewirkte das Werk Herbersteins einen eigenartigen Umbruch in den Vorstellungen der Westeuropäer über das damalige Russland“, schreiben die Historiker in ihrem Buch. „Es zeigte Europa deutlich, dass es im russischen Staat einen dynamisch erstarkenden, aussichtsreichen und würdigen Partner gefunden hatte.“

Marksteine

Wobei Herberstein aber nur ein Puzzlestein in Österreichs Naheverhältnis zum Imperium im Osten war. Auch, weil man ihn hierzulande überhaupt nicht mehr kennt, meint die Historikerin. Wichtigere Marksteine der austro-russischen Beziehungen seien daher der Staatsvertrag 1955, der nach langem Ringen auch die Zustimmung der Sowjetunion erhielt. Weiters der Wien-Gipfel 1961 mit Kennedy und Chruschtschow und der Gipfel Carter–Breschnew 1979. Da wurde Österreichs Rolle als internationaler Gastgeber – auch mithilfe der Sowjets – auf allerhöchstem Niveau begründet.

Der Feind meines Feindes ...

Die wichtigste historische Triebfeder für das heimische Naheverhältnis zu Russland war aber „die Abwehr der revolutionären Bedrohung durch Frankreich“, ergänzt Historiker Hannes Leidinger: „Ohne Russland hätten sich die Habsburger gar nicht halten können“. Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Wobei es heute wohl gut wäre, sich an Sigismunds Befund zu erinnern. Schon 1549 warnte er seine daheim gebliebenen Landsleute: Die Rus unterscheide sich von anderen Völkern durch Habitus, Religion und strengsten Gehorsam.

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