Viele denken 2020 an 1920

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Wissen Wissenschaft
12/29/2019

Was die 1920er Jahre mit den nächsten 10 Jahren zu tun haben

Warum Historiker Philipp Blom denkt, dass wir 30 Jahre "time out" bräuchten, und was das mit Klimawandel, Demokratie-Krise und Erdöl zu tun hat.

von Susanne Mauthner-Weber

„Dass die Jungen zornig auf uns sind, kann ich persönlich nachvollziehen. Die  berühmte Frage der Enkel an ihre Nazi-Großeltern wird uns auch gestellt werden: ,Warum habt ihr damals nicht mehr getan?'“. Fragt man den renommierten Historiker Philipp Blom dieser Tage nach 1920 und 2020 spricht er viel über den Klimawandel: „Das ist nun mal das bestimmende Problem unserer Zeit“, sagt er im Interview mit dem KURIER.

In seinem Buch Der taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914 beschrieb der Historiker die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als eine radikaler Veränderungen und großer Umbrüche – und wurde weltweit bekannt.

In Die zerrissenen Jahre beschäftigte er sich unter anderem mit den 1920ern, dem Zusammenbruch der alten Ordnung und dem Aufkommen moderner Strömungen.

Blom, 1970 in Hamburg geboren, studierte Geschichte in Wien und Oxford. Seit 2006  lebt er in Wien.  

KURIER: In drei Tagen beginnt das neue Jahr und allerorten hört man, von Parallelen 1920 – 2020. Wie sehen Sie das?

Philipp Blom: Ich glaube, darüber denken die meisten Menschen gerade nach. Über die Unverständlichkeit unserer Zeit, wie uns Strukturen zu entgleiten,  und um uns herum zu zerbröckeln scheinen. Aber ich wäre mit dem direkten Vergleich vorsichtig. Wobei dieselben Faktoren, die 1920 wichtig waren, auch heute wichtig sind. Es ist eine Fortführung derselben Geschichte: Unsere immer stärker technologisch bestimmte Gesellschaft – Stichwort Digitalisierung und Globalisierung –  beschleunigt sich immer weiter, und wir kommen damit eigentlich gar nicht zurecht. Es ist zu schnell für uns. Wir bräuchten jetzt mal 30 Jahre „time out“ von der Geschichte, um zu absorbieren und zu verstehen, was eigentlich los ist. 

Ist das möglicherweise eher das Problem älterer Semester? Kommen die Digital Natives besser mit dem Tempo zurecht?

Da muss man unterscheiden. Wenn man jünger ist, ist man normalerweise von Grund auf optimistischer. Wobei es im Moment auch sehr viele pessimistische junge Menschen gibt – gerade was den Klimawandel betrifft. Natürlich: Digital Natives sind mit Computern aufgewachsen, das bedeutet aber nicht, dass sie verstehen, wie die Strukturen unserer Zeit aussehen und was sich in der Zukunft als wichtig erweisen wird. 

Wir vergessen immer wieder, dass wir Primaten sind, die genauso wie alle anderen Tiere  eine gewisse Kapazität haben – kognitiv und emotional. Und wenn sie chronisch überfordert sind, dann werden Tiere ängstlich und aggressiv. Sie wissen nicht mehr, wie sie mit ihrer Umwelt interagieren sollen. Wir haben keine unendliche Kapazität, unendlich viel aufzunehmen, zu verarbeiten und zu verstehen.

Muss jeder selbst damit fertig werden oder gibt es auch einen politischen Auftrag?

Man muss es sicher versuchen, besonders mit Erziehung. Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten. Wie man Fake von Fakten unterscheidet, kann man lernen. Wenn man aber keiner Wissensautorität mehr traut, wird es sehr schwierig. Übrigens trauen Menschen Wissensautoritäten aus gutem Grund nicht. Weil Autorität sehr oft missbraucht wird.

Aber gerade Historiker wissen doch am besten, dass das immer so war.

Ja, Macht ist immer missbraucht worden, Menschen sind gierig und machtgeil, das hat sich nicht geändert. Mit der Demokratie hat sich vieles zum Positiven gewendet, weil sie Politiker dazu zwingt, zuzuhören, was der Rest der Bevölkerung will. Schließlich wollen sie ja wiedergewählt werden. Das ist wichtig und verhindert blutige Revolutionen.  Es macht aber auch Probleme, denn eine Kompromiss-Maschine wie die Demokratie, verlangsamt Entscheidungen. Daher ist es in Zeiten des Klima-Notstands sehr schwierig, entscheidende Maßnahmen zu treffen.

Das bringt mich auf ein objektiver Unterschied zu früher: In vergangene Zeitaltern  hatten die dummen, gierigen und gemeinen Menschen nicht die Möglichkeit, ihr eigenes Habitat zu zerstören. Oder eben nur im 10-Kilometer-Umkreis. Jetzt schon: Wir haben so viel technologische Reichweite, dass wir eine realistische Chance haben, unser eigene Lebensgrundlage zu zerstören.

Wie steht es 2020 um die Lagerkämpfe rechts gegen links? Erinnert auch an 1920...

... die Unterschiede zu 1920 sind viel größer als die Parallelen. 1920 gab es Demokratie in Österreich seit einem Jahr; in Deutschland seit  zwei Jahren, wenn man großzügig ist. Wenn damals in den europäischen Ländern Misstrauen gegen die Demokratie herrschte, richtete sie sich gegen ein System, das die Menschen noch nicht kannten. Sie konnten dem noch nicht trauen, weil es keine gelebte Realität war.

Das heißt, man bekommt die Demokratie heute nicht so leicht weg?

Das hoffe ich. Aber Demokratie im vollen Sinne gibt es in vielen Ländern erst seit der Nachkriegszeit. Sie ist ein junges und zerbrechliches Phänomen, das seine Entstehung auch dem Erdöl-Boom verdankt.

Wie das?

Der enorme Wachstums- und Reichtumsschub der Nachkriegszeit hat viel zu tun mit dem Anstieg an Produktivität, der  wiederum viel mit Erdöl zu tun hat –  mit Maschinen, die damit laufen, höherer Mobilität ... Demokratien kosten viel Geld – ein parlamentarisches System, Justizapparat, Polizei –  all das  kostet. Und das Geld war in der Nachkriegszeit da  – dank Erdöl. Das bringt uns in eine Zwickmühle, der wir uns bewusst werden müssen: Wenn wir etwas gegen die Klimakatastrophe tun wollen, müssen wir das System beenden, in dem Wirtschaften dazu verdammt sind zu wachsen. Denn bisher bedeutete das, dass wir von Jahr zu Jahr mehr fossile Brennstoffe gebraucht haben, um dieses Wachstum möglich zu machen. Von der Wachstumsgesellschaft wegzugehen, damit wir den Klimawandel kontrollieren können und alles gut wird, ist aber zu simpel gedacht. Da gibt es  Kollateral-Gefahren: Es wären weniger Mittel vorhanden, um etwas so kostenintensives wie eine Demokratie aufrecht zu erhalten. 

Mit dem Erdöl steht und fällt also alles?

Unsere Gesellschaften sind Junkies mit einer großen Spritze im Arm. Wir müssen die Entzugserscheinungen überstehen. 

Geht es uns zu gut?

Wir haben keinen Clash of Civilizations, sondern einen Clash of Emotions.  Und wenn wir so weit simplifizieren wollen, dass je nach Region eine Leit-Emotion übrig bleibt, dann haben wir Optimismus in Asien, weil  es da enorm aufwärts geht und Millionen Menschen aus der Armut befreit worden sind. Wir haben Demütigung in der islamischen Welt und damit auch Zorn, und wir haben Angst in der westlichen Welt. Wir leben auf einem sehr hohen Niveau, aber immer stärker prekär. In Österreich noch nicht so sehr wie in vielen anderen westlichen Ländern. In den USA landen sie, wenn sie einmal Pech haben, auf der Straße. Sie schlafen dann in ihrem Auto haben aber kein Geld mehr für Benzin. 

Wir definieren uns über das, was wir kaufen, wohin wir in Urlaub fahren, was wir tragen, welche Elektronik wir haben  – wir können uns all das nur so lange leisten, solange wir Geld, einen Job haben.  Das teilt die Gesellschaft – in diejenigen, die mitspielen können und jene, die es nicht können. Letztere haben für sich beschlossen, dass sie von dieser Demokratie nicht repräsentiert werden.  
Ich kann Rechtsaußen-Wähler verstehen – ich kann ihre Emotionen verstehen, dass sie sich allein gelassen fühlen. Es gibt Menschen, die sind eingefroren in dem, was sie tun, und haben keine Chance, sich ihre eigene Würde wieder zu erarbeiten. Das ist auch moralisch eine sehr schwierige Situation.

Historiker sind ja prädestiniert, durch den Blick in die Vergangenheit etwas über die Gegenwart aussagen zu können. Gibt  es in der Vergangenheit Lösungsansätze?

Es gibt in der Geschichte die sogenannten Rauchende-Trümmer-Theorie, die sagt, dass Menschen erst dann bereit sind, etwas anders zu machen, wenn sie vor den rauchenden Trümmern stehen. leider hat diese Idee viel für sich.  Aber ich glaube, dass wir uns das diesmal nicht leisten können. 

Derzeit herrscht bei viele die Hoffnung, dass wir das mit dem Klimawandel durch verbesserte Technologie schon irgendwie in den Griff bekommen werden...

... ein ziemlich gefährliches Spiel. Technologie wird wahrscheinlich Antworten finden, aber wird das rechtzeitig sein? Was wird das  kosten? Ja, es ist ein unbequemer Gedanke für uns Menschen: Wir stehen nicht über der Natur. Wir sind Teil von ihr, Teil eines immensen, multidimensionalen  Mobiles.  Und wenn sich ein Teil bewegt, bewegen sich ganze Konstellationen mit. Wir sind alle verbunden – mit anderen Menschen, Lebewesen. Zu glauben, dass man irgendwas tun kann, ohne unabsehbare Konsequenzen, zu denken, wir könnten so weiterleben und weiterkonsumieren und wir werden schon eine Technologie finden, die uns das ermöglicht, das scheint mir ein sehr gefährlicher Gedanke zu sein. Sie fragen mich nach 1920 und ich spreche über Klimawandel, das ist nun mal das bestimmende Problem unserer Zeit. Und es schafft  Angst und schädigt Demokratien weiter. Vielleicht ist unsere größte Hoffnung, dass das Klima in den nächsten Jahren so brutale Kapriolen schlägt, dass es der Blödste begreift. Und vielleicht könnten wir da im Vorbeigehen bessere Gesellschaften schaffen, die stärker solidarisch ist. 

1920 war durch eine überbordende Lebensfreude gekennzeichnet ...

... ja, das könnte eine interessante Parallele sein. Da gab es zwei Phasen:  Die Freude derjenigen, die überlebt haben.  Später wurde eine zynische Lebensfreude daraus. Motto: „Wer weiß, was morgen ist, jetzt haben wir es noch gut.“ Heute sehe ich das „Wer weiß, was morgen ist“ nicht so oft, sondern eher Verleugnung. Dass die Jungen zornig auf uns sind, kann ich persönlich nachvollziehen. Die  berühmte Frage der Enkel an ihre Nazi-Großeltern, die wird uns auch gestellt werden: „Warum habt ihr damals nicht mehr getan?“ 

Damit wir nicht in Katastrophenszenarien untergehen. Gibt es etwas, was ihnen Hoffnung macht?

Dass wir nicht genau wissen können, wie die Zukunft aussieht. Ich nenne ein  Beispiel: Sie sind unsterblich verliebt. Das Allerdümmste, was sie tun können, ist zu googeln, wie das weitergeht. Da lesen sie von miesem Sex, Kindern, die sie verrückt machen, Scheidungen. Sie denken: Um Gottes Wille, warum soll ich mir das antun. Doch das Seltsame ist: Nur weil sie die Entscheidung treffen – für mich wir es aber anders – schaffen sie die Möglichkeit, dass es für sie auch wirklich anders wird. Ich  glaube, diese kontrafaktische Entscheidung müssen wir treffen: Alle Statistiken zeigen uns, dass es nicht gut gehen kann, aber wir haben die Chance zu sagen: Wir können es schaffen. Uns nicht nur anzupassen, sondern eine bessere Gesellschaft zu schaffen.