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Wissen Wissenschaft
12/13/2020

Dialektforschung: Wissenschafter gehen unserer Sprache auf den Grund

Wissenschafter gehen unserer Sprache auf den Grund – und bitten nun KURIER-Leser und -Leserinnen um ihre Mitarbeit.

von Uwe Mauch

Rebecca Stocker, Germanistin an der Universität Wien, engagiert sich im Citizen Science-Projekt IamDiÖ – Erforsche Deutsch in Österreich! Dort können sich Interessierte über die deutsche Sprache in Österreich informieren. Sie können der Wissenschaft Fragen stellen und ebenso an deren Beantwortung mitwirken. Der wichtigste und eindeutig emotionalste Aspekt ist dabei der österreichische Dialekt.

KURIER: Was ist „Oida“: eine persönliche Anrede oder ein Schmähruf?

Rebecca Stocker: Je nachdem, wie man es sieht. Seine Bedeutung oder seine Wirkung entfaltet Oida erst im Gebrauch. Für Jugendliche in Wien ist es eher ein Diskurspartikel als Anredeform, also ein eher gesprächssteuerndes Element, das die Einstellung zu einem Thema ausdrückt oder die Nähe der Sprechenden. Das lässt sich auch daran erkennen, dass Oida unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers verwendet wird.

Woher kommt „Oida“?

Natürlich kommt Oida von der Anrede für ältere Respektspersonen. Noch weiter zurückblickend kommt Oida schlicht von alt, das bis ins achte Jahrhundert für ältere deutsche Sprachstufen zurückverfolgbar ist.

Warum löst „Oida“ bei uns zuverlässig Emotionen aus?

Eine der vielen spannenden Aspekte an Sprache ist, dass sie so vielseitig ist und dass sie so viele Funktionen neben der Vermittlung von Informationen erfüllt: Wenn ich in einer Besprechung mit meiner Chefin oder bei einer Polizeikontrolle Oida verwende, passt das nicht in die Gesprächssituation und löst gegebenenfalls auch emotionale Reaktionen aus.

Warum gibt es in Österreich so viele Dialekte?

In Österreich haben wir viele natürliche Sprachgrenzen, Flüsse, Berge und so weiter, die einzelne Orte voneinander abgrenzen. Ortseigene Sprachformen konnten sich dort lange erhalten, wo eine überregionale Hochsprache nicht so notwendig war. Durch die steigende Mobilität in den vergangenen hundert Jahren tauschen sich unterschiedliche Dialekte aus, übernehmen voneinander Wörter oder gleichen sich einander an. Auch die Notwendigkeit überregionaler Verständlichkeit wird höher und somit der Einsatz der Standardsprache häufiger. Dennoch konnten sich die Dialekte in Österreich durch die Nähe zur Standardsprache und dank ihres hohen Prestiges gut erhalten. Sie gehören schlichtweg zum Alltag vieler Menschen.

Darf eine Tageszeitung mit Bildungsauftrag Dialektwörter verwenden?

Sagen doch Sie es uns! Die Sprache ist dynamisch, es sind die Sprecher, nicht die Wissenschafter, die darüber entscheiden, was als inakzeptabel oder sprachlich richtig angesehen wird. Aber wenn Sie unsere Meinung wissen wollen: Natürlich darf sie! Das passiert ja auch regelmäßig in Österreichs überregionalen Tageszeitungen. Das ist in Deutschland übrigens ein wenig anders.

Was muss man eigentlich beim Verschriftlichen des Dialekts beachten, um ihn auch lesbar zu machen?

Eine Frage, die wir in unserem Projekt auch untersuchen: Dialekte sind im Gegensatz zur Standardsprache nicht normiert, haben somit keine Rechtschreibung. Dennoch gibt es gewisse Konventionen, die abgeleitet werden vom Klang der Standardzeichen und von der Ähnlichkeit zum Dialekt. Da aber auch jede Person den Dialekt ein wenig anders ausspricht, wird die Verschriftlichung dadurch sehr individuell. Bestes Beispiel dafür ist das Wort aber: Da gibt’s oba, ober sowie owa.

Es wird bedauert, dass der Dialekt ausstirbt. Stirbt er denn tatsächlich aus?

Es ist immer wieder spannend, dass Menschen das so empfinden. Denn so wie alle lebendigen Dinge verändert sich der Dialekt ständig mit der Gesellschaft, die ihn verwendet. Viele verbinden mit Dialekt aber die Sprache, die ihre Großeltern verwenden. Wenn sich diese verändert, wird das als Verlust empfunden. Was dabei gerne vergessen wird: Auch die Sprache der Großeltern unterscheidet sich von jener deren Großeltern. Erst wenn sich ein Dialekt nicht mehr verändert, wenn er konserviert wird, kann man von Dialektsterben sprechen. Vor hundert Jahren hat zum Beispiel niemand das Wort Computer gebraucht, wie soll es dann dafür ein hundert Jahre altes Dialektwort geben?

Auch der Dialekt lebt.

Er ist so lebendig wie die Personen, die ihn sprechen – und da gibt es in Österreich doch sehr viele.

Zu wem beziehungsweise in welchen Situationen sagen Sie „Oida“?

Ich sage oft Oida, wenn mich etwas aufregt oder frustriert, allerdings nie als persönliche Anrede Oida/Oide. Vor allem mein Freundeskreis hört mich oft Oida, des kanns jetz aba ned sein! oder einfach ein lang gezogenes oidaaaa jammern.

Das Projekt

Das Citizen Science-Projekt „IamDiÖ – Erforsche Deutsch in Österreich!“ lädt zur Mitarbeit ein. Man kann Fragen stellen und an deren Beantwortung mitarbeiten. Infos: iam.dioe.at.

Der Aufruf

Die Sprachforscher  laden KURIER-Leser und Leserinnen ein, Fragen zum österreichischen Deutsch zu mailen:  ideen@dioe.at.
Einige  werden auf kurier.at veröffentlicht. Andere in den Fragenkatalog für die Frage des Monats aufgenommen.

 

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