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Wissen Wissenschaft
06/30/2021

Der Mann, der die Wiege des Neandertalers in die Levante verlegte

Der Virtuelle Anthropologe Gerhard Weber hat es mit einem spektakulären Neandertaler-Fund auf das Cover von „Science“ geschafft.

von Susanne Mauthner-Weber

Februar im Jahr 2000: Mit Notebook und Packerlsuppen, Küchen- und Klozelt, Hightech- und Camping-Ausrüstung sind Anthropologen aus Österreich in die äthiopische Awash-Wüste östlich der Hauptstadt Addis Abeba ausgerückt. In jenes Gebiet, in dem 1974 der berühmteste Vorfahre des Menschen, Lucy, entdeckt wurde: Das sogenannte Afar-Dreieck zählt zu den Hotspots der Anthropologen. Dementsprechend begehrt sind die Grabungslizenzen. Damals war es also eine Sensation, dass das kleine Österreich eine ergatterte. Die Expedition: Ein Traum für jeden Forschenden, so auch für den jungen Anthropologen Gerhard Weber.

Ausgedient

Schon damals war er derjenige, der mit einem dicken Computer anrückte und abends alle Daten und Funde eingab. Längst hatte er erkannt, dass mit Computern auch in seinem Fach ein ganz neues Herangehen möglich wird. „Lustige Instrumente wie Tasterzirkel“, sagt Weber heute, Knochenkleber und Plastilin würden bald ausgedient haben und durch Scans ersetzt werden. Er setzte auf Virtuelle Anthropologie, als es sie noch gar nicht wirklich gab.

Der junge Wissenschafter organisierte sich also den leistungsfähigsten Computer, der damals – „so um 1995 herum“ – aufzutreiben war. „Ich hatte denselben wie die Jungs in Hollywood, um ‚Jurassic Park’ zu rechnen“, erzählt er und lacht. Passt irgendwie: Fossile Knochen vermessen, zusammensetzen, zurechtbiegen und ergänzen, frühe Menschenarten rekonstruieren – in 3D, das war seins.

Wie das Endergebnis 20 Jahre später ausschauen kann, ist seit wenigen Tagen am Cover des renommierten Wissenschaftsmagazins Science zu sehen – der Schädel des Nesher Ramla-Menschen aus Israel, der den Stammbaum des Menschen durcheinanderwürfelt und die Entstehung des Neandertalers weit in den Südosten rückt.

Heute sagt Weber über die Entdeckung seines Teams: „Es gab in Israel eine Gruppe von Menschen, die neandertalerartig waren, aber noch keine wirklichen Neandertaler. Es ist wahrscheinlich, dass die etwas mit der gesamten Neandertaler-Evolution zu tun haben.“

Am Zahn sollst du sie erkennen

Dass Weber das behaupten kann, hat viel mit einer Messmethode zu tun, die er in den 2000er-Jahren erfunden hat: „Damit bekommen wir viel subtilere Gestaltunterschiede. Auch bei Zähnen. Da sieht man Höcker und Vertiefungen, die Muster ergeben.“ Weber kann so an jahrhundertealten Zähnen erkennen, wer Neandertaler, wer Moderner Mensch und wer Homo erectus ist.

Bald war er mit den neuen Methoden führend. „Da haben wir sicher Meilensteine gesetzt“. Und: Weltweit Pionier? „Ja, das kann man sagen, ohne eitel zu sein“, sagt er und verweist im selben Atemzug auf sein Team, schließlich sei er weder Mathematiker noch Programmierer, aber Ideenbringer.

Netzwerk

Bald initiierte Weber ein europäisches Netzwerk. „Wir haben die Methoden über den Kontinent verteilt und dann auch in der ganzen Welt. Seitdem gibt es eine junge Generation von Forschern, die wir ausgebildet haben und die sich alle damit auskennen.“ Parallel dazu haben Gen-Analysen, erfunden vom Pionier für alte DNA, Svante Pääbo, das Fach weiter revolutioniert.

Was man aber nicht vergessen darf – in ganz vielen Fällen ist aufgrund klimatischer Verhältnisse keine DNA mehr erhalten.

Gerhard Weber | Anthropologe

So auch beim aktuellen Fund in Israel. Darum seien die Morphologie (Form der Lebewesen) sowie die in Wien entwickelten Methoden so wichtig.

Mehr zum Fund des frühen Nandertalers und eines weiteren Vorfahren aus China

Das Beste am „Drachenmenschen“ ist die Geschichte über die Fundumstände: 85 Jahre lang versteckte ein chinesischer Arbeiter einen Schädel in einem Brunnen. Er sorgte sich, dass er den Japanern in die Hände fallen könnte, die China  besetzt hatten. Erst kurz vor seinem Tod rückte er ihn heraus.  2018 ging der Schädel an die Wissenschaft.

Heute weiß man, dass er mindestens 146.000 Jahre alt ist und ein kurzes, flaches Gesicht, ein Gehirn so groß wie das des modernen Menschen,  dazu dicke Augenbrauenwülste und große Zähne, die an einen  Neandertaler erinnern, hatte. Bald verkündete man, man habe eine neue Menschenart – „Homo longi“ („Drachenmensch“) – entdeckt.

Und erntete viel Kritik. „Als ich das Bild des Fossils zum ersten Mal sah, dachte ich, jetzt wissen wir endlich, wie Denisovaner aussahen“, sagt etwa Philipp Gunz, heute renommierter Paläoanthropologe in Leipzig und früher Schüler von Gerhard Weber. Denisova-Menschen sind eine Schwestergruppe der Neandertaler, Knochen  wurden  im  Altaigebirge und in Tibet gefunden.

Dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind, zeigt auch der Umstand, dass sie in der  unbekannten chinesischen Fachzeitschrift The Innovation publiziert wurden, nachdem Prüfer eines renommierten Journals umfangreiche Revidierungen eingefordert hatten.

Die Studie des Teams von Gerhard Weber wurde von Science dagegen angenommen und bereichert unseren Stammbaum  um  einen neuen Typus von Frühmenschen, der vor 140.000 bis 120.000 Jahren in der Levante gelebt hat. „Man muss die Geschichte neu denken. Der Neandertaler ist keine europäische Erfindung, wie man bisher immer geglaubt hat“, sagt Weber und bisher hat ihm keiner widersprochen.

Mittlerweile ist Gerhard Weber Leiter des Departments für Anthropologie an der Uni Wien und internationale Forscher wollen bei ihm mitarbeiten – etwa ein renommierter Anthropologe aus Oxford. Weber wundert sich ein bisserl: „Was willst’ mehr erreichen als Professor in Oxford sein? Da kann man eigentlich nur noch nach Harvard wechseln.“ Oder eben nach Wien, wo er auf einen Kollegen aus Cambridge trifft, der auch schon bald an der Donau nach den Wurzeln der Menschheit sucht.

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