Auf der Turmloggia des  Wiener Rathauses wurde vor der Abstimmung zum  „Anschluss“ ein provisorischer Balkon errichtet. Dort nahm  Hitler unter Wagner-Klängen die Ovationen der Massen entgegen

© Institut für Zeitgeschichte/picturedesk

Zeitreise
10/04/2020

Der „Anschluss“: 1938 aus einem anderen Blickwinkel

23 Historiker wollten wissen, was in der weiten Welt passierte, während Österreich um seine Unabhängigkeit rang.

von Susanne Mauthner-Weber

Da war selbst Stefan Karner überrascht: Ja, Mexiko war das einzige Land der Welt, das 1938 gegen den „Anschluss“ protestierte. Schriftlich und beim Völkerbund. So viel ist bekannt. Dahinter standen aber neben moralischen Überlegungen auch handfeste mexikanische Interessen: Über Mittelsmänner erstanden die Mexikaner bei der Hirtenberger Patronenfabrik in Niederösterreich heimlich gewaltige Mengen Munition. Man verfolgte den spanischen Bürgerkrieg mit Sorge und fürchtete Folgen für die mexikanische Unabhängigkeit. „Wenn Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen würde, wäre es natürlich vorbei mit den Waffenlieferungen“, erzählt Karner, renommierter Historiker und lange Jahre Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung. Und ergänzt: „Also mir war das völlig neu“.

In den Quellen Neues gefunden

Nachzulesen ist diese Anekdote im neuen Buch „1938, der ‚Anschluss‘ im internationalen Kontext“, das Karner jetzt gemeinsam mit Peter Ruggenthaler herausgegeben hat. Das Besondere daran: „23 Autoren – internationale und heimische Forscher – sind zu den Quellen vorgedrungen. Haben Archive von Rom über Warschau bis Moskau und von Washington über London bis Budapest durchforstet.“ So ist viel Neues zutage getreten. „In Österreich sind wir gewohnt, uns den ,Anschluss’ in der Innensicht anzusehen. Dazu gibt es viel Literatur“, sagt Karner. Doch diese Untersuchung ist anders. „Sie zeigt das Verschwinden eines Staates von der politischen Landkarte. Vor allem aber zeigen sich die Entscheidungsmechanismen in den einzelnen Staaten, die zu den bekannten halbherzigen Reaktionen geführt haben.“

Das Bild hat sich ins kollektive Gedächtnis des Landes eingebrannt: Auf dem Wiener Heldenplatz verkündete Adolf Hitler vor einem Menschenmeer den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und ließ diesen durch eine Volksabstimmung am 10. April 1938 bestätigen. Am Tag davor sprach er auch am Balkon des Wiener Rathauses (Bild oben).

In der Nacht des 12. März 1938 waren  deutsche Truppen in Österreich einmarschiert. In Graz war bereits am 24. Februar die Hakenkreuzfahne am Rathaus gehisst worden, die steirische Hauptstadt galt fortan als „Stadt der Erhebung“.

Zum Jahrestag 2018 hat das Ludwig  Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung eine Konferenz organisiert, die sich mit Vorgeschichte und Reaktionen auf das Verschwinden Österreichs in den anderen Ländern beschäftigen sollte. Dafür wurden neue Quellen erschlossen. Daraus ist jetzt ein Buch entstanden, in dem Karner resümiert: „Österreich wurde 1938 alleine gelassen. Keine Großmacht wäre für Österreich in den Krieg gezogen. Doch auch Österreich selbst gab keinen Anlass, dass andere Staaten zu Hilfe gekommen wären. Denn Österreich hatte auf sein Recht auf Selbstverteidigung verzichtet.“ 

Hannes Leidinger gehört zu jenen Historikern, die die Quellen neu aufgearbeitet haben und erzählt, wann er seinen Heureka-Moment hatte: „Ich saß im Außenpolitischen Archiv in Paris und plötzlich ging mir ein Licht auf – die Politik wurde nicht über ideologische Gegensätze ausgetragen, sondern über die Frage des Bankenstandorts Österreich.“ Wien hatte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zu den wichtigsten Finanzzentren weltweit gehört.

Will man Österreich?

Noch zur Zeit des „Anschlusses“ stuften Konjunkturforscher den Finanzmarkt für den Balkanraum als besonders wichtig ein. Gleichzeitig setzte in der Zwischenkriegszeit unter den Großmächten ein Wettlauf um die lukrativen Ostgeschäfte ein. Das französische Außenamt warf etwa den Sowjets die Unterwanderung des Bankensektors vor. Leidinger: „In Wahrheit wollten die Franzosen die großen sieben Banken einkaufen, die aus der Monarchie noch übrig geblieben waren. Und da stellte sich die Frage, ob man Österreich überhaupt noch wollte.“ Das sei, so der Historiker, ein interessanter wirtschaftlicher Aspekt, der zuvor nie gesehen wurde.

Für die Sowjetunion kam der „Anschluss“ Österreichs alles andere als überraschend, die pessimistische Sicht auf die Unabhängigkeit zieht sich ab 1933 durch die Berichte der Sowjetgesandtschaft in Wien.

Die Frage war in Moskau nicht, ob es einen "Anschluss" geben würde, sondern nur wann.

Stefan Karner | Historiker

Außenkommissar Maksim Litvinov konstatierte am 14. März 1938 hellsichtig: „Die Eroberung Österreichs stellt das größte Ereignis nach dem Weltkrieg dar, voll von größten Gefahren auch nicht zuletzt für unsere Union.“ Man sorgte sich weniger um das Völkerrecht und Österreich als vielmehr um die Sicherheit des Bündnispartners Tschechoslowakei.

Bestens informiert

Der Aufruf Litvinovs, den „Anschluss“ in einer Konferenz mit Großbritannien und Frankreich zu besprechen, blieb ungehört. Und war wohl auch eher Propaganda. „Die Sowjetunion war bestens informiert, dass die beiden nur formal protestieren würden“, weiß Historiker Karner. Und so protestierte auch die UdSSR weder schriftlich noch mündlich bei der deutschen Regierung.

Für London spielte Österreich ohnedies nur eine untergeordnete Rolle, und Frankreich wurde im März 1938 nicht tätig, weil Großbritannien und Italien nicht reagieren wollten. Karner: „Man bezog sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker.“ Und akzeptierte.

Und Amerika?

Die USA waren mit sich selbst beschäftigt. Wobei man in Übersee genau wusste, was los war. Bereits 1935 meldete der US-Gesandte George S. Messersmith nach Washington: „Die Frage der Unabhängigkeit Österreichs ist zum wichtigsten Faktor in der Erhaltung des Friedens in Europa geworden“. Doch die Vereinigten Staaten vermieden längst jede Provokation Hitlers und rührten keinen Finger, um der österreichischen Regierung zu Hilfe zu kommen.

Zwar empörte sich die amerikanische Öffentlichkeit über die Behandlung der Wiener Juden, lehnte aber gleichzeitig die Erhöhung der Einwandererquote ab. „23.000 und nicht mehr wurden aufgenommen. Begründet wurde das mit der Arbeitslosigkeit im eigenen Land“, sagt Karner.

Und so erfährt man, dass nur ein einziges Land in der Folge bereit war, Juden aus Österreich aufzunehmen: Lettland sicherte 400 das Überleben.

Mitteleuropapolitik

„Wir müssen Österreich anders denken, nicht als Österreich, sondern als Mitteleuropa“, resümiert Historiker Leidinger. „Klein, destabilisiert, offen in unterschiedliche Richtungen, zeigten sich hier verschiedene Konfliktlinien, sehr diverse Mitteleuropa-Konzepte werden sichtbar.“

Hatte Österreich eine Alternative?

„Diese Chancen waren ab Mitte der 1930er-Jahre verloren gegangen“, ist Leidinger sicher. „Spätestens da war Österreich weitestgehend isoliert, die Versuche mit den Nachbarländern zu kooperieren, ein Netzwerk der Kleinen zu nutzen, scheiterten.“ Mexiko sprach vom Mord an Österreich. „Dieser Mord wurde international bestenfalls zu einem Unfall heruntergespielt“, sagt Karner.

P.S. Noch Anfang Februar 1938 antwortete der US-Gesandte Wiley einem Kollegen auf die Frage nach der Stärke der Nationalsozialisten in Österreich: „Wahrscheinlich sind es nicht mehr als 10 Prozent Hundertprozentige, 40 Prozent sind Hasenfuß-und-Mitläufer-Nazis (milk toast Nazis) und der Rest sind Opportunisten.“

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