© Cosmic crisp

Wissen Wissenschaft
01/28/2020

Der Hype um den Super-Apfel aus den USA

US-Forscher tüftelten Jahrzehnte an einem Apfel, der ein Jahr haltbar ist. Ein Obstbau-Experte verrät, ob die Superfrucht hält, was die Werbung verspricht.

von Susanne Mauthner-Weber

Bruce Barritt sah das Dilemma schon vor mehr als 30 Jahren kommen. Die Apfelbauern im US-Bundesstaat Washington waren auf eine einzige Sorte fixiert – den Red Delicious. Er brachte es auf 70 Prozent der Apfelproduktion. „Dieser Goldesel wird nicht ewig funktionieren“, dachte Apfelzüchter Barritt. Auch weil Kritiker über den Red Delicious sagen, dass er zwar rot sei, aber wie Pappe schmecke. Also begab sich die Washington State University 1994 unter Barritts Leitung auf die Suche nach einem besseren Apfel: Jahrelang produzierte man Tausende von Hybridsamen und beprobte die daraus resultierenden Äpfel.

Heraus kam WA38, der unter dem Namen Cosmic Crisp mit unvorstellbarem Marketinggetöse im Dezember in den USA auf den Markt kam. Das Geld war gut investiert: Der Apfel löste einen Hype aus. Die Nachfrage nach Pflanzen war derart groß, dass unter den Interessenten eine Art Lotterie veranstaltet wurde. Bisher sollen zwölf Millionen Bäume ausgepflanzt worden sein. Die erste Ernte, die seit Dezember in den Vereinigten Staaten ausgeliefert wird, besteht aus bescheidenen 450.000 Kisten zu je 18,5 Kilogramm Äpfeln – doch die Zahl soll sich bis 2026 vervierzigfachen.

Haltbarkeit gesucht

„Das besondere an dem Apfel ist nicht nur sein Geschmack, sondern, dass er ein Jahr lang haltbar ist. Das war auch das eigentliche Forschungsziel des Wissenschaftsteams“, sagt Ines Hanrahan, die den Cosmic Crisp mitentwickelt hat. Zwar laufe der Alterungsprozess bei Cosmic Crisp normal ab, aber eben stark verlangsamt. „Das Alterungshormon Ethylen wird nur vermindert produziert, wodurch er länger haltbar ist“, sagt die Agrartechnikerin. „Der hohe Zucker- und Säuregehalt des Apfels unterstützt diese Eigenschaft.“

Nachdem wir dem Marketing-Ansagen der Firma nicht blind vertrauen, hat der KURIER mit einem der wenigen Menschen in Europa gesprochen, der Cosmic Crisp bereits kennt: Walter Guerra ist Leiter des Instituts für Obst- und Weinbau am Versuchszentrum Laimburg in Südtirol.

Dazu muss man wissen, dass der Cosmic Crip außerhalb der USA nicht angepflanzt werden darf. Der Sortenschutz gilt bis 2027. „Die Apfelbauern aus Südtirol haben aber eine Sublizenz für den Anbau erhalten und dürfen ihn in Europa verkaufen“, sagt Guerra. Die ältesten Testbäume sind 2017 gepflanzt worden, die ersten kommerziellen Anlagen wurden 2019 gestartet.Guerra hatte bereits 2010 die Gelegenheit, W38 zu kosten, wie er im Interview mit dem KURIER erzählt: „Wir haben am Versuchszentrum Laimburg 400 verschiedene Apfelsorten überprüft, und Cosmic Crisp ist sicherlich in den Top 20 der Favoriten.“

Einer von vielen

W38 sei aber nur eine von vielen Kreuzungen. Weltweit gibt es etwa 100 Apfelzüchter, die laufend Neues versuchen. „Übrigens kann jeder ein Züchter sein, indem er einen Apfel kauft und die Samen aussät. Jeder Samen, den ich aussäe, bringt mir eine neue Sorte.“ Guerra weiht in die Kunst des Züchtens ein: „Versuchen Sie es etwa mit einem Gala-Apfel, dann erhalten Sie eine Sorte, deren Mutter Gala ist. Der Vater ist unbekannt, weil in der Bestäubung die Biene den Pollen gebracht hat, wir aber nicht wissen, welcher Pollen das war.“ Der Züchter hingegen mache das gezielt. „Er bestäubte im Falle von W38 den Apfelbaum der Sorte Honeycrisp als Muttersorte mit Pollen von Enterprise. Eine gezielte Bestäubung also.“ Denn: „Honeycrisp hat die gewünschte Textur – superknackig sowie saftig – und Enterprise die Lagerfähigkeit.“

Der neue Apfel sei nicht weniger „natürlich“ als ein Cox-Orange-Renette, gezüchtet im Großbritannien der 1830er Jahre, keine Gentechnik, schlicht nichts anderes als eine Kreuzung zwischen zwei Sorten.

  • 2.000 Apfelsorten  gibt es in Österreich. Aber nur  gut zehn haben am heimischen und internationalen Markt Bedeutung. „Marktführer“ ist der Golden Delicious, der in den USA entdeckt wurde. Die Hälfte der Top-10-Sorten im heimischen Anbau stammt von ihm ab. Gründe für die Konzentration sind Geschmacksgewohnheiten von Konsumenten, die besondere Eignung der häufigsten Sorten für den Erwerbsanbau und begrenzter Platz in den Supermarktregalen.
  • 79 Prozent der heimischen Äpfel kommen aus der Steiermark.
  • Der Jahres-Kopf-Verbrauch bei Äpfeln liegt laut Statistik Austria bei etwa 17 Kilogramm
  • Äpfel werden braun, weil beim Anschneiden Zellen beschädigt werden und ein klebriger Saft austritt. Er wirkt wie ein flüssiges Pflaster und schützt den Apfel vor Bakterien, Schimmel und Pilzen. Die dabei freigesetzten Enzyme und Phenole reagieren miteinander und mit dem Sauerstoff aus der Luft. Dadurch oxidiert die Schnittfläche und wird braun. Mit Vitamin C aus frischem Zitronensaft kann man diesen Prozess bremsen – der Anschnitt verfärbt sich nicht.
  • Äpfel lagert man am besten im Gemüsefach bei 3 bis 5 Grad oder an einem kühlen, dunklen Ort, z. B. im Keller. Bei  längerer Lagerung sollten sich die Früchte nicht berühren und am besten auf Zeitungspapier ausgebreitet werden. Einmal pro Woche die Äpfel auf faule Stellen hin kontrollieren.

„Züchten ist ein Marathon, um Erfolg zu haben, braucht es Erfahrung bei der Selektion und eine Prise Glück“, erklärt der Obstbau-Forscher. Viele tausende Bäume würden angepflanzt. „Erst nach sechs Jahren weiß man, ob ein Baum dabei ist, der das Obst trägt, das den Vorstellungen nahe kommt.“

22 Jahre Züchtungs- und Forschungsarbeit, die Lizenzierung und die Marketingmaschinerie hinter Cosmic Crisp – das kostet: Der neue Superapfel soll dreimal teurer als herkömmliche Sorten sein.

Und was die viel gepriesenen Lagerfähigkeit von einem Jahr betrifft: „Ja, das stimmt“, sagt Guerra. „Aber das ist nicht unbedingt die große Neuheit. Wir haben andere Apfelsorten, die man genauso zwölf Monate lang lagern kann. Den guten alten Golden Delicious etwa. Ist die Lagertechnik in Ordnung, hält er sogar noch länger.“

Und überhaupt: „Ich glaube nicht, dass Cosmic Crisp der einzige Erfolgsträger sein kann. Es gibt viele verschiedene Konsumenten und Vorlieben. Für Asien suchen wir einen supersüßen Apfel, für Skandinavien eher säuerliche. Deshalb glaube ich an die Vielfalt der Apfelsorten.“