Die Pilgerväter, -mütter und -kinder erreichen im Herbst 1620 Neuengland

© Getty Images/ZU_09/iStockphoto

Zeitreise
09/19/2020

Was "Heilige" mit dem Gründungsmythos der USA zu tun haben

Auf der Flucht vor der anglikanischen Kirche brachen englische Puritaner vor 400 Jahren auf der Mayflower nach Amerika auf.

von Susanne Mauthner-Weber

Michell Ash nennt es eine Meistererzählung. Die Zutaten: Religionskriege in England, „Heilige“ auf der Suche nach einem Paradies, freundliche Indianer, die ihnen das Leben retten. Und all das mündete im „Mayflower Compact“, in dem es „um die Idee geht, dass ein Volk sich selbst regiert und nicht von anderen Autoritäten beherrscht wird“, erzählt der Historiker von der Universität Wien.

Vor genau 400 Jahren war eine Gruppe von Glaubensflüchtlingen aus Europa  aufgebrochen, um die Kirche ihrer englischen Heimat endgültig abzuschütteln. Sie lebt bis heute im Gründungsmythos der modernen USA weiter, wonach die rechtschaffenen Puritaner von Plymouth den Grundstein für eine Nation von unerschrockenen, freiheitsliebenden und gottesfürchtigen Menschen legten.

Alles begann im Dörfchen Scrooby in der Grafschaft Nottinghamshire. Die dortigen Puritaner hatten mit der anglikanischen Kirche gebrochen. Anders als andere Sekten – Ash: „Damals gab es viele.“ – wollten sie die Staatskirche nicht von allen Elementen des verhassten katholischen Papismus reinigen, sondern schlicht abschaffen. Das bekam ihnen nicht gut –  Anfang des 17. Jahrhunderts mussten sie in das calvinistische Holland fliehen.

Doch auch dort sahen sie keine Zukunft. Von der Plymouth Company, die im Auftrag der englischen Krone die neuen Übersee-Gebiete verwaltete, erwarben sie Siedlungsrechte in Neuengland, das Geld für die Überfahrt liehen sie von einer Londoner Kaufmannsvereinigung. Mit gewaltigen Schulden machten sie sich auf die Reise.

Saints & Stranger

102 Passagiere plus Besatzung – nur die Hälfte gehörte der religiösen Minderheit an, die  sich selbst Saints“, „Heilige“, nannte. Die anderen: „Strangers“, „Fremde“, waren Angehörige der anglikanischen Kirche. 

Auf dem Atlantik geriet die Mayflower immer wieder in Stürme, der Kapitän muss mehrfach die Route ändern. Und statt südlich des Hudson-Rivers, wo die Auswanderer ihr Stück Land erworben hatten, landete das Schiff   am Cape Cod. Das brachte die „Strangers“ auf die Palme. Sie fürchten, unter die Fuchtel der Heiligen zu geraten. Also setzte die Schicksalsgemeinschaft wieder Willen gemeinsam einen Vertrag auf: den „Mayflower Compact“. Er soll allen – wohlgemerkt Männern – in der neuen Kolonie gleiche Rechte garantieren: „Wir haben beschlossen, die erste Kolonie zu gründen, und schließen feierlich und gegenseitig in Anwesenheit Gottes und eines jeden anderen einen Vertrag und vereinen uns alle zu einer zivilen, politischen Körperschaft, um uns besser zu organisieren und weiterem Bevorstehenden zu trotzen.“

Alle Macht dem Volk

Hier, so wird vertraglich festgelegt, zählt nur das Recht der Mehrheit und alle Mitglieder leben nach denselben Gesetzen. Das sei nichts anderes als,  „dass eine Gruppe von Menschen beschließt, sich selbst zu regieren“, kommentiert Ash.

Es ist der Beginn der Idee, dass die Macht vom Volk ausgeht.

Mitchell Ash | Historiker

Wobei die Puritaner nicht im Sinn hatten, eine Demokratie einzuführen. „Die war damals eher negativ besetzt im Sinne von  ‚Herrschaft des Mobs‘. Was sie eigentlich wollten, war eine Kolonie mit eigenen religiösen Prinzipien zu gründen“, sagt der Historiker, der aus New York stammt und in Harvard Geschichte studiert hat. „Ich nenne das eine Theokratie. Eine Art Paradies auf Erden. “ 

Im „Mayflower Compact“ stecke aber auch  ein ständiges Dilemma für Amerika, das derzeit wieder akut geworden sei. Ash: „Da ist einerseits die  strenge Religiosität und andererseits die säkulare Rechtsordnung sowie Individualität.“

Erster Landgang

Nachdem alle 41 Männer an Bord  den Vertrag noch in der Kajüte unterzeichnet hatten, verließen  die Passagiere gemeinsam das Schiff – der erste Landgang nach gut zwei Monaten. „Sie fielen auf die Knie und segneten Gott im Himmel, der sie über den riesigen und wütenden Ozean hierher geführt“, schreibt einer der Pilger später. Am 20. Dezember 1620 hatte man einen Platz gefunden, wo  man sich niederlassen wollte. Einen 50 Meter hohen Hügel direkt am Ufer – Plymouth Plantation.

Schnell schlossen die Zuwanderer Freundschaft mit dem Indianerstamm der Wampanoag, ohne deren Hilfe die Pilgerväter, wie sie später genannt wurden, das erste Jahr nicht überlebt hätten. „Sie hatten keine Ahnung, wie sie mit dem kargen Boden umgehen sollten, wussten mit dem heimischen Pflanzen nichts anzufangen“, erzählt Ash. Erst die Indianern brachten ihnen alles bei und sorgten für eine gute Ernte. Gemeinsam  feiern sie im Frühherbst 1621 ihr erstes Erntedankfest. 

„Später konstruierte man daraus eine identitätsstiftende Erzählung, die aber erst im 20. Jahrhundert zur Meistererzählung wurde, als man sie an den Schulen zur Wurzel der Thanksgiving-Feier, dem wichtigsten Familienfest in den Vereinigten Staaten, stilisierte.“

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