WU-Studie enthüllt: Wer bestimmt, was wir hören?
Zusammenfassung
- Eine WU-Studie zu Skandalen um R. Kelly, Rammstein, P. Diddy und Co. zeigt, dass öffentliche Empörung und Boykottaufrufe die Streamingnachfrage meist nicht nachhaltig senken.
- Ausgewertet wurden Streamingdaten von Spotify, Apple Music und Amazon Music sowie mehr als elf Millionen Twitter-Beiträge, wobei mediale Aufmerksamkeit teils sogar kurzfristige Zuwächse bei den Streams auslöste.
- Eine klare Ausnahme war R. Kelly: Erst die Entfernung seiner Songs aus redaktionellen Spotify-Playlists ließ die Streamingzahlen deutlich einbrechen und verdeutlichte die Macht der Plattformen.
Der frühere R&B-Star R. Kelly ist wegen schwerer Sexualstraftaten zu 31 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sorgen seine Taten in der Öffentlichkeit für Empörung? Ja. Hat er in den Augen seiner Fans ein Verbrechen begangen? Ja. Aber wurden dadurch seine Lieder weniger oder gar öfters auf Musik-Plattformen gestreamt? Dieser Frage hat sich eine
Studie mit Beteiligung der WU Wien gewidmet. Die Studienautoren Daniel Winkler, Nils Wlömert und Jura Liaukonytė analysierten mehrere prominente Musikskandale und deren Auswirkungen auf das Hörverhalten.
Streamingnachfrage
Die Forschenden analysierten die Skandalfälle rund um R. Kelly, Morgan Wallen, Rammstein und Sean „Diddy“ Combs. Dabei wurden Streamingdaten auf großen Musikplattformen wie Spotify, Apple Music und Amazon Music sowie mehr als elf Millionen Twitter-Beiträge ausgewertet. Denn Skandale in der Musikindustrie führen in sozialen Medien oft zu Boykottaufrufen. Das Ergebnis: Trotz massiver öffentlicher Kritik, millionenfacher Social-Media-Beiträge und Boykottaufrufe ließ sich kein nachhaltiger Rückgang der Streamingnachfrage feststellen. Außerdem: Bei den meisten Skandalen gab es keinerlei redaktionelle Eingriffe seitens der Streamingplattformen. „In den von uns analysierten Fällen sehen wir keine Hinweise darauf, dass öffentliche Empörung allein die Streamingnachfrage nachhaltig senkt“, sagt Prof. Nils Wlömert vom Institut für Retailing & Data Science an der WU Wien. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass viele Fans Künstler und Werk zumindest im Streamingkontext voneinander trennen.“ Boykotts lösen oft auch Buykotts aus. Wlömert: „Bei Rammstein ergriffen viele Fans Partei für die Band – ihre Alben kamen durch die Skandal-Aufmerksamkeit wieder in die Charts.“ Eine klare Ausnahme bildet der Fall R. Kelly. Spotify führte 2018 die Richtlinie „Hate Content and Hateful Conduct Public Policy“ ein und entfernte auf dieser Grundlage Songs des Musikers aus redaktionellen Playlists und Empfehlungen. Die Songs blieben jedoch weiterhin über Suche, On-Demand-Nutzung und Dritt-Playlists verfügbar. In der Folge brachen Kellys Streamingzahlen deutlich ein. Titel, die nicht aus Playlists entfernt wurden, verzeichneten hingegen keinen vergleichbaren Rückgang. Spotify zog die Richtlinie allerdings kurz danach wieder zurück, ohne R. Kellys Musik erneut in die Playlists aufzunehmen. Dies ermöglichte es den Forschenden, den Effekt von Plattform Sanktionen im Vergleich zu reinen Boykottaufrufen zu analysieren. „Redaktionelle Entscheidungen der Streamingplattformen bestimmen, was gehört wird. Unsere Ergebnisse zeigen die wachsende Macht von Streamingplattformen“, so Wlömert.
Zuwächse
In mehreren Fällen ging die intensive mediale Berichterstattung sogar mit kurzfristigen Zuwächsen bei den Streams einher. Nils Wlömert: „Entscheidend ist daher nicht allein die öffentliche Kritik, sondern ob Streamingplattformen die Sichtbarkeit der Künstler*innen aktiv einschränken. Konsumen*tinnen haben dabei bereits heute die Möglichkeit, unerwünschte Inhalte selbst auszublenden – die Entscheidung, was sie hören wollen, bleibt also bei ihnen.“
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