Wenn Likes wichtiger als Diagnosen werden
Wer auf TikTok oder Instagram unterwegs ist, begegnet unweigerlich Menschen, die offen über Depressionen, ADHS oder Angststörungen sprechen. Für Ass.Prof. Kathrin Karsay, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Wien, ist das zunächst positiv: Solche Inhalte brechen mit vorherrschenden Tabus und können zur Entstigmatisierung beitragen. Doch die Forscherin warnt vor einem strukturellen Problem: „In der Social-Media-Logik zählt, was viel geklickt und geteilt wird. Daher sind die Inhalte meist verkürzt und eher oberflächlich – emotionale Ansprache und Extreme gehen häufig zu Lasten der Richtigkeit.“
Das zeigt sich besonders bei Selbstdiagnosen, die unter Jugendlichen zunehmen. Karsay nimmt diese ernst: „Zahlreiche psychische Störungen treten erstmals im Jugend- und jungen Erwachsenenalter auf.“ Viele Jugendliche fänden durch Social Media erst Worte für das, was sie fühlen. Entscheidend sei jedoch, welche Konsequenzen gezogen werden – ob man das Gespräch mit dem Umfeld sucht oder professionelle Hilfe holt: „Denn TikTok kann keine Therapie ersetzen.“
Ass.-Prof. Kathrin Karsay, Universität Wien
Wo Gefahren lauern
Empirische Studien zeigen außerdem, dass beliebte Mental-Health-Inhalte häufig von der Fachmeinung abweichen: Alltägliche Belastungen werden als Diagnosen interpretiert, Gefühle vorschnell als Störungen dargestellt. Problematisch wird es laut Karsay vor allem dann, wenn psychische Erkrankungen romantisiert oder gar als erstrebenswert dargestellt werden, denn dann holen sich Betroffene möglicherweise keine Hilfe.
Ihr konkreter Rat an Eltern und Jugendliche: immer hinterfragen. Etwa welche Motive verfolgen Influencer*innen – werden im selben Atemzug Nahrungsergänzungsmittel oder Coachings beworben? Wer merkt, dass ihn der Feed in eine bestimmte Richtung drängt, sollte eine Pause einlegen, Problematisches melden und gezielt entfolgen. Und vor allem: das Gesehene zum Anlass nehmen, mit vertrauten Menschen zu sprechen.
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