Wissen
22.04.2018

Wie sich das Lesen auf Gehirn und Gesellschaft auswirkt

Die Kulturtechnik des Lesens formt das Denkorgan und fördert demokratische Entscheidungen.

Lesen ist Training fürs Gehirn. Wer liest, übt verschiedenste kognitive Fähigkeiten: Gute Leser haben ein besseres verbales Kurzzeitgedächtnis, können Kategorien schneller wahrnehmen, Bilder, Farben und Symbole schnell benennen und besser vorhersagen, wie ein gesprochener Satz weitergehen könnte. Das wirkt sich auch auf die Gesellschaft aus.

Komplexe Fähigkeit

Lesen und Schreiben sind für viele Menschen alltäglich. Diese machen sich kaum Gedanken, wenn sie zum Stift greifen, um etwas zu notieren oder zum Smartphone, um eine Nachricht zu lesen oder zu beantworten. Dabei sind die Kulturtechniken äußerst komplex. Das beschreibt Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen gemeinsam mit seinen Kollegen Régine Kolinsky und Thomas Lachmann in der Fachzeitschrift Language, Cognition and Neuroscience. Demnach muss das Gehirn zum Lesen und Schreiben zahlreiche Wahrnehmungs- und Denkfunktionen genau abstimmen. Dazu gehören etwa grundlegende visuelle Fähigkeiten, die phonologische Wahrnehmung, Langzeit- und Arbeitsgedächtnis und vieles mehr. Aus diesem Grund müssen wir jahrelang trainieren, bis sich Lesen und Schreiben so tief einprägt, dass wir beides mühelos beherrschen. Dadurch ändern sich wiederum auch Struktur und Funktion des menschlichen Gehirns.

In diesem Kontext befasst sich die Forschung mit zwei grundlegenden Fragen: Welche Voraussetzungen braucht es, damit wir Lesen und Schreiben überhaupt erlernen können? Und: Wie beeinflusst diese komplexe Fähigkeit unsere Wahrnehmung und unser Denken?

Folge oder Ursache

Der Psychologe Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik befasst sich mit der Frage, welche Fähigkeiten im Gehirn sich mit dem Lesenlernen verändern. Gerade bei Lese-Rechtschreib-Störungen (LRS) ist es oft schwierig zu unterscheiden, ob damit verbundene Defizite eine Ursache dafür darstellen oder ob sie deswegen auftreten, weil bessere Leser gleichen Alterns diese kognitiven Fähigkeiten mit dem Lesen trainiert haben. So hat José Morais von der Universität Brüssel schon vor vielen Jahren festgestellt, dass Lesen die phonologische Bewusstheit deutlich verbessert, also die Fähigkeit, bestimmte Lautstrukturen der Sprache zu erkennen. Menschen mit LRS fällt es dagegen oft schwer, diese Strukturen zu unterscheiden. John F. Stein von der Universität Oxford argumentiert, dass dies nicht die Ursache für die Schwäche, sondern lediglich ein Nebeneffekt ist.

Falk Huettig selbst hat nun mit Kollegen weitere Effekte gefunden, die kennzeichnend für eine Lese-Rechtschreibschwäche sind, aber sich auch bei Analphabeten beobachten lassen. Dazu gehören die Wahrnehmung von Kategorien, das verbale Kurzzeitgedächtnis, die Fähigkeit, Pseudowörter zu wiederholen, Bilder, Farben und Symbole schnell zu benennen, oder vorherzusagen, wie ein gesprochener Satz weitergehen könnte. Auch hier interpretieren die Forscher die Defizite als Folge mangelnder oder suboptimaler Leseerfahrung und nicht als deren Ursache.

Analphabeten analysieren Bilder anders

Der Vergleich zwischen Analphabeten und erwachsenen Lesern zeigt immer wieder, wie sehr Lesenlernen unser Gehirn verändert. So haben Menschen, die nicht oder kaum lesen können, nicht nur größere Schwierigkeiten, Buchstabenfolgen zu analysieren, sondern auch Bildstrecken aufzugliedern. Zudem fällt es Analphabeten schwerer, zu unterscheiden, wie ein Objekt ausgerichtet ist – etwa ein Hammer, der diagonal liegend abgebildet ist und dessen Kopf und Stiel in verschiedene Richtungen weisen können.

Lesen fördert Demokratie

Weltweit sind nach Angaben der UNESCO nach wie vor 15 Prozent der Menschen Analphabeten. Das schränkt nicht nur sie selbst ein, sondern die Menschheit als Ganzes, wie José Morais von der Universität Brüssel darlegt. Er argumentiert, dass Alphabetisierung nicht endet, wenn Kinder und Jugendliche Lesen gelernt haben, sondern dass das dauerhafte und tiefgehende Auswirkungen auf ihr Denken und Wissen hat. Die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben ist die Voraussetzung für die Analyse von komplexen Problemen und für einen Strom von Ideen und kritischem Denken. Sie ermöglicht eine sachlich fundierte öffentliche Debatte und eine sinnvolle kollektive Entscheidungsfindung. Je besser Menschen im Lesen geschult sind, umso besser können sie öffentliche Angelegenheiten kontrollieren und zu einer wirklich demokratischen Regierung beitragen.