Wissen und Gesundheit
16.06.2017

Wie Eltern Ihre Kinder vor dem Ertrinken schützen können

Jährlich ertrinken in Österreich im Schnitt drei Kinder. Auch nach Badeunfällen gilt es, wachsam zu sein.

"Keiner geht eine Stunde einkaufen und lässt sein Kind unbeaufsichtigt am Pool. Aber wenn der Nachbar läutet oder wir die Wäsche aufhängen, sind wir kurz abgelenkt." Elisabeth Zwingraf vom Samariterbund Wien weiß, dass ein paar Sekunden über Leben oder Sterben bzw. Behinderung entscheiden.

Ertrinken zählt bei Kindern zu den häufigsten Todesursachen. Bis zum fünften Lebensjahr besteht die Gefahr, selbst in sehr seichtem Wasser zu ertrinken. Und das noch Tage nach dem tatsächlichen Badeunfall. Vorsorge ist der beste Schutz.

Wenn Kinder ertrinken, geschieht das lautlos. Sie rufen nicht, weil sie den Mund zum Luftschnappen brauchen. Oder weil der bereits unter Wasser ist. Weil der Totstellreflex eingetreten ist. Sie rudern nicht mit den Armen, weil sie die Extremitäten instinktiv zur Seite strecken, um möglichst breit auf der Wasseroberfläche zu liegen. "Kinder, denen es gut geht, lärmen. Spätestens wenn es leise wird, muss man nachschauen", sagt Zwingraf. Und zwar zuerst im Wasser, dann im Rest der Anlage.

Gehirnschäden nach vier Minuten

"Bis zum Ende der Volksschule kann man nicht darauf vertrauen, dass Kinder ihre Schwimmkenntnisse im Notfall umsetzen können", warnt Peter Spitzer vom Forschungszentrum für Kinderunfälle. Gemeinsames Abkühlen von Erwachsenem und Kind beugt einem Unfall vor, nur unmittelbare Einsatzbereitschaft schützt. Vier Minuten unter Wasser führen zu Gehirnschäden durch Sauerstoffmangel, nach fünf Minuten Abtauchen tritt der Tod ein. Auf einen tödlichen Badeunfall kommt eine schwere geistige Behinderung.

Experten sind sich einig, dass jedes Kind nach einem Badeunfall zum Arzt muss. Denn es gibt mehrere Formen des Ertrinkens – auch außerhalb des Wassers: "Beim trockenen Ertrinken kommt es zu einer Verkrampfung des Kehlkopfs", erklärt Kinderarzt Prim. Peter Voitl. Das verhindere zwar das Einatmen von Flüssigkeiten, doch manchmal löst sich dieser Krampf nicht mehr – dann ersticken die Betroffenen. Das geschieht unmittelbar nach dem Ereignis.

Sekundäres Ertrinken gilt als Spätfolge eines Badeunfalls. Dabei gerät nicht so viel Wasser in die Lunge, dass es unmittelbar zum Erstickungstod kommt. "Beim sekundären Ertrinken finden sich Wasseransammlungen in der Lunge und im Bauch, Wasser tritt aus dem Gewebe in die Lungenbläschen. Es entstehen Entzündungsprozesse und schließlich kommt es zu einem Lungenversagen", erläutert Voitl. Das sei die klassische Folge eines Vorfalls, der zunächst gut ausgegangen zu sein scheint: "Jedes Opfer eines Fast-Ertrinkens muss in der Folge unbedingt beobachtet, nachbetreut und geröntgt werden." Oft ist nämlich der Fall, dass ein Kind kurz im Wasser versinkt, rasch an die Oberfläche geholt wird und – auf den ersten Blick – nur der Schrecken bleibt. Doch auch nur die geringe Aufnahme von Flüssigkeit durch Einatmen kann später zu Komplikationen führen. Beim ARDS-Syndrom (acute respiratory distress syndrome) führt die Schädigung der Lunge zeitversetzt zum Tod.

"Prävention ist das Wichtigste", betont Zwingraf. Schwimmhilfen zählen nicht zu den Schutzmaßnahmen. Beobachten schon: "Achten Sie auf Anzeichen völliger Erschöpfung, wie ein nach hinten gelegter Kopf, ein leerer Blick oder nasse, ins Gesicht geklatschte Haare."

Bei Badeunfällen Erste Hilfe leisten und Rettung rufen

"Das Risikobewusstsein der Eltern gegenüber Wasser ist in den vergangenen zehn Jahren besser geworden", sagt Peter Spitzer, Generalsekretär von "Große schützen Kleine". Trotzdem ereignen sich jährlich im Schnitt drei tödliche Ertrinkungsunfälle (siehe unten) – erst diese Woche ertrank ein Dreijähriger in einem Bach in Oberösterreich. Schnelles und richtiges Handeln können in der Notsituation helfen, akut einen Herzstillstand verhindern und die Überlebenschance erhöhen.

Notfallsanitäterin Elisabeth Zwingraf erklärt die wichtigsten Rettungsmaßnahmen: Holen Sie ein regloses Kind sofort aus dem Wasser, sprechen Sie es laut an und berühren es. Reagiert das Kind nicht, rufen Sie um Hilfe, damit andere Personen auf die Notsituation aufmerksam werden und die Rettung alarmieren. Überstrecken Sie ohne Gewaltanwendung den Kopf in Richtung Nacken, bei Säuglingen bringen Sie den Kopf in eine Neutralposition. Und kontrollieren Sie nun die Atmung.

Atmung funktioniert Können Sie innerhalb von zehn Sekunden feststellen, dass das Kind zwei bis drei Mal atmet, bringen Sie es in die stabile Seitenlage. Prüfen Sie die Atmung immer wieder, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Atemstillstand Können Sie keine Atmung feststellen, beatmen Sie das Kind fünf Mal (Initialbeatmungen). Kontrollieren Sie zehn Sekunden lang die Atmung. Bleibt diese aus, muss mit der Reanimation begonnen werden: Als ungeübter Helfer führen Sie 30 Herzdruckmassagen durch, danach beatmen Sie das Kind zwei Mal. Setzen Sie die Wiederbelebungsmaßnahmen so lange fort, bis das Rettungsteam übernimmt.

Ertrinkungsunfälle in Zahlen

"Derzeit haben wir in Österreich pro Jahr rund 25 tödliche Unfälle mit Kindern zwischen 0 und 14 Jahren, darunter sind im Schnitt drei tödliche Ertrinkungsunfälle", sagt Peter Spitzer vom Forschungszentrum für Kinder- unfälle. 70 % der Opfer sind jünger als 4 Jahre, 20 % sind 5 bis 9 Jahre, 10 % 10 bis 14 Jahre.

Unfallbereiche

Der Großteil der Badeunfälle ereignet sich im privaten Bereich: 40 % der Unfälle passieren im eigenen Pool bzw. Biotop oder in Nachbars Garten. In 34 % der Fälle sind Kinder in öffentlichen Schwimmbädern/Thermen betroffen. 22 % werden Teich, Fluss oder Bach zum Verhängnis, 4 % Badewanne/Planschbecken.