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Wissen
11/24/2019

Wie die Farben in die Politik Einzug hielten

Bunte Anekdoten: Türkis und grün sind die Farben der Saison. Höchste Zeit, sich mit Polit-Kolorit zu beschäftigen.

von Susanne Mauthner-Weber

Kai Kupferschmidts Lieblingsfarbe ist Blau. „Wie die der meisten Menschen“, sagt der Molekularbiomediziner. Doch Blau ist in der Natur selten. Bereits vor 100.000 Jahren stellten die Menschen Pigmente aus rotem und gelbem Ocker sowie Holzkohle her, ein Blau hatten sie nicht. Erst vor 5.000 Jahren mischten die alten Ägypter Sand, Pflanzenasche und Kupfer zum ersten synthetischen Blau. Ägyptischblau war geboren. Und es war eindeutig eher – Türkis.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären: Farben sind elementare Orientierungsmuster der politischen Öffentlichkeit. Sie ordnen das parteipolitische Spektrum und markieren weltanschauliche Positionen – auf den ersten Blick .

Der Ursprung der politischen Farbenlehre findet sich bereits in der Antike. Bei den römischen Zirkusspielen kämpften vier Wagen, die von Renngesellschaften gestellt wurden, um den Sieg. Jeder hatte seine Farbe. Die römischen Kaiser hatten meist einen „Lieblingsrennstall“, konkurrierende Gesellschaften wurden terrorisiert. Von Kaiser Nero wird berichtet, dass er ein leidenschaftlicher Anhänger der „Grünen“ war. In Konstantinopel entwickelten sich die Renngesellschaften dann zu Gruppierungen mit politischem Hintergrund.

Die Farben der Parteien haben ähnliche Funktion wie Fußballtrikots: Man erkennt in Sekundenschnelle, wer wo hingehört.

Als Schwarze werden alle Anhänger christlicher Parteien bezeichnet. Sie haben ihre Farbe von den Talaren der Priester, für die seit dem 17./18. Jahrhundert schwarz vorgeschrieben war.

Die Roten haben sich die Farbe nach der Französischen Revolution zugelegt:  Rot waren die Mützen der Jakobiner. 

In keinem anderen Fall ist die  Verbindung von politischem Anliegen und Parteifarbe so naheliegend wie bei Grün: Es ist die Farbe der Vegetation und der Inbegriff für Natur sowie Ökologie.

Blau leitet sich von der blauen Kornblume ab, die Anfang des 19. Jahrhunderts als Symbol für Natürlichkeit populär war. Blau steht für Konservatismus und Optimismus. 

Pink stieg zur politischen Kategorie auf, weil das bei der Parteigründung eine der wenigen Farben war, die noch nicht vergeben war. 

Kostbare Nuancen

Für die historische Bedeutung der Farben muss man wissen: Anders als heute waren reine Farbstoffe so teuer, dass sie sich nur die obersten Schichten leisten konnten. Farben untermauerten also den Herrschaftsanspruch. Nur der Spitze der Hierarchie war es erlaubt, farbige Kleider zu tragen; ein Privileg, das durch entsprechende Kleiderordnungen abgesichert wurde. So durften nur römische Kaiser Purpur tragen, allen anderen war es unter Androhung der Todesstrafe verboten. Im Mittelalter war Rot den höheren Ständen vorbehalten. Es war nicht nur der teuerste Farbstoff, sondern auch jene Farbe, mit der Stärke und Macht verbunden wurde.

Das Privileg des Adels schrumpfte Stück für Stück, bis im 18. Jahrhundert nur das Vorrecht blieb, rote Absätze zu tragen – nach der Französischen Revolution wurde Rot zur Leitfarbe der unteren Schichten, ihres sozialen Protestes und schließlich der Arbeiterbewegung. Keine andere politische Farbe wird seither international so eindeutig verstanden.

Auch Schwarz hat auf politischen Bühnen eine lange Tradition: Es ist das uralte kirchliche Symbol für Bußfertigkeit und die Leiden Jesu. Im Mittelalter, in einer Phase dunkler Frömmigkeit, war Schwarz am spanischen Hof dominierend. Zu Beginn der Neuzeit bevorzugte es der gesamte europäische Adel. Es wurde zur Farbe der Trauer, aber auch zum Symbol für Stärke und Kraft.

„Heute leben wir in einer blauen Ära“, sagt Kupferschmidt: „Blau wird als beruhigend und vertrauensvoll wahrgenommen. Twitter und Facebook haben nicht von ungefähr blaue Logos.“ Letzteres übrigens deshalb, weil der farbenblinde Mark Zuckerberg nur diese Farbe richtig sehen kann. Prominent ist Blau daneben auch als internationale Friedensfarbe.

Einwanderin Kornblume

Blau-Experte Kupferschmidt denkt aber immer an Richard Willstätter: Dem deutschen Chemienobelpreisträger gelang, woran Generationen von Forschern gescheitert waren: Er isolierte den blauen Farbstoff, Cyanidin, aus den Blüten der Kornblume. „Wegen des wachsenden Antisemitismus floh der Jude Willstätter in die Schweiz“ erzählt er und denkt – wann immer von der Kornblume die Rede ist – „an die Parteien, die sie als Zeichen vereinnahmen. Und dass Willstätter für all das steht, was gegen diese Ideologien spricht.“

Übrigens: Die Kornblume kam einstmals als blinder Passagier aus dem Mittelmeerraum nach Europa – ihre Samen waren unter Getreide gemischt. Daher auch der Name. „Sie ist also eine Einwanderin“, sagt Kupferschmidt und enthüllt ein weiteres erhellendes Faktum: „Weil blau so schwer herzustellen war, gab es lange nur Blautöne, die einen Grünstich haben“. Türkis eben. „Die Farbe ist nach der Türkei benannt und liegt zwischen Grün und blau“ erklärt er. „Im Grunde ist die angestrebte Koalition also einfarbig.“

Buchtipp

Kai Kupferschmidt
„Blau. Wie die Schönheit in die Welt kommt.“ Hoffmann und Campe Verlag. 26, 80 Euro.

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